Filmkritik: WILD HUNT

21. Januar 2011

Wild Hunt

Kurz flimmerte dieser Film im vergangenen Jahr im Rahmen des Fantasy Filmfests über deutsche Leinwände und erzielte spontan jede Menge positives Feedback. Doch wie so vieles, was es dort alljährlich zu sehen gibt, ist eine Auswertung fürs Heimkino das Äußerste, auf das sich hierzulande hoffen lässt (im Fall von „The Human Centipede“ etwa steht selbst das immer noch aus). Jetzt endlich ist dieser sehenswerte Erstling aus der Parallelwelt der Live-Rollenspieler endlich auch einem breiteren Publikum zugänglich. Dass er dabei jedoch im allgemeinen Überangebot untergeht, ist leider nur allzu wahrscheinlich.

Filmkritik: WILD HUNT
Stay in Character.

Wem Rollenspieler schon immer suspekt waren, der findet in diesem bemerkenswerten Independent-Drama aus Kanada garantiert nicht nur alle seine Vorurteile bestätigt, sondern lernt vermutlich auch gleich noch ein paar neue kennen. Nicht geht es dabei allerdings um die unüberschaubare Gemeinde unverbesserlicher Nerds, die gleich mal einen Sonderurlaub einreichen, wenn eine neue Erweiterung von „World of Warcraft“ auf den Markt kommt. „Wild Hunt“ nimmt sich stattdessen die deutlich archaischere Spezies der Live-Action-Role-Player vor, in deren Welten Pixel und Vektoren nun wirklich rein gar nichts zu suchen haben. Denn während die Nerds ganz in den Cyberspace abtauchen, fühlen sich die LARPs in der (zumeist) fortschrittsfernen Natur am wohlsten. Man kann den Kopf darüber schütteln, wenn erwachsene Menschen tagelang in Kostümen herumlaufen, mit seltsamem Duktus daherreden und selbst auf der Toilette ihre Rolle nicht ablegen, doch wer einmal erlebt hat, mit welcher Ernsthaftigkeit Kegelclubs operieren, wenn es um die Punktevergabe geht, wird die spinnerten Ritter, Elfen und Magier im Vergleich immer noch sympathischer finden. Nicht viel anders geht es übrigens im Kölner Karneval zu. Oder im Bordell.

Doch wer sich freiwillig über eine lange Distanz hin in eine andere Rolle begibt (so lange er kein Schauspieler ist), steht schnell unter dem Verdacht, Unzulänglichkeiten seines realen Lebens in einer Art fiktiver Parallelexistenz ausblenden und umkehren zu wollen. Notorischen Weltverbesserern und Hobbysoziologen mag das nicht gefallen, doch sich zum Anführer eines fiktiven Wikingerclans zu erklären, ist ganz sicher eine bessere Form der selbstbestätigenden Realitätsflucht, als in den Untergrund abzuwandern, in der Straßenbahn zu randalieren oder Amok zu laufen. Denn Rollenspieler, die sich in Rüstung und Prinzengewand abgesperrte Waldgebiete Untertan machen, sind in aller Regel harmlose Hippies mit Handyallergie. „ Wild Hunt“ sollte man deshalb weniger als Psychogramm einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe betrachten, sondern eher als originelles Drama über Macht und Realitätsverweigerung.

Die Wirklichkeit dieser Geschichte ist jedenfalls grau und trostlos, ein Ort, dem man gerne entfliehen möchte. Erik lebt bei seinem alzheimerkranken Vater, während sein Bruder Björn ganz in die Parallelwelt der LARPs eingetaucht ist, wo er als stolzer Wikinger tollkühne Heldentaten vollbringt. Erik hat das Rollenspielen längst hinter sich gelassen, doch seine Freundin Evelyn zieht es weiterhin in die Wälder, wo das Leben um so vieles besser und aufregender ist. Längst hat sie ein Verhältnis mit dem Schamanen Murthag begonnen, dem sie sich als Gefangene unterwirft. Als Erik von der ungesunden Konstellation erfährt, macht er sich auf den Weg ins Camp, um Evelyn zurückzuholen. Dort aber treffen reale Emotionen und virtuelle Besitzansprüche aufeinander, und die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit verschieben sich auf fatale Weise.

Wild Hunt | Kaniehtiio Horn

Es sind im Kern vier Personen, die der Geschichte ihre Koordinaten liefern, und jede von ihnen durchläuft im Verlauf des Films eine Entwicklung, von der es kein Zurück mehr geben wird. Das Finale ist erschreckend und blutig, psychologisch vielleicht etwas überzeichnet, doch darf man dabei nicht übersehen, dass man es in allen Fällen von Anfang an mit labilen Charakteren zu tun hat. Erik trägt die Last des kranken Vaters alleine und steht kurz davor, allen Halt zu verlieren. Sein Bruder und seine Freundin klinken sich zunehmend aus und verfolgen lieber ihre eigenen Ziele. Für Evelyn ist das Rollenspiel jedoch nur eine Option von vielen, um sich einen zusätzlichen Kick zu verschaffen, und so nimmt sie die Angelegenheit auch nicht allzu ernst. Björn hingegen geht völlig in der Welt auf, die ihm Bewunderung und Sicherheit verschafft, und so gerät jeder Wortwechsel mit ihm zwangsweise zu einer theatralen Inszenierung.

