Selbst für den Teufel zu sündhaft: Ein vergleichender Blick auf WHITE ZOMBIE und NIGHT OF THE LIVING DEAD

02. März 2013

Night of the Living Dead

Auch wenn die kontrovers geführte Diskussion um Quentin Tarantinos arg comicartige Auseinandersetzung mit der Sklaverei in „Django Unchained“ langsam wieder abebbt und Spielbergs „Lincoln“ bei den diesjährigen Oscars auf der Strecke blieb, haben beide Filme doch auf ihre Weise dazu beigetragen, dass Fragen ethnischer Diskriminierung im Kino eine neue Relevanz und Sensibilität gewinnen konnten. Ein Grund mehr, das Thema auch von anderer Seite her zu beleuchten. In ihrer erhellenden Analyse zweier Schlüsselwerke des Zombiefilms deckt Brittney-Jade Colangelo ein interessantes Subtext-Verhältnis auf, das eine Menge über Rassismus im amerikanischen Zeitgeist zu sagen hat.

Zombies gehören zu den beliebtesten Kreaturen im Horrorkino, und das nicht erst seit gestern. Denn auch wenn George A. Romero als eigentlicher Vater des modernen Zombiefilms gilt, machen die Untoten bereits seit den 1930er Jahren die Leinwände unsicher. Im Allgemeinen werten die Filmhistoriker „White Zombie“ als ersten echten Zombiefilm überhaupt, während „Night of the Living Dead“ als Urbild der modernen Variante gilt. Ein direkter Vergleich beider Schlüsselwerke offenbart eine deutliche Neujustierung im Umgang mit dem Subgenre und dem Storytelling im Horrorkino an sich.

1932 fanden die Brüder Victor and Edward Halperin abseits der gut geölten Monstermaschinerie von Universal einen sehr eigenen Weg, eine völlig neuartige Kreatur des Schreckens zu etablieren. Denn während die kostspieligen Frankensteins und nächtlichen Blutsauger aus dem Studioumfeld die sexuelle und gesellschaftliche Moral der Zeit aus dem Gleichgewicht brachten, erlaubte das Konzept der Untoten, Tendenzen ethnischer Diskriminierung auszuschlachten. „White Zombie“ ist ein typisches Beispiel für einen unverhohlenen Rassismus, wie er in den 30er Jahren zum US-Alltag gehörte.

White Zombie

Die Idee des Zombies an sich entsprang einer Obsession für die als exotisch empfundenen Voodoo-Rituale auf Haiti, die sich deutlich vom christlichen Hintergrund der meisten Amerikaner abhoben. Dabei gefiel vor allem der Gedanke, dass sich weißen Befehlshabern die Möglichkeit zur hemmungslosen Sklaverei bot. Das exotische Setting von „White Zombie“ ließ die Ausbeuter zudem mit weißer Weste dastehen. Denn schließlich hatten sie es mit untoten Haitianern und nicht mit gleichgestellten freien Bürgen zu tun. Der Schrecken der Untoten lag dem gemäß auch nicht im Angriff auf gesellschaftliche Werte, sondern beruhte vielmehr auf dem alptraumhaften Gedanken der Zombifizierung selber und der Vorstellung, hilflos den Bedürfnissen anderer ausgeliefert zu sein.

Filmkritikerin Elizabeth A. Kingsley entdeckt zudem ein Klassensystem innerhalb der einzelnen Typen von Untoten: „Clarence [die zombifizierte weiße Hauptfigur, d. Red.] sticht wie ein bunter Hund aus den schwarzen Charakteren des Films hervor, hinter denen im Wesentlichen weiße Schauspieler mit schwarzer Maskierung stecken. Die Zombies, die auf Legendres [des Sklavenhalters, d. Red.] Zuckerfarmen arbeiten, werden nur am Rande beleuchtet. Es sind die weißen Zombies, die Bodyguards von Legendre, die den Horror des Films ausmachen.“ Die Schwarzen, so der Gedanke, bleiben irrelevant, und das Grauen der Verwandlung konzentriert sich auf die weißen Figuren. Zudem dienen weiße Zombies als rechte Hand des Sklavenhalters und behalten so ihre Individualität, während schwarze ausschließlich im viehähnlichen Kollektiv gezeigt werden. Wie essentiell hier Filmmonster als Träger eines gut maskierten Rassismus fungieren, wird allerdings erst aus heutiger Perspektive offensichtlich. Ganz anders drei Jahrzehnte später.

