WORLD WAR Z | Filmkritik

27. Juni 2013

World War Z

Ein Vorzeigebeispiel für Hollywoods sinnlosen Ankaufwahn von Filmrechten: Noch vor Erscheinen des späteren Bestsellers hatte Brad Pitt vergleichsweise tief in die Tasche gegriffen (und dort einer Million Dollar hervorgeholt), um die vielversprechende Gesellschaftssatire über eine aus dem Ruder gelaufene Welt nach der Zombieapokalypse auf die Leinwand bringen zu können. Fünf Jahre, etliche Drehbuchversionen und einige katastrophale Schlingerpartien während der Produktionsphase später hat der fertige Film mit seiner Vorlage jetzt exakt noch zwei Dinge gemein: die Untoten und den Titel.

Autor Max Brooks hatte sein Buch als fiktive Reportage konzipiert, bei der sein namensgleiches Alter Ego im Auftrag der Vereinten Nationen um den Globus reist, um Augenzeugenberichte der Ereignisse zu sammeln – geeigneter Stoff für eine wagemutige TV-Serie oder eine überschaubare Independent-Produktion. Wer aber denkt hier an einen Sommer-Blockbuster? Niemand. Folgerichtig war man sich nach einer ersten, gerüchtehalber noch mehr oder weniger originalgetreuen Drehbuchfassung bald einig, dass eine Hauptfigur her musste, die den roten Faden für eine deutlich geradlinigere Erzählung bieten konnte.

Zunächst war nach dem Rechteankauf 2007 rasch ein Drehbuch von „Babylon 5“-Erfinder J. Michael Straczynski mit späterer Überarbeitung durch Matt Carnahan und (ohne offizielle Erwähnung) Christopher McQuarrie gefolgt. Was davon jedoch übrig blieb, lässt sich nur vermuten. Mitten im Dreh rief man „Prometheus“-Autor Damon Lindelof auf den Plan, um den dritten Akt neu zu gestalten, doch aus Termingründen musste er den Job an seinen „Lost“-Partner Drew Goddard weiterreichen. Tonnenweise bereits gedrehtes Filmmaterial landete im Giftschrank. Ein homogenes Ergebnis würde man unter derartigen Umständen eher nicht erwarten. Sieht man es dem Film aber an, dass seine Macher mit Hängen und Würgen versucht haben zu retten, was zu retten ist? Glücklicherweise nicht.

World War Z

An einem Morgen ohne besondere Vorkommnisse bricht das Chaos aus. Eben noch vertrieben sich Ex-UN-Ermittler Gerry Lane und seine kleine Familie die Zeit im Stau mit lustigen Ratespielen. Wenige Minuten später müssen sie bereits um ihr Leben rennen, denn die Straßen werden von wildgewordenen Untoten überflutet, die ein noch größeres Tempo an den Tag legen als ihre Artgenossen in Zack Snyders Version von „Dawn of the Dead“. Die Invasion erweist sich als globales Phänomen und schon ist von öffentlicher Ordnung nicht mehr viel übrig. Rettung bietet ein Flugzeugträger der Army, doch Gerry darf Frau und Kind dort nur unterbringen, wenn er sich bereit erklärt, die Pandemie im gefährlichen Außeneinsatz zu erforschen.

Im Umfeld der anhaltenden Zombie-Mania ist „World War Z“ ein echtes Novum, denn im starbesetzten Blockbusterkino hatten die Untoten als Genre-Monster bislang eher wenig verloren. „Zombieland“ funktionierte als Komödie, „Warm Bodies“ zuletzt als schräge Lovestory, und die „Resident Evil“-Reihe gehört vor allem ins Scifi- und Action-Fach. Für echte Breitenwahrnehmung der hässlichen Kreaturen ohne ironische Brechung sorgte erst die immens erfolgreiche TV-Serie „The Walking Dead“. Doch am Ende ist auch der von Marc Forster inszenierte Großangriff nur in ganz eingeschränktem Maße Horrorkino.

Das hat nicht nur mit der sichtbar zurückgeschraubten Gewalt zu tun, die für ein familienfreundliches und kassenträchtigeres PG13-Rating (entspricht etwa der hiesigen FSK12-Freigabe) nötig war. Es ist vor allem die Präsenz von Brad Pitt, die den Film immer wieder einholt und die Gewichtung korrigiert. Nicht die Monster und die von ihnen ausgehende Bedrohung stehen im Zentrum, sondern der Hauptdarsteller – Starkino eben. Pitt dominiert nahezu jede Einstellung und macht selbst die eindrucksvollsten Bilder (eine Horde von Untoten bringt die Mauern von Jerusalem zum Einsturz wie einst die Trompeten von Jericho) schnell wieder zur Nebensache.

World War Z

Das ist nicht negativ, man muss es nur hinnehmen und im Grunde sogar dankbar sein für Pitts dominante Präsenz, denn sie gibt dem Film mehr Zusammenhalt, als er vielleicht hat. Nach einer atemlosen Fluchtsequenz zu Beginn hakt die Geschichte streng genommen eigentlich nur einige Stationen in der (visuell eindrucksvollen) Erkundungstour ab, bis ein echter Zufall den dritten Akt ermöglicht, in dem endlich echte Spannung aufkommt. Zu diesem Zeitpunkt ist die Identifikation mit Gerry Lane stark genug ausgeprägt, um beim Zuschauer ernsthafte Sorgen um sein Schicksal hervorrufen zu können. Und dafür bietet das Drehbuch (vermutlich Goddards Anteil) einigen Anlass.

Die größte Stärke des Finales aber ist, dass es den Film von seinen megaloman in Szene gesetzten Schauplätzen mit spektakulären Massenaufnahmen und Tausenden digitaler Zombies herunterbricht auf ein klaustrophobisches Indoor-Setting, in dem Stille das oberste Gebot des Überlebens ist. Überwältigungsstrategie und spektakuläre Optik weichen ganz unerwartet einer einfach gestrickten, aber sehr effektiven Spannungsdramaturgie, die mit einem atemberaubenden Showdown auf kleinstem Raum ihren einprägsamen Höhepunkt erreicht – eine Wendung, die sicher auch der Tatsache geschuldet ist, dass bei Neuausrichtung des dritten Aktes bereits jede Menge Budget verbrannt worden war.

Der Epilog hält sich ein Sequel offen, das mit dem erfolgreichen US-Startwochenende allem Anschein nach schon beschlossene Sache ist. Zwei Fragen bleiben am Schluss offen: Wie groß mag die Rolle von Matthew Fox in der Originalfassung gewesen sein (über die sich u.a. in diesem sehr detaillierten Beitrag von Rodrigo Perez einiges nachlesen lässt), und was bewegt einen Schauspieler aus der deutschen A-Riege dazu, sich für eine Großproduktion wie diese zum panisch dreinblickenden Wasserträger degradieren zu lassen? [LZ]

P.S.: Wer seinen Augen einen Gefallen tun will, sollte der schnellen Schnittfolge wegen auf die völlig unangemessene 3D-Version des Films verzichten.

OT: World War Z (USA/MT 2013) REGIE: Marc Forster. BUCH: Matthew Michael Carnahan, Drew Goddard, Damon Lindelof. MUSIK: Marco Beltrami. KAMERA: Ben Seresin. DARSTELLER: Brad Pitt, Mireille Enos, Fana Mokoena, David Morse, Daniella Kertesz, Ludi Boeken, Matthew Fox, Elyes Gabel, Moritz Bleibtreu. LAUFZEIT: 116 Min.

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[Abbildungen: Paramount]

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