Wyrmwood – Road of the Dead | Filmkritik: Vollgetankt und ferngesteuert

06. August 2015

Wyrmwood

Ein biblischer Meteoritenschauer hat nicht nur den Großteil der Menschheit in Zombies verwandelt, sondern auch dafür gesorgt, dass jegliche Form von Treibstoff unbrauchbar geworden ist. Soweit die schlechten Nachrichten. Die guten: Die allzeit hungrigen Carnivoren produzieren offenbar Methan und lösen damit die Energiekrise. Eine Gruppe Überlebender nutzt die Entdeckung, baut den passenden Motor und entkommt im gepanzerten Jeep einer Untoten-Belagerung. Parallel experimentiert das Militär mit der Übertragung von Zombieblut auf menschliche Versuchskaninchen. Dabei zeigt sich: Wer immun ist, beherrscht urplötzlich eine sehr spezifische Form der Gedankenkontrolle.

Wem das bereits zu gaga ist, wird mit dem Spielfilmdebüt der Brüder Kiah und Tristan Roache-Turner wenig anfangen können. Alle anderen hingegen dürften mit der sorglos unkonventionellen Zombie-Komödie ähnlich viel Spaß haben wie ihre Macher. Denn „Wyrmwood“ ist eine echte Herzensangelegenheit. Mit viel Schweiß und Kunstblut haben die beiden Australier und ihre Crew über vier Jahre hinweg Wochenende für Wochenende gedreht, was das Zeug hielt. Als Set musste dafür auch schon mal die eigene Küche oder Mamas Garage herhalten.

Ihr Budget: vergleichsweise lächerliche 160.000 Dollar, rund 30.000 davon via Indiegogo zusammengetragen. Das Geld floss dabei ausschließlich in die Materialbeschaffung, Cast und Crew arbeiteten umsonst. Kostüme und Ausstattungselemente kaufte man entweder bei Ebay oder bemühte handwerklich begabte Helfer aus dem eigenen Umfeld (zum Beispiel für den Bau einer Zombie-Harpune). Weitere 11.000 Dollar flossen in die Postproduktion. Auch dafür initiierten die Brüder wieder eine Crowdfunding-Kampagne. Mehr Indie geht nicht.

Wyrmwood

Dass man dem fertigen Film seine Produktionsbedingungen wenn überhaupt, dann nur mit sehr kritischem (und wenig wohlwollendem) Auge ansieht, spricht für den Willen und die Fähigkeit seiner Macher und aller Beteiligten, das bestmögliche Endprodukt abzuliefern. Im anekdotenreichen Kommentartrack von DVD und Blu-ray machen die Brüder sich über jeden einzelnen Anschlussfehler lustig und können manchmal selber kaum glauben, dass zwischen zwei aufeinanderfolgenden Einstellungen immer mal wieder ein ganzes Jahr Drehzeit lag. Und überhaupt: „Continuity ist für Weicheier“.

Peter Jackson, den sie damit zitieren, gilt als ihr erklärtes Vorbild und so ist es kein Zufall, wenn man sich hier und da an dessen Splatter-Nonsens „Bad Taste“ erinnert fühlt. Dass der Film zunächst einen ernsteren Ton anschlägt, mag einer früheren Version geschuldet sein, von der in der fertigen Fassung einige Elemente übrig geblieben sind (weitere finden sich im Bonus-Material). Der Ton kippt, sobald sich der zunächst einsamen, durchaus tragischen Hauptfigur ein ganzes Ensemble hinzugesellt, das freilich nach und nach den Untoten zum Opfer fällt und dann als Treibstoff-Lieferant dienen darf.

Wyrmwood

Völlig aus dem Ruder läuft der Film, als er sich seinem Parallelstrang im Militärlabor widmet, wo ein Exemplar des klassischen Mad Scientists wütet, das vermutlich alle Klischees dieses Figurentypus in sich vereint, die den Roache-Turners und Darsteller Berynn Schwerdt eingefallen sind. Angereichert mit mehr als nur einer Prise Slapstick gerät die Angelegenheit hier endgültig zum Cartoon. Aber auch das ist gewollt, denn – glaubt man den Machern – für die Choreografie einer dieser Szenen will man sich an „Tom und Jerry“ orientiert haben. Und da mag durchaus etwas dran sein.

Alles in allem ist „Wyrmwood“ eine einfallsreiche, irrsinnige und bisweilen richtig lustige Zombie-Komödie, die zudem erstaunlich gut aussieht. Vergleicht man allerdings einige der entfallenen Szenen mit dem fertigen Film, so bekommt man einen Eindruck davon, wie viel Aufwand bei der Nachbearbeitung betrieben werden musste, um den professionellen Look des Endresultats hinzubekommen (dass man über die Jahre hinweg naiverweise mit drei unterschiedlichen Frame-Raten gearbeitet hat, dürfte die Sache nicht gerade erleichtert haben).

Auf den einschlägigen Festivals konnte die fröhliche Ozploitation-Splatterei einiges an Begeisterung hervorrufen. Kein Wunder also, dass ein Sequel bereits angekündigt ist. Dabei kann man nur hoffen, dass sich die Brüder ihren Indie-Spirit auch unter optimierten Produktionsbedingungen erhalten können. Unabhägig davon gilt: Alle, die gerne über schlechte Voraussetzungen für junge Filmemacher jammern und frustriert den einschlägigen Fördertöpfen hinterherhecheln, täten gut daran, sich hier ein Beispiel zu nehmen. [LZ]

Wyrmwood

OT: Wyrmwood (AU 2014) REGIE: Kiah Roache-Turner. BUCH: Kiah Roache-Turner, Tristan Roache-Turner. MUSIK: Michael Lira. KAMERA: Tim Nagle. DARSTELLER: Jay Gallagher, Bianca Bradey, Leon Burchill, Keith Agius, Berynn Schwerdt, Luke McKenzie, Cain Thompson, Damian Dyke, Catherine Terracini, Meganne West. LAUFZEIT: 94 Min (DVD), 98 Min (Blu-ray). VÖ: 06.08.2015.

Wyrmwood

[Abbildungen: Tiberius]

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