X-Men: Zukunft ist Vergangenheit | Filmkritik

24. Mai 2014

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

Prequel, Sequel, Reboot – warum sich für eine Variante entscheiden, wenn auch alle drei auf einmal möglich sind? Im Marvel-Universum, und erst recht im verflixt komplexen Kreativ-Kosmos der X-Men, geht grundsätzlich erst einmal alles. Und so staunt der Kenner der Vorgängerfilme nicht schlecht, wenn er nach den ersten Minuten Patrick Stewarts Inkarnation von Charles Xavier wiederbegegnet, nachdem dieser doch im (zeitlich früher verorteten) dritten Teil praktisch pulverisiert worden war. Lange darüber nachzugrübeln lohnt sich nicht, denn schon kurz darauf wird Wolverines Bewusstsein in sein rund 50 Jahre jüngeres Ich – ja, was eigentlich? – teleportiert, um die aktuelle Zukunftsversion grundlegend zu verändern.

Nicht zum ersten Mal beginnt ein „X-Men“-Film mit Bildern eines Vernichtungslagers: 2023 hat sich die Verfolgung der Mutanten zu einem echten Holocaust entwickelt. Riesenroboter mit der Fähigkeit, mutiertes genetisches Material aufzuspüren, machen es den Verfolgten unmöglich, der Tötungsmaschinerie langfristig zu entkommen. Ihre einzige Chance: Eine Reise in die Vergangenheit, um die Entwicklung der sogenannten Sentinels zu verhindern. Konkret heißt das, die außer Kontrolle geratene Mystique (Jennifer Lawrence) muss davon abgehalten werden, den Erfinder der blechernen Killer zu exekutieren (doch, das macht Sinn, auch wenn es zunächst nicht so aussieht).

Wolverine (immer noch Hugh Jackman) wacht also im Jahr 1972 wieder auf und konfrontiert den Zuschauer mit der Erkenntnis, dass seit „X-Men: First Class (dt. Erste Entscheidung)“ einiges passiert sein muss, von dem er noch nichts weiß. Xaviers Mutantenschule ist geschlossen und der Professor (James McAvoy) nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Fähigkeiten hat er als Nebenwirkung einer starken Medikation verloren. Erik Lehnsherr a.k.a. Magneto (Michael Fassbender) sitzt in einem stahlfreien Hochsicherheitsgefängnis ein, Raven/Mystique ist spurlos verschwunden und von den anderen Mutanten ist außer Hank/Beast (Nicholas Hoult) keiner übrig geblieben. Die Zukunft sieht also auch in der Vergangenheit alles andere als rosig aus.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

„Days of Future Past“ ist nicht nur der in der deutschen Version etwas arg programmatisch übersetzte Untertitel dieses insgesamt fünften (oder in anderer Zählung siebten) Beitrags über die zwiegespaltene Mutanten-Truppe, sondern auch ein mehrteiliger Comic aus der „Uncanny X-Men“-Reihe von 1981, an dessen Motiven sich der Film mehr oder weniger vage orientiert. Nicht zuletzt werden es strategische Gründe gewesen sein, die das Sujet so interessant erscheinen ließen: Die (übrigens drei Jahre vor James Camerons ähnlich gelagertem „Terminator“ entstandene) Vorlage bot eine ideale Gelegenheit, dem Franchise für die Zukunft Türen zu öffnen, die „X-Men: The Last Stand (dt. Der letzte Widerstand)“ 2006 mit Nachdruck zugeschlagen hatte.

Die ursprüngliche Besetzung konnte zurückkehren und der Film dabei gleichzeitig die im Prequel von 2011 erzählte Vorgeschichte weiterspinnen. Der nicht alternde Wolverine fungiert als ideales Bindeglied zwischen beiden Welten und bereitet im gleichen Atemzug seinen dritten Solo-Auftritt vor. Mehr kann man nicht wollen. Beim produzierenden Studio jedenfalls wird das Boxoffice-freundliche Konzept mit breiten Grinsen aufgenommen und mit grünen Licht für jegliche Budgetvorstellung belohnt worden sein (die imdb schätzt ansehnliche 200 Millionen USD).