Night of the Living Dead

George A. Romero begründete den modernen Zombiefilm, wie man ihn heute kennt. Eine Instrumentalisierung von Figuren und ethnische Diskriminierung sind ihm fremd. Statt Afro-Amerikaner als nutzlos oder gar aktiv böse zu zeigen, machte Romero einen schwarzen Protagonisten zur Stimme der Vernunft. Ben, der unheroische Heldencharakter von „Night of the Living Dead“, ist Beschützer und Anführer zugleich, und zudem der einzige, der einer weißen Frau sagt, was sie zu tun hat. Seine bürgerliche Freiheit steht zu keinem Zeitpunkt in Frage, und so kann er tun und lassen, was er will. Doch die Figur weist auch menschliche Schwächen auf, verliert die Beherrschung, und nicht alle Entscheidungen sind richtig. Ben ist keineswegs perfekt und deshalb umso mehr eine reale Figur und keine Karikatur.

Ähnlich wie „White Zombie“ ist „Night of the Living Dead“ ein wichtiges Beispiel dafür, wie sich der Zeitgeist im Film niederschlagen kann. Kendall Phillips weist in seinem Buch „Projected Fears“ darauf hin, dass Romero sich nicht nur „der politischen Bilder und Sorgen bedient, die für die Gegenkultur der 1960er bedeutsam waren, sondern die narrative Struktur spiegelt auch den Aufstieg und Fall der politischen Ambitionen dieser Bewegung wider.“ Mit der Entscheidung, einen männlich Schwarzen zum Protagonisten zu machen, bestätigte er die politischen und sozialen Normen der Zeit im Schatten der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King. Romero versichert zwar bis heute, dass Duane Jones die Rolle von Ben nicht seiner Hautfarbe wegen bekam, sondern weil er beim Vorsprechen schlichtweg der beste Schauspieler war, doch auch ganz unabhängig von der Intention bleibt Ben einer der progressivsten afroamerikanischen Charaktere im Horrorkino.

George Hickenlooper on Night of the Living Dead

Phillips fügt in seinem Buch hinzu: „Selbst für Zuschauer, die sich nicht unmittelbar mit der ethnischen Problematik identifizieren können, wie sie in Bens Handlungen implizit werden, ist er trotzdem ein interessanter Protagonist, weil er pragmatischen Kampfgeist verkörpert.“ Unabhängig von persönlichen Gefühlen über ethnische Akzeptanz steuert der Film seine Geschichte so geschickt, dass sich der Zuschauer unmöglich auf die Seite des weißen Antagonisten Harry Cooper schlagen kann und stattdessen gezwungen ist, sich mit der schwarzen Hauptfigur zu identifizieren.

Im Gegensatz zu „White Zombie“ spielt „Night of the Living Dead“ zudem im dörflichen Amerika, einem Umfeld, das der Großzahl des damaligen Publikums nicht unbekannt gewesen sein dürfte. Indem der Film die Angst in die Vorgärten derer brachte, die auf die Leinwand schauten, setze er das sichere Gefühl des räumlichen Abstandes außer Kraft, mit dem „White Zombie“ erfolgreich operiert hatte, und zwang das Publikum, seinen Fokus auf das reale Nordamerika zu richten.

Romeros progressive Sichtweise hat das Ihre dazu beigetragen, dass ein wichtiger Denkprozess gegenüber Minderheiten im Kino eingesetzt hat. Statt die Ausbeutung rassistischer Ängste fortzuführen, das ein weißes Amerika mit all seiner Besessenheit in den 1930ern offen zur Schau gestellt hatte, setzte er auf offene Missbilligung und ließ sein Publikum beschämt zurück. [BJC]

P.S.: Unter der Regie von Filmemacher und Musiker Creep Creepersin („The Brides of Sodom“) entsteht derzeit ein Remake von „White Zombie“. Dass dort ein Statement zu Fragen ethnischer Diskriminierung zu finden sein wird, lässt sich allerdings getrost bezweifeln.

P.S.2: Brittney-Jade Colangelo beitreibt seit 2009 den Horrorfilmblog Day of the Woman.

Mick Garris on White Zombie

White Zombie (Public Domain, diese Fassung via Troma)

White Zombie

White Zombie

[Abbildungen: Screencaptures]

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Eine Antwort zu “Selbst für den Teufel zu sündhaft: Ein vergleichender Blick auf WHITE ZOMBIE und NIGHT OF THE LIVING DEAD”

  1. [...] Einen sehr interessanten Text findet man auf screen/read. Dort werden relativ wissenschaftlich „White Zombie“ und „Night of the Living Dead“ miteinander verglichen. Besonders spannend ist dies sicherlich für Leute, die bei Florian [...]

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