Fatal wird die Konstellation aber erst durch den Schamanen Murthag, über dessen realen Namen sich die Geschichte ebenso bewusst ausschweigt wie über sein Lebens jenseits des Camps. Umso interessanter ist es zu beobachten, wie der Mensch hinter der Rolle in seinem Handeln und Reden zunehmend hindurchschimmert. Seine Besitzansprüche und Gefühle gegenüber Evelyn sind real, und die Kluft zwischen seiner Machtposition im Spiel und der Wirklichkeit nimmt ein Ausmaß an, das er nicht bewältigen kann. Wie ein Zwölfjähriger, der unter Gleichaltrigen das Sagen hat, aber vor den Eltern kuschen muss, erstickt er fast an seiner Ohnmacht – zumindest solange, bis sich diese auf ungute Weise entlädt und als ein Machtbeweis manifestiert, der nur auf Kosten anderer funktionieren kann.

Wild Hunt | Trevor Hayes

Man könnte zwar voreilig auf die Idee kommen, „Wild Hunt“ sei eine Variante von William Goldings „Herr der Fliegen“ oder gar eine Versuchsanordung wie „Das Experiment“, doch beides ist nicht der Fall. Mit einem kaum wahrnehmbaren Budget von gerade einmal 500.000 kanadischen Dollar produziert, geht dieser Film gänzlich eigene Wege und entwickelt seine Geschichte aus der spezifischen Disposition seiner Figuren. Bei Hirschbiegel und Golding sind die entscheidenden Charaktere im Wesentlichen austauschbar, das Ergebnis bleibt jedoch dasselbe. Hier hingegen bedingen sich die vier Protagonisten gegenseitig und bilden erst im Zusammenspiel die Basis für die Eskalation, auf die der Film zwar mit Konsequenz, jedoch ohne unabänderliche Notwendigkeit hinausläuft. Die Barbarei, die in den beiden anderen Beispielen als quasi-naturgesetzliche Folge der jeweiligen Konstellation auftritt, ergibt sich in „Wild Hunt“ erst als willentliche Entscheidung.

Die LARPs treten dabei weniger als gleichgültige Masse auf, die sich beliebig manipulieren lässt (ein Klischee, das sich bei einem weniger gut durchdachten Skript leicht hätte einschleichen können), sondern sie definieren sich ausschließlich durch eine einzige Gemeinsamkeit – ihrer Liebe zum Rollenspiel. Klug werden vor diesem Hintergrund einige Nebenfiguren aufgebaut, die sehr wohl in der Lage sind, Distanz zum Wikinger-, Kelten- und Schamanenspektakel einzunehmen, obgleich sie sich diesem mit Haut und Haar verschrieben haben. Vor allem ihren Darstellern ist dabei zu verdanken, dass man eine Menge Sympathie für die harmlosen Spinner mit Kostümen und Holzschwertern aufbaut.

Wild Hunt | Mark A. Krupa

Autor und Hauptdarsteller Mark A. Krupa  geht es keinesfalls um eine Bloßstellung von LARPs, oder gar eine Hinterfragung ihrer Motive. Im Gegenteil. Erst die Einbindung echter Live-Action-Rollenspieler als Statisten mit ihren originalen Kostümen machte die Produktion überhaupt erst möglich. Krupa, ein bodenständiger Naturliebhaber, der neben seiner Arbeit vor der Kamera einen Blog über Bounty Fishing betreibt und TV-Dokus zum Thema erstellt, will ganz sicher niemanden verurteilen, der als Wikinger oder Elfe durch die Wälder turnt. Vielleicht hat er sich deshalb selber die klischeelastigste Rolle auf den Leib geschrieben. Denn Björn, der Wikinger, ist eine tragische Figur, einer, der sein Leben nicht bewältigt bekommt und sich deshalb in eine Traumwelt hinüberrettet, in der er entgegen aller Realität unbesiegbar sein kann. Er ist ein Kind und ein schlechter Schauspieler, der seine Unsicherheit hinter lautem Chargieren verbirgt und niemals zulässt, dass er aus seiner Rolle fällt. Wie brüchig diese Fassade ist, weiß man bereits nach den ersten Minuten. Wie folgenreich ihr Zusammenbruch geraten kann, zeigt sich erst viel später.

„Wild Hunt“ ist Krupas erstes eigenes Großprojekt als Autor, und auch für Regisseur Alexandre Franchi hatte es bis dato nur Kurzfilme gegeben. Wenn man das dem fertigen Produkt ansieht, dann nur deshalb, weil es mit soviel sichtbarem Einsatz und Liebe zur Sache entstanden ist. Trotz des geringen Budgets entschied man sich gegen eine digitale Variante und filmte auf 35mm. Beim Toronto International Film Festival (TIFF) 2009 gab es zur Belohnung den Preis für den besten kanadischen Debütfilm und beim Slamdance Festival 2010 den Audience Award. In beiden Fällen lässt sich nur hinzufügen: Völlig zurecht. [LZ]

OT: The Wild Hunt (CA 2009). REGIE: Alexandre Franchi. BUCH: Alexandre Franchi, Mark A. Krupa. KAMERA: Claudine Sauvé. MUSIK: Gabriel Scotti, Vincent Hänni. DARSTELLER: Ricky Mabe, Mark A. Krupa, Kaniehtiio Horn, Trevor Hayes, Claudia Jurt, Nicolas Wright, Kyle Gatehouse, Holly O’Brien. LAUFZEIT: 96 Minuten.

In Deutschland erhältlich auf DVD und Blu-ray

Wild Hunt | Filmposter

[Abbildungen © Ascot Elite Home Entertainment | Animist Films | Mad Monkey Films]

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