Warte, bis es dunkel wird (The Town that dreaded Sundown, 2014) | Filmkritik: Meta-Sequel zum Slasher-Klassiker

13. September 2015

Warte, bis es dunkel wird (The Town that dreaded Sundown)

Über die Geburtsstunde des Slasher-Subgenres gibt es mindestens drei voneinander abweichende Positionen. Dass John Carpenter mit „Halloween“ 1978 den entscheidenden Dammbruch ausgelöst und der roten Flut gänzlich ungewollt den Weg bereitet hat, steht außer Frage. Ob Michael Myers allerdings ohne „Black Christmas“ (1974) jemals zur Klinge gegriffen hätte, wagen die meisten Kenner der Materie zu bezweifeln. Die Marketingverantwortlichen für „The Town that dreaded Sundown“ von 2014 würden hingegen lieber den gleichnamigen Vorgänger (dt. „Der Umleger“) von 1976 zum Urbild aller Schlitzerfilme erklären. Dabei hat er mit „Freitag, der 13.“ tatsächlich weniger gemein als mit David Finchers „Zodiac“.

Das hat auf der Oberfläche zweierlei Gründe: Zum einen beruht der semidokumentarisch angelegte Schocker mehr oder weniger auf dem Fall eines realen Maskenmörders aus dem Jahr 1946, zum anderen muss er genau aus diesem Grund ohne Aufklärung auskommen – die Identität des Täters wurde nie festgestellt. Zwischendurch gibt es ein bisschen Polizeiarbeit und den einen oder anderen Todesfall. Am Ende bleibt nur der Film selber, der seine Premiere in Texarkana feiert, der Heimatstadt der Verbrechensserie – und dort seit 2003 tatsächlich einmal im Jahr unter freiem Himmel gezeigt wird.

Dieser mit den Regeln der Logik kaum zu erklärende Meta-Twist scheint Produzent Ryan Murphy so angefixt zu haben, dass er gleich ein ganzes Meta-Sequel initiiert hat. Der Titel ist identisch, die Morde sind ähnlich, doch die frei erfundene Geschichte spielt in der Gegenwart und macht den Originalfilm zum entscheidenden Handlungselement – an sich eine gewitzte Idee, die allerdings nur wirklich Sinn macht, wenn man den Vorgänger auch wirklich kennt. Andernfalls kann die Angelegenheit bisweilen recht verwirrend geraten.

Die 2014er Fassung schließt im Grunde ans Ende der früheren Version an, nur eben einige Jahrzehnte später – bei der Vorführung des Originals unter freiem Himmel. Just an diesem Abend kehrt der Serienkiller aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz aus dem Ruhestand zurück und verbreitet ab sofort wieder Angst und Schrecken. Man hätte es wissen müssen, denn das Filmplakat von 1976 behauptete einst steif und fest, „today [the killer] still lurks the streets of Texarkana“ – eine werbewirksame Tagline, die der damalige Bürgermeister erfolglos zu verbieten versuchte.

Warte, bis es dunkel wird (The Town that dreaded Sundown)

Um die Geschichte voranzutreiben, hat sich Drehbuchautor und Regiedebütant Roberto Aguirre-Sacasa eine weibliche Hauptfigur ausgedacht, die der Killer absichtlich verschont. Statt zu sterben, soll sie eine Botschaft verbreiten, die sich zunächst allerdings niemandem erschließt. Die entscheidende Frage: Ist der Schlitzer, der die Morde von 1946 detailgenau nachinszeniert, ein typisches Slashermonster ohne Verfallsdatum oder doch eher ein Trittbrettfahrer nach „Scream“-Vorbild, der unter Umständen noch etwas ganz anderes im Schilde führt?

Mehr Mystery und Detektivstory als Schlachtplatte, schlägt der Film eine Reihe von Haken, die auf die eine oder andere Weise mit den Koordinaten von Originalfilm, realem Vorbild, Genre-Regeln und fiktiver Eigeninterpretation jonglieren. Murphy hat diese Herangehensweise in seinen einschlägigen TV-Erfolgen („American Horror Story“, „Glee“, „Nip/Tuck“) wiederholt erfolgreich zum Credo erklärt und ist damit immer gut gefahren. Über knappe 85 Minuten hinweg wirkt die Sache jedoch etwas unentschlossen.

Wer einen geradlinigen Slasher erwartet, wird sich enttäuscht sehen, und für Cineasten mit einem Faible für Meta-Spielerei erscheint das alles vielleicht doch etwas zu wenig. Am Ende ist es der (jenseits der Leinwand tatsächlich existierende) Sohn des Original-Regisseurs Charles B. Pierce, durch den die mögliche Aufklärung des Falls eingeleitet wird, doch genau wie die fremdsprachigen Plakate der Filme seines Vaters an der Wand hat die Einbindung des Nachfahren vor allem Kuriositätencharakter.

Apropos Kuriositäten: Im Bonusmaterial der deutschen DVD bzw. Blu-ray gibt Jason Blum, einer der aktuell wichtigsten und fleißigsten Player im Genreumfeld, freimütig zu, erstmals durch Ryan Murphy von der Existenz des 1976er Films erfahren zu haben. Zu entscheiden, ob das mehr über die Irrelevanz des Titels oder die Ahnungslosigkeit Blums aussagt, überlassen wir den (angesichts dieser Aussage vermutlich arg entsetzten) Experten von der Slasherfront. [LZ]

The Town that dreaded Sundown

OT: The town that dreaded sundown (USA 2014). REGIE: Alfonso Gomez-Rejon. BUCH: Alfonso Gomez-Rejon. MUSIK: Ludwig Göransson. KAMERA: Michael Goi. DARSTELLER: Addison Timlin, Veronica Cartwright, Anthony Anderson, Travis Tope, Edward Herrmann, Andy Abele. LAUFZEIT: 83 Min (DVD), 86 Min (Blu-ray). VÖ: 03.09.2015.

Warte, bis es dunkel wird (The Town that dreaded Sundown)

[Abbildungen: Tiberius]

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