Zarah – Wilde Jahre | Abtreibung, Bukowski, Nazi-Väter: die 70er als Klischeecollage

07. Dezember 2017

Zarah - Wilde Jahre

[Lesedauer: ca. 2:55 Minuten]

Und wieder so ein Musterbeispiel für die gründliche verkorkste Programmplanung des ZDF, das sich immer gerne als Privatsender missversteht und deshalb Produktionen, die nicht die erwünschte Quote bringen, entweder ins Nachtprogramm verschiebt („The Missing“) oder gleich ganz absetzt („Herzensbrecher“). Im Fall von „Zarah – Wilde Jahre“ hatte die Hauptredaktionsleiterin Fernsehfilm / Serie II vorab noch betont, dass man bei der Etablierung neuer Formate häufig einen längeren Atem benötige, musste ihre Worte aber kurz darauf wieder schlucken, als die Verantwortlichen nämlich das neue Inhouse-Produkt bereits nach zwei Folgen aus der Primetime entfernten und in die Geisterstunde bzw. zu ZDFneo strafversetzten (wo neuerdings ebenfalls quotenabhängig liquidiert wird – siehe „Schulz und Böhmermann“). Stattdessen gab es in Wiederholung eine echte Mainzer Geheimwaffe zu sehen: „Die Bergretter“. Gute Nacht, Seriendeutschland.

Man könnte sich ein Loch in den Bauch ärgern – und dabei haben wir noch kein Wort über die Produktion selber verloren. Die gibt es zwischenzeitlich auf DVD zu kaufen, nur wer sollte sie freiwillig aus dem Regal nehmen und zur Kasse tragen, wo sich doch schon bei der Erstausstrahlung offenbar niemand für das Sujet interessiert hat? Letzteres meint jedenfalls der Tagesspiegel und hat damit eine Erklärung für die schlechte Quote: „Fiktion mit Journalismus im Zentrum, das scheint für das deutsche TV-Publikum eine unpassende Verbindung“. [1] Mit Ausnahme von „Kir Royal“ (ist 30 Jahre her) seien sämtliche Versuche gescheitert. Welche das gewesen sein sollen, behält der Beitrag allerdings lieber für sich. Das ist auch besser so, denn das Argument hat selbstverständlich keinerlei Tragweite und spielt jenen Programmmachern in die Hände, die am liebsten nur Arztserien und Krimis greenlighten wollen. Katastrophal.

Zarah - Wilde Jahre

„Zarah – Wilde Jahre“ (was für ein alberner Titelzusatz) hat eine Menge Probleme, aber dazu gehört ganz bestimmt nicht die Berufswahl der Hauptfigur. Zarah Wolf (Claudia Eisinger) ist Feministin mit spitzer Feder, zwei Bestsellern im Rücken und einer Menge Ambitionen – zu Beginn der 1970er nicht gerade ideale Voraussetzungen für eine Spitzenkarriere in der testosteronlastigen Printbranche (siehe Ingrid Kolb, Marie-Luise Scherer oder Alice Schwarzer). Trotzdem wird sie stellvertretende Chefredakteurin bei „Relevant“, einer Art „Stern“ mit Logo im „Vanity Fair“-Look. Schreiben soll sie, aber nicht gestalten. Darauf hat sie aber keine Lust und ersetzt deshalb bereits in ihrer ersten Arbeitswoche heimlich ein Oben-Ohne-Cover durch einen nackten Männerhintern und zugehörigen phallisch emporgerecktem Gitarrenhals. Klischee gegen Klischee.

Das könnte leider auch das Leitwort der gesamten Serie sein, denn was die Macher über den Redaktionsalltag in den Jahren zwischen sexueller Revolution und NDW zu sagen haben, gießen sie in die Form einer besseren, vor allem ausstattungsintensiven Soap, in der sich Frauen ihre Genitalien im Schminkspiegel anschauen. Ganz „Lindenstraße“, wird Zarahs Umfeld zum Mikrokosmos, in dem alles auf einmal geschieht, inklusive untergetauchten RAF-Mitgliedern, schick unterbrochen von willkürlich zusammengestellten Splitscreen-Collagen aus dem ZDF-Archiv. Das will modern sein, ist in Wahrheit aber ganz schön altbackenes Bildungsfernsehen mit jeder Menge Zeigefingerwissen. Die Hauptfigur selber lernt der Zuschauer als lesbische Feministin, Abtreibungsbefürworterin und Tochter eines überzeugten Nazis kennen, den die Mutter auch nach dessen Tod noch verteidigt (es waren eben andere Zeiten). Doch halt, dann stellt sich heraus, dass Zarah in Wahrheit das Produkt einer Kriegsaffäre ist, über die sich die Mutter selbst auf dem Sterbebett noch ausschweigt. Fortan verdrängt die Suche nach dem wahren Vater so ziemlich alles, was die Serie als historische Gesellschaftskritik auffährt.

Zarah - Wilde Jahre | Claudia Eisinger, Torben Liebrecht

Dass damit Zarahs Motivationshorizont, ihre sexuelle Orientierung und ihre feministische Grundhaltung mithilfe eines küchenpsychologischen Überbaus hinterrücks zum Resultat eines Kindheitstraumas degradiert wird, ist schon ziemlich übel, fügt sich aber in die allgemeine Architektur der Serie, die ohne Stereotypen einfach nicht klarkommt (schlimmstes Beispiel: der dauerbetrunkene Feuilleton-Kollege, dessen Helden Russ Meyer und Charles Bukowski heißen, und mit denen er auch schon mal ein Interview einfach erfinden muss). Auf der anderen Seite kann man „Zarah“ einen durchgängigen Unterhaltungswert nicht absprechen. Denn auch wenn die Charakterisierung der meisten Figuren sichtbar auf dem Reißbrett entstanden ist, haben die meisten von ihnen einen gewissen Sympathiewert. Das fast ausnahmslos gute Ensemble (besonders schillernd: Theresa Underberg als Chefsekretärin) trägt das Seine dazu bei, den einzelnen Rollen die notwendige Portion Glaubwürdigkeit hinzuzufügen, die auf dem Papier noch fehlt. Besonders bewegend geraten die wenigen Szenen zwischen Zarah und ihrer Mutter (Imogen Kogge).

Ganz und gar fürchterlich dagegen die Episodennamen („Titel und Titten“, „Ballern und bumsen“ – so stellt sich das ZDF offenbar Provokation mit Augenzwinkern vor) und die sinnlose Zukleisterung mit Musik aus der Zeit – gar nicht dran zu denken, was da alleine an Lizenzgeldern draufgegangen ist! Aber Schwamm drüber, denn auf eine zweite Staffel braucht man vermutlich gar nicht erst zu hoffen. [LZ]

OT: Zarah – Wilde Jahre (DE 2017). REGIE: Richard Huber. BUCH: Eva Zahn, Volker A. Zahn. MUSIK: René Dohmen, Joachim Dürbeck, Dürbeck & Dohmen. KAMERA: Robert Berghoff. DARSTELLER: Claudia Eisinger, Torben Liebrecht, Svenja Jung, Uwe Preuss, Theresa Underberg, Imogen Kogge, Jörn Hentschel, Milena Dreißig, Martin Horn. LAUFZEIT: 270 Min. VÖ: 27.10.2017.

Zarah - Wilde Jahre

[Abbildungen: ZDF]

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