Warcraft: The Beginning | Filmkritik: Zweiweltentheorie

28. Mai 2016

Warcraft: The Beginning

Man muss schon eine Menge Ballast beiseite räumen, um jene unschuldige Zeit wieder aufleben zu lassen, als ein Kinobesuch noch bedeutete, sich für zwei Stunden berauschen zu lassen, ohne dafür mit schalem Nachgeschmack und schlechtem Gewissen bestraft zu werden. Als die Leinwand die bessere Welt war, Helden noch nicht von Traumata und deren Manifestationen heimgesucht wurden (oder man zumindest nichts davon mitbekommen hat) und epische Gut/Böse-Geschichten auch ohne die unvermeidliche Spiegelung von 9/11 in fiktiven Weltbedrohungsszenarien funktionierten. Eine gute Zeit, aber wann war das nochmal genau? Ach ja, als man selber etwa 12 Jahre alt war. Oder jünger. Ab und an kann einem der richtige Film vorgaukeln, das sei immer noch so. „John Carter“ zum Beispiel. Oder eben dieser hier.

Doch den einen wollte niemand sehen (weil die Marketingabteilung von Disney auf ganzer Ebene versagte) und der andere droht bereits am Startwochenende von Kritiken beerdigt zu werden, die sich lesen, als seien sie aus den passenden Versatzstücken sicherheitshalber schon einmal vorab zusammengeschraubt worden (wie man das bei Nachrufen eben so macht). Nichts aber schaufelt dem professionellen Schreiben über das Kino so sehr das eigene Grab wie mangelndes Unvermögen zur Unvoreingenommenheit (weil das nämlich bereits das Markenzeichen ebenso ahnungsloser wie sorgfaltsfreier Dahinbloggerei ist). Natürlich, „Warcraft: The Beginning“ konnte nur misslingen, weil sich die Spielevorlage ja schamlos bei bedeutenderen Vorgängern bedient (Tolkien), das Hauptaugenmerk angesichts des Sujets auf CGI liegen muss und Drehbuch wie Charaktere vor diesem Hintergrund selbstverständlich stiefmütterlich behandelt werden. Das Urteil ist da eindeutig.

Der Zuschauer muss sich also entscheiden: Will er den Film als zeitreisender 12-Jähriger oder als erwachsener Besserwisser zu sehen bekommen? Schaut man in die sozialen Medien, so haben sich die meisten bislang offenbar für die erstere Variante entschieden, und wir finden, das ist eine gute Wahl, denn sie wird belohnt. „Warcraft“ ist in etwa so, wie Spielberg „Hook“ gerne gemacht hätte, wäre seine Liebe zum Geschichtenerzählen damals nicht schon von einer Überdosis virtuosen Kalkulationswillens infiziert gewesen, der die Distanz zu Stoff und Figuren zwangsweise ausweitet. Das genaue Gegenteil muss man von Regisseur und Co-Autor Duncan Jones behaupten, der seinem Material geradezu symbiotisch nahesteht und so dem Vorwurf, einen reinen Fanfilm gedreht zu haben, eine perfekte Angriffsfläche bietet.

Doch das ist blanker Nonsens, denn im Gegensatz etwa zu allen Superhelden-Sequels dieses Jahres muss sich niemand jemals auch nur eine einzige Minute im „Warcraft“-Universum aufgehalten haben, um widerstandsfrei durch den Film manövrieren und Gefallen (oder Missfallen) an ihm finden zu können. Das macht mehr als Sinn und muss ein Grundgedanke der Produktion gewesen sein, denn dass erfolgreiche Games an der Kinokasse trotz großer Gefolgschaft in aller Regel scheitern, ist keine neue Erkenntnis. Lässt sich nicht eine breitere Crowd mit Faible für Fantasy als Zuschauer rekrutieren, fällt auch eine vermeintlich sichere Bank wie diese gnadenlos durch. Das haben die Macher verinnerlicht und sich so für den bestmöglichen Ansatz entschieden – einer Art Prequel zum allerersten Game der Reihe.

Warcraft: The Beginning

Die nicht allzu komplizierte Geschichte ist diese: Der Heimat der Orcs, einem naturverbundenen Kriegervolk, steht der Untergang bevor. Den einzigen Ausweg bietet ein dank schwarzer (bzw. grüner) Magie geöffnetes Portal, das ins mittelalterlich anmutende Reich der Menschen führt. Doch anstatt friedlich um Asyl zu bitten (Platz ist immerhin genug da), wiegelt der dämonische Schