X-Men: Apocalypse | Filmkritik: Rückkehr nach Auschwitz

22. Mai 2016

X-Men: Apocalypse

Er hätte Nietzsche gefallen, dieser erste Träger des X-Gens namens En Sabah Nur, besitzt er doch (und da wird einem selbst beim Zitieren übel) „jene ungeheure Energie der Größe“, die nötig ist, um „durch Vernichtung von Millionen Mißrathener [sic], den zukünftigen Menschen zu gestalten“. Denn als er nach über fünfeinhalb Jahrtausenden aus dem Koma erwacht, scannt er, der Unsterbliche, der im antiken Ägypten als Gott verehrt und von seinen Anhängern verraten wurde, rasch sämtliche TV-Kanäle des Planeten und erkennt so, dass es um die Moral des Homo Sapiens 1983 A.D. nicht sonderlich gut bestellt ist. Kein Wunder, Ronald Reagan ist US-Präsident, das Wettrüsten boomt und im Kino kehren die Jedi-Ritter zurück. Für den Ur-Mutanten gibt es also nur eine Lösung: die aktuelle Menschheit vernichten und unter seiner Herrschaft eine neue aufbauen. Daher sein Alternativname, Apocalypse.

Moment, 1983? Das ist ein ganzes Jahrzehnt nach den Ereignissen von „X-Men: Days of Future Past (dt. Zukunft ist Vergangenheit)“, dem Zeitreisebeitrag der Serie, durch den alle Handlungsstränge der Ur-Trilogie null und nichtig geworden sind – und wer jetzt schon nicht mehr so ganz durchblickt, kommt im Kino erst recht nur bedingt mit. Noch mehr als der gerade erst angelaufene dritte Teil der „First Avenger“-Reihe setzt dieser weitere Ausläufer des Marvel-Universums auf seine Vorgänger (je nach Zählung zwei oder fünf an der Zahl, drei Solo-Filme einmal außen vor gelassen) und macht es selbst dem kundigen Zuschauer nicht immer leicht. Gealtert ist hier bemerkenswerter Weise niemand. Dafür sind die zentralen Figuren weitläufig über den Globus verteilt und gehen – mehr oder weniger erfolgreich – ihre eigenen Wege abseits der Öffentlichkeit.

Raven etwa (Jennifer Lawrence) hat die blauhäutige Mystique im Wesentlichen abgelegt und streift durch Ostberlin, wo Mutanten als unfreiwillige Gladiatoren gegeneinander antreten müssen – ein Kapitel der DDR-Geschichte, das man so bislang noch nicht auf dem Schirm hatte. Einen von ihnen, Karl Wagner a.k.a. Nightcrawler (ein deutscher X-Man, für den man aber offensichtlich keinen deutschen Darsteller wollte), befreit sie aus seiner misslichen Lage und schafft ihn in die USA. Nett von ihr. Warum sie dafür auf dem Schwarzmarkt allerdings falsche Ausreisepapiere beschaffen muss, wo ihr neuer Begleiter doch Teleporter ist, gehört zu einer Reihe von Fragezeichen, die man besser ignoriert.

Professor Charles Xavier (James McAvoy) leitet währenddessen friedlich sein Mutanteninstitut und sammelt fleißig neue Talente, darunter Scott Summers (Tye Sheridan, „Joe“), später Cyclops, dessen Augen – vorerst unkontrolliert – elektromagnetische Strahlen aussenden, oder auch die mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattete Jean Grey/Phoenix/Dark Phoenix/Marvel Girl (Sophie Turner, Sansa Stark aus „Game of Thrones“). Aber wir verlieren uns in Details – ein Umstand, für den der Film nicht ganz unverantwortlich ist, denn bevor sich alles fügt, spinnt er eine Menge Fäden, ruft zahlreiche Schauplätze und Konflikte auf, führt neue Charaktere ein und holt alte nicht unbedingt dort ab, wo er sie bei der letzten Begegnung zurückgelassen hat.

