Schwarzweiße Weihnachten: White Christmas vs. Black Christmas

24. Dezember 2014

White Christmas vs Black Christmas

Wer sich noch nicht so ganz im Klaren darüber ist, ob er an den Feiertagen zum traditionellen Weihnachtsfilm tendiert oder doch lieber im mittlerweile ziemlich reichhaltigen Repertoire der weniger besinnlichen Horrorfraktion stöbern will, dem sei der direkte Vergleich zweier archetypischer Beispiele aus dem jeweiligen Lager empfohlen. In unserer Auswahl steht ein federleichtes Hollywood-Musical auf der einen und die Initialzündung des Slashergenres auf der anderen Seite. Wie auch immer die Entscheidung am Ende ausfallen mag, wir wünschen allen unseren Lesern frohe Weihnachten.

White Christmas [dt. Weiße Weihnachten] (1954)

Man stelle sich vor: Zwei ehemalige G.I.s starten nach Kriegsende eine Karriere als erfolgreiche Broadway-Produzenten und retten das Hotel ihres früheren Generalmajors mithilfe einer Revue. Dabei verlieben sie sich in zwei Sängerinnen und am Schluss schneit es. – Das ist in etwa das Handlungsgerüst des erfolgreichsten Films von 1954. Doch die dünne Story ist nur Mittel zum Zweck und dient (da unterscheidet sich „White Christmas“ im Kern kein Stück von der Mehrzahl der heutigen Blockbuster) lediglich als Steigbügel für die eigentlichen Hauptattraktionen: hinreißende Melodien aus der Feder von Irving Berlin und eine berauschende Choreografie von (damals noch ungenannt) Bob Fosse.

Im Zentrum steht selbstverständlich der titelgebende Klassiker, den es hier gleich mehrfach zu hören gibt (anfangs gar noch auf kriegsgeschütteltem europäischen Boden). Entgegen landläufiger Auffassung wurde „White Christmas“ allerdings nicht für den gleichnamigen Film komponiert. Bing Crosby hatte den Song erstmals 13 Jahre zuvor in seiner wöchentlichen NBC-Radiosendung vorgetragen. Käuflich erwerben konnte man ihn einige Monate später als Teil des Soundtracks zum Paramount-Musical „Holiday Inn [dt. Musik Musik]“ (1942).

Tatsächlich basiert der spätere Film lose auf dem früheren und war zunächst initiiert worden, um das damalige Duo Crosby und Fred Astaire erneut auf der Leinwand zu vereinen (es wäre ihr dritter gemeinsamer Auftritt geworden). Doch Astaire konnte mit dem Drehbuch wenig anfangen, und so ging seine Rolle nach einigem Hin und Her an Comedien Danny Kaye. Dem Erfolg des Films schadete der Darstellerwechsel nicht und erst recht nicht den erneut angestoßenen Verkaufszahlen des Titelsongs. „White Christmas“ in der Crosby-Fassung gilt bis heute als meistverkaufte Single der Musikgeschichte – von den unzähligen Coverversionen ganz abgesehen.

Der Film unter der Regie von Michael Curtiz selber ist letztlich unspektakulär und hat im Vergleich zu anderen Musicals der großen Studios nie echten Klassikerstatus erreichen können. Für sorgloses Festtags-Entertainment eignet er sich jedoch immer noch perfekt. Wer übrigens beim Nachnamen der weiblichen Hauptdarstellerin aufmerkt, befindet sich auf der richtigen Spur. Die 2002 verstorbene Rosemary Clooney ist eine Tante von George.

White Christmas

Black Christmas [dt. Jessy – Die Treppe in den Tod] (1974)

Fast auf den Tag genau zwei Jahrzehnte später (Uraufführung am 11. bzw. 14. Oktober) bekamen auch die Schwarzseher ihren eigenen Weihnachtsfilm. Dass der Titel als direkte Anspielung auf den Berlin/Crosby-Hit gedacht war, ist anzunehmen. Inhaltlich spielt die Farbe jedenfalls keine Rolle, denn da dominiert eher blutrot. Kein Wunder, denn schließlich meuchelt hier ein Unbekannter über die Weihnachtstage hinweg nach und nach alle Bewohnerinnen eines Studentinnenwohneheims und terrorisiert sie zuvor mit obszönen Anrufen. Interessanterweise vereint die Independent-Produktion aus Kanada alle wesentlichen Elemente des klassischen Slashers avant la lettre. Denn bis zu „Halloween“ sind damals noch vier Jahre hin, und doch könnte man auf die irrige Idee kommen, „Black Christmas“ gehöre zu den vielen Trittbrettfahrern, die sich beim Erfolgsmodell von John Carpenters Klassiker bedienen.

Der gesichts- und motivlose Killer, seine bevorzugt weiblichen Opfer, die Bedrohung innerhalb der sonst sicheren vier Wände, die verräterischen POV-Shots – hier ist alles wie gehabt, nur dass es eben noch eine Weile dauern sollte, bis sich die Muster zu einem Subgenre manifestierten. Zugleich zehrt dieser immer wieder gerne als Ur-Slasher erachtete Film nicht unwesentlich vom italienischen Giallo, der den psychosexuellen Serienkiller erstmals zum treibenden Handlungselement erhob.

„Black Christmas“ hat unter Horrorfans in vielerlei Hinsicht Kultstatus und hinterlässt auch rückblickend immer noch einen erstaunlich guten Eindruck. Gerade im Vergleich zu seinem arg auf grafische Gewalt ausgerichteten Remake von 2006 bietet der atmosphärisch dichte Film eine Menge Suspense, ohne sich auf Klischees zu verlassen, und die durchweg verstörenden Telefonanrufe tun ihr Übriges.

In den US-Kinos wurde „Black Christmas“ übrigens zunächst unter dem Titel „Silent Night, Evil Night“ veröffentlich und mag auch dahingehend auf den weitere zehn Jahre später erschienenen Weihnachts-Slasher „Silent Night, Deadly Night“ eingewirkt haben. Dass beide Killer zudem den Namen Billy tragen, gehört zu den vielen Easter Eggs, an denen sich Kuriositätensammler erfreuen können.

Unter den Darstellern finden sich mit Keir Dullea Kubricks Sternenreiser Bowman und die künftige Lois Lane Margot Kidder (Rob Zombie besetzte sie 2009 zudem in seiner Variante von „Halloween 2“ als Laurie Strodes behandelnde Psychiaterin). Regisseur Rob Clark kam vom Thema offenbar nicht so ganz los und drehte nach zwei Ausflügen in die pubertär-schlüpfrige Welt von „Porky’s“ schließlich 1983 noch einmal einen Weihnachtsfilm („A Christmas Story [dt. Fröhliche Weihnachten]“) – diesmal allerdings ganz ohne Killer und stattdessen für die ganze Familie. [LZ]

Black Christmas

[Abbildungen: Paramount / Alamo Drafthouse Cinema (Plakate) | Screencaptures]

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