Weinberg | Deutsche Impotenz: TNT-Serie zeigt das hiesige Genre-Dilemma

12. Dezember 2016

Weinberg - Im Nebel des Schweigens

Wir wissen nicht, welche Serie der Kollege vom Spiegel da gesehen hat, die so „souverän aus der deutschen Vormoderne in die Zukunft des hiesigen Fernsehens weist“ [1], nur eins ist klar, die TNT-Produktion „Weinberg“ kann es kaum sein. Auch jene „surreale(n) Szenen von ungekannter Intensität“, die man bei der FAZ entdeckt haben will [2], müssen wohl an anderer Stelle gefunden worden sein (oder vielleicht auch nur erträumt). Vom Grimme-Preis wollen wir gar nicht erst anfangen. Lieber fragen wir uns: Geht es der hiesigen Serienlandschaft tatsächlich so unsäglich schlecht, dass schon eine enervierend ungelenke, erschreckend einfallslose und gähnend langweilige Kopie einschlägiger Originale ausreicht, um Begeisterungsstürme im Feuilleton auszulösen? Offenbar ja.

Kein Wunder, denn wo andauernd Symposien zum Thema stattfinden, auf denen beklagt wird, dass man den Anschluss an die boomenden Serienmärkte USA, Skandinavien oder England bislang nicht geschafft hat, ist die Sehnsucht nach Befreiungsschlägen verständlicherweise hoch. Und ziemlich unsinnig, denn schließlich kann das deutsche Fernsehen auf eine lange Tradition qualitativ hochwertiger Serienproduktion verweisen. Doch das will niemand hören, wenn vom vielbeschworenen „linearen“ Erzählen schwadroniert wird. „Serie“ heißt im Umfeld dieses Diskurses immer gleich „Game of Thrones“, „The Walking Dead“ und „Breaking Bad“. Da müsse man hin. Na klar.

„Weinberg“ mit dem bedeutungsschwanger-trivialen Untertitel „Im Nebel des Schweigens“ ist ein Kind dieser Denkmuster und im Ergebnis eine deutsche Impotenz-Variante großer Vorbilder. Zu Beginn wacht ein namenloser Fremder (Friedrich Mücke) ohne Erinnerung im nebelverhangenen Weinberg auf, über ihm zwischen den Reben verfangen eine tote Schönheit. Im nahegelegenen Dorf trifft er auf ein Sammelsurium merkwürdiger Gestalten, die allesamt ihre eigenen Geheimnisse hüten. Und die vermeintlich Tote erweist sich vorübergehend als quicklebendig – bis sie irgendwann doch als Leiche im Weinberg endet. Identitätslos, aber anscheinend einigen Bewohnern nicht gänzlich unbekannt, folgt der namenlose Unbekannte den Spuren des offensichtlichen Mordfalls, wird dabei zum einzigen Vertrauten eines autistischen Jungen, lockt eine Psychotherapeutin (Gudrun Landgrebe) aus dem Ruhestand, lässt sich von einem Medium in eine Art Zwischenwelt schicken und fragt sich dabei beständig: Who killed Laura Palmer bzw. die schöne Weinkönigin?

Also „Twin Peaks“ im Gewand des seit einer Weile ungemein erfolgreichen deutschen Provinzkrimis? In gewissem Sinne, nur eben noch wesentlich schlimmer als es klingt. Hölzern die Figuren, noch hölzerner die Dialoge. Hinter kleinbürgerlichen Fassaden verbergen sich kleinbürgerliche Vorstellungen davon, was sich da wohl so finden lässt: Ein Schüler hat ein geheimes Verhältnis mit dem verheirateten Besitzer des lokalen Tante-Emma-Ladens; ein anderer Schüler hat ein geheimes Verhältnis mit seiner verheirateten Lehrerin; der wohlhabende Platzhirsch ist besessen von Cam-Girls; die Weinkönigin ist besessen von ihrem heimlichen Cam-Girl-Dasein (die „Weinberg“-Variante von Laura Palmers Freizeitaktivitäten im Waldbordell) und so weiter, und so weiter.

Weinberg - Im Nebel des Schweigens

Das Problem dieser Serie (eigentlich ein Mehrteiler) ist dabei weniger ihre Natur als Serie (das natürlich auch), sondern vielmehr ein ganz anderes, das deutschen Filme- und Fernsehmachern aber auch nicht weniger Kopfschmerzen bereitet: der Umgang mit Genremustern jenseits von Krimi und Komödie. Auch hierzu häufen sich die Symposien und Leidensbekundungen (zum Beispiel hier). Horror, Thriller, Fantasy, Scifi – als Eigenproduktionen auf hiesigen Leinwänden und Bildschirmen Mangelware. „Weinberg“ fällt am ehesten in die Kategorie „Mystery“, hat dessen Regeln und Funktionsweisen aber allerhöchstens oberflächlich begriffen.

Denn was nützt eine Handvoll Geheimnisse, MacGuffins und Fragezeichen, wenn die Figuren so belanglos und lebensfern daherkommen, dass sie einem völlig schnurz sind? Wenn alle vielversprechenden Ansätze sofort wieder verschwinden, weil sie nicht zuende gedacht wurden oder den Verantwortlichen dann doch zu gewagt erschienen (die trauernde Mutter, die eine Obsession für Mausefallen entwickelt; die andere Mutter, die ihren heranwachsenden Kindern immer noch die Brust gibt)? Wenn sich Nebenstränge breit machen, die so vorhersehbar sind, dass man sie sich auch gleich selber weitererzählen kann (Arbeiter im Weinberg des Herrn: der vietnamesische Priester, der ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau eingeht – in der hiesigen Provinz besteht anscheinend grundsätzlicher Bedarf nach außerehelichen Aktivitäten)?

Dass in der letzten Folge schließlich der erzählerische Totalverrat an Figuren und Zuschauern gleichermaßen begangen wird (und sich dabei das größte Logikloch von allen auftut), ist nur bezeichnend für das allgemeine Gemenge aus Feigheit und Unsicherheit, das wie ein Damoklesschwert über jeder einzelnen Folge schwebt. Als einstündige Seminar- oder Abschlussarbeit an der Filmhochschule wäre „Weinberg“ durchaus beachtlich, als mehrteilige TV-Produktion ist die Serie hingegen ein einziges Ärgernis. Zum Runterkommen empfehlen wir die erste Staffel von „Fargo“. [LZ]

OT: Weinberg (DE 2015). REGIE: Till Franzen, Jan Martin Scharf. BUCH: Anke Greifeneder. MUSIK: Christopher Colaço, Philipp Schaeper. KAMERA: Timo Moritz. DARSTELLER: Friedrich Mücke, Antje Traue, Arved Birnbaum, Gudrun Landgrebe, Yung Ngo, Anna Böttcher, Helga Boettiger, Laura Tonke, Marcel Glauche, Christina Große . LAUFZEIT: 324 Min (DVD, Blu-ray). VÖ: 03.11.2016

Weinberg | Cover

[Abbildungen: Studiocanal]

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