X-Men: Apocalypse | Sophie Turner

Die radikalste Wandlung mutet er Magneto zu (und gibt Michael Fassbender damit die Möglichkeit, seine Figur ein ganzes Stück weit zu vertiefen). Mit neuem Namen hat er sich irgendwo in Polen ein Leben als unauffälliger Arbeiter in einer Metallfabrik zugelegt, zudem geheiratet und ist Vater geworden. Eine Frage der Zeit, wie lange dieses trügerische Glück hält, und selbstverständlich hält es nicht lange. Genau diese Geschichte ist es aber, die der Film braucht, um sich darauf zu besinnen, was die X-Men von allen anderen Superhelden-Konglomeraten unterscheidet. Außenseiter qua Geburt und beizeiten politisch Verfolgte, hadern sie mit dem, was sie sind und können nie sein, was sie gerne wären – nämlich alles, nur keine Mutanten. Erik Lehnsherr (Magnetos bürgerlicher Name) trifft es in gewissem Sinne am härtesten, scheint seine Existenz doch unabwendbar mit der Rolle des Antagonisten verbunden zu sein. Sein Sündenfall ist der tragischste, denn den einfachen Familienvater hat der Zuschauer schnell gemocht. Als er in Schmerz und Verzweiflung die Seiten wechselt, wird daraus eine Anklage gegen einen grausamen Gott, der beharrlich schweigt und ihn erneut zum Monster werden lässt.

Ein anderer Gott ist dafür umso redseliger. En Sabah Nur (übrigens Oscar Isaac) führt Magneto zurück zu den Vernichtungslagern von Auschwitz, der Stätte seines Ur-Leidens, stattet ihn mit neuen, ungeahnten Kräften aus und hilft ihm, den Ort des Grauens in einem Sturm aus Magnetstaub für alle Zeiten restlos verschwinden zu lassen. Das schreibt sich leicht, doch auf der Leinwand kommt die Wucht dieser Sequenz einem Faustschlag in die Magengrube gleich. Das muss man sich erstmal trauen: Gelebte Psychotherapie oder ein Akt der Zerstörung menschheitsgeschichtlicher Erinnerungen? Die einzig treffende Antwort: beides, denn mit einem Mal wird Magneto zum schlimmsten, was ein Terrorist sein kann – ein Allvernichter im Dienste der guten Sache.

Danach, könnte man meinen, verfällt der Film in den Autopilotenmodus, denn was folgen muss, ist weitestgehend vorhersehbar. Doch Kabinettstücke wie ein unvermeidlicher, aber nichts desto weniger bravuröser Quicksilver-Einsatz, ein Logan-Cameo (das nur beweist, wie problemlos die X-Men auf Wolverine verzichten können) und selbst globale Zerstörungsorgien, ohne die das Superheldenkino offenbar nicht mehr auskommt, haben eigene Qualitäten, die „Apocalypse“ aus dem allgemeinen Blockbusterkino herausheben. Dass die finale Konfrontation weniger auf dem physischen als auf dem psychischen Schlachtfeld stattfindet, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Regisseur Bryan Singer und Autor Simon Kinberg die Figuren anscheinend immer noch wichtiger sind als Haudrauf-Action und tumbe Explosionen. Ein echter Lichtblick. [LZ]

OT: X-Men: Apocalypse (USA 2016). REGIE: Bryan Singer. BUCH: Simon Kinberg. MUSIK: John Ottman. KAMERA: Newton Thomas Sigel. DARSTELLER: James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Rose Byrne, Sophie Turner, Oscar Isaac, Tye Sheridan, Kodi Smit-McPhee, Nicholas Hoult, Alexandra Shipp, Evan Peters, Josh Helman, Lucas Till, Ben Hardy, Olivia Munn, Lana Condor, Hugh Jackman. LAUFZEIT: 144 Min.

X-Men: Apocalypse

[Abbildungen: 20th Century Fox Germany]

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