Das alles würde jedoch wenig zählen, könnte der Film selber nicht auch das Seine zum anhaltenden Erfolg des Franchise beitragen. Jegliche Sorge ist da allerdings unbegründet, denn „Days of Future Past“ erweist sich als ein einziger Triumphzug im zunehmenden Einerlei des Superhelden-Genres. Nach Zwischenstopps durch Brett Ratner (zu lieblos) und Matthew Vaughn (zu farblos) hat der Reihe die Rückkehr von Bryan Singer auf den Regiestuhl sichtbar gut getan: Vielschichtige Charaktere, fantasievolle Action, wilde Mutationen, existenzielle Konflikte und ein gut ausbalanciertes Gleichgewicht zwischen Holocaust und Holodeck – die X-Men waren nie lebendiger als hier.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

Nicht zuletzt trägt dazu ein Ensemble bei, das einige der aktuell gefragtesten Namen Hollywoods mal ganz nebenbei miteinander vereint. Den jüngeren Charles Xavier legt James McAvoy als einen aller Waffen beraubten Geistesverwandten jenes Bruce Robertson an, den er vergangenes Jahr so eindringlich in der Irvine-Welsh-Verfilmung „Filth (dt. Drecksau)“ verkörpert hatte. Hugh Jackman gewinnt seiner Figur auch beim siebten Auftritt noch neue Nuancen ab und der onmipräsente Michael Fassbender scheint schizophren anmutende Figuren wie Magneto mittlerweile gänzlich mühelos aus dem Hut zu zaubern.

Einzig Jennifer Lawrence (in unwiderstehlicher Blue-Nude-Optik), die momentan eigentlich nichts falsch machen kann, bekommt im Gegensatz zum Vorgängerfilm diesmal wenig Gelegenheit, ihre Mystique hinter jeder Menge CGI und intensivem Stuntfrau-Einsatz zum Leben zu erwecken und dabei glaubhaft zu vermitteln, warum es so schwierig sein soll, sie von der sinnlosen Ermordung des mit leichten Mengele-Tendenzen ausgestatteten Wissenschaftlers Dr. Task („Game of Thrones“-Tyrion Peter Dinklage) abzuhalten. Hier zeigt sich auch die größte Schwäche des Drehbuchs, denn aus welchem Grund sich Ravens Pläne in der Zukunft als fataler Fehler erweisen, wird ihr zu keinem Zeitpunkt ausdrücklich erklärt.

Großen Wert legt der Film selbstredend auf seine vor allem am Computer entstandenen visuellen Einfälle: Portale zu anderen Orten, die sich ohne Pause während der wildesten Action mitten im Bild auftun und wieder schließen; gigantische Objekte, die dank Magnetos spezieller Fähigkeiten leichtfüßig durch die Luft schweben; und schließlich eine Bullet-Time-Sequenz zu Jim Croces „Time in a Bottle“, der das Wunder gelingt, 15 Jahre nach „Matrix“ so zu wirken, als sei die ad nauseam durchgeleierte und parodierte Technik eigens für die „X-Men“ erfunden worden. Da lässt sich sogar dem über weite Strecken verzichtbaren 3D-Einsatz noch das eine oder andere abgewinnen. [LZ]

OT: X-Men: Days of Future Past (USA/UK 2014) REGIE: Bryan Singer. BUCH: Simon Kinberg. MUSIK: John Ottman. KAMERA: Newton Thomas Sigel. DARSTELLER: Hugh Jackman, James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Peter Dinklage, Patrick Stewart, Ian McKellen, Bingbing Fan, Daniel Cudmore, Ellen Page, Mark Camacho, Anna Paquin, Halle Berry. LAUFZEIT: 131 Min.

X-Men: Zukunft ist Vergangenheit

[Abbildungen: 20th Century Fox]

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