XX | Filmkritik: Chromosom der Angst

27. Mai 2017

XX

[Lesedauer: ca. 2:50 Minuten]

Das Grauen ist geschlechtslos – deshalb im Deutschen auch das grammatikalische Neutrum. Die Filmindustrie, insbesondere die amerikanische, sieht das von jeher anders. Horrorfilme sind eine Männerdomäne und damit Basta! Nun ist das natürlich nur ein Genre-Beispiel für das Geschäft mit den bewegten Bildern an sich, wo Frauen, abseits ihrer Funktion vor der Kamera, in entscheidenden Positionen auch im Jahr 2017 noch immer unterrepräsentiert sind (und in aller Regel auch unterbezahlt). Aber gerade im Horrorumfeld zeigen sich weibliche Filmemacherinnen seit einigen Jahren deutlich auf dem Vormarsch: „Der Babadook“, „A girl walks home alone at night“ und „American Mary“ sind nur drei besonders populäre Beispiele. Zeit also für die erste Anthologie, bei der ausschließlich Frauen auf dem Regiestuhl Platz genommen haben.

Inhaltlich ist das natürlich Nonsens und das wissen die Macher/innen auch, zumal ausgerechnet die Produzenten Männer sind (Todd Brown und Nick Spicer, „The Raid“, „Spring“). Es geht mehr um die Geste, um eine Art Fortführung des WiHM (Women in Horror Month) mit anderen Mitteln, das Verblüffen darüber, dass es ein derartiges Projekt bislang noch nicht gegeben hat, und die Frage: warum eigentlich nicht? „XX“ will weniger ein feministisches Statement abliefern als vielmehr eine Lücke füllen auf dem Weg zum geschlechtsindifferenten Genre. Dass sich dabei ohne vorherige Abstimmung der Beteiligten bei fast allen Beiträgen eine gewisse thematische Übereinstimmung eingeschlichen hat, darf durchaus überraschen. Drei von insgesamt vier Episoden drehen sich zentral um Mutterschaft.

Das muss umso mehr wundern, wenn man bedenkt, dass die Vorlage zum ersten und zugleich verstörendsten Beitrag wiederum von einem Mann stammt: „The Box“ beruht auf der gleichnamigen preisgekrönten Kurzgeschichte von Jack Ketchum, für die Jovanka Vuckovic (hier auch Co-Produzentin), ehemals Redakteurin von Rue Morgue und Autorin des fantastischen Kompendiums „Zombies! Die illustrierte Geschichte der Untoten“, kongenial-beunruhigende Bilder gefunden hat. Fast möchte man bedauern, dass ihre Episode die Anthologie eröffnet und nicht beschließt, denn sie hält am längsten nach, auch wenn kaum etwas passiert: Nach einer flüchtigen Begegnung mit einem Fremden und einem Blick in dessen Geschenkkarton (es ist Weihnachtszeit) trägt der kleine Sohn einer vierköpfigen Familie ein unvorstellbares Geheimnis mit sich herum und weigert sich fortan zu essen. Befremdlich: Nur den Vater scheint die Situation in Alarm zu versetzen. Das reicht nicht aus für schlimme Alpträume? Abwarten.

XX | Melanie Lynskey

Der zweite Beitrag kommt eher als schwarze Komödie daher und ist im Grunde eine Helicopter-Mom-Variante von Hitchcocks „The trouble with Harry“: Ausgerechnet am siebten Geburtstag ihrer Tochter findet Mary ihren sonst meist abwesenden Mann tot am Schreibtisch vor. Konnte das nicht irgendwann anders passieren? Die Leiche muss jedenfalls weg, um dem Kind nicht die Party zu verderben. Aber die Zeit drängt und bald schon stehen die ersten Gäste vor der Tür. Da ist Kreativität gefragt – nicht zuletzt seitens der Autorinnen. Eine von ihnen ist die Musikerin Annie Clark (besser bekannt unter ihrem Künstlernamen St. Vincent), die hier ihr Regiedebüt gibt. Der Ablauf ist zwar weitestgehend vorhersehbar, doch das Tempo stimmt und die Pointe liefert den größten Lacher. Die eigentliche Attraktion von „The Birthday Party“ allerdings ist Melanie Lynskey („Heavenly Creatures“, „Two and a half Men“), mit deren komödiantischem Timing die Episode steht und fällt.

Und wo wir schon beim Fallen sind: „Don’t fall“ ist trotz schicken Monster-Makeups vielleicht der schwächste der vier Beiträge und zugleich der einzige, in dem Mütter keine Funktion haben. Für einen Kurzfilm ist der Witz nach der Hälfte durch, als Langfilm oder gar ein Franchise hingegen würde sich interessantes Potential anbieten. Regie und Buch stammen von „Birthday Party“-Co-Autorin Roxanne Benjamin („Southbound“), Mitproduzentin der „V/H/S“-Reihe und damit Anthologie-erprobt. Ein Monster anderer Art schließlich präsentiert Karyn Kusama („The Invitation“, „Jennifer’s Body“) in ihrer Episode. Auch hier ist der Bezug zu einem bekannten Genre-Klassiker – den wir an dieser Stelle nicht spoilern wollen – unübersehbar und offensichtlich gewollt. In gewissem Sinn lässt sich vielleicht sogar von einer inoffiziellen Fortsetzung sprechen (man achte auf den Beruf des Vaters), zumal kein anderer Horrorfilm zuvor konsequenter von Mutterschaft handelt. Atmosphärisch dicht inszeniert, rundet „Her only living son“ die Anthologie zwar würdig ab, gerät aber leider auch schnell wieder in Vergessenheit.

Ergänzt um kunstvolle Stop-Motion-Segmente von Sofìa Carrillo, ist das Vergnügen nach nur 80 Minuten bereits vorbei. Schon 2013 hatte „XX“ auf dem American Film Market in Santa Monica nach Vertriebspartnern gesucht und ein Release für das Folgejahr angekündigt. Damals waren neben Vuckovic und Kusama noch Mary Harron, Jennifer Chambers Lynch und die Soska-Schwestern mit eingebunden. Zwischenzeitlich ist eine Menge passiert und man kann froh sein, dass das Projekt dem Fluch ewiger Vorproduktion trotz einiger Verzögerung irgendwie entkommen konnte.

Wie bei vielen Omnibusfilmen ist der Stückwerkcharakter auch hier nicht ganz zu übersehen, aber das liegt in der Natur der Sache. Anthologien sind per se so etwas wie das cineastische Pendant zu Sammelausstellungen und haben dank einschlägiger Videoportale ihre eigentliche Funktion längst verloren. Das ändert nichts an ihrer periodisch immer mal wiederkehrenden Popularität, die vermutlich eine Menge mit Nostalgie zu tun hat. Wir jedenfalls würden ein Sequel sehr begrüßen und schlagen schon einmal den passenden Titel vor: „XXII“. [LZ]

OT: XX (CA/USA 2017). REGIE, BUCH: Jovanka Vuckovic, Annie Clark, Roxanne Benjamin, Karyn Kusama. MUSIK: Carly Paradis, Annie Clark, The Gifted, Jefferson Friedman, Craig Wedren. KAMERA: Ian Anderson, Tarin Anderson, Patrick Cady. DARSTELLER: Melanie Lynskey, Natalie Brown, Jonathan Watton, Sanai Victoria, Angela Trimbur, Breeda Wool, Christina Kirk, Kyle Allen, Mike Doyle, Michael Dyson. LAUFZEIT: 81 Min. VÖ: 26.05.2017.

XX | DVD-Cover

[Abbildungen: Koch Media | Magnet Releasing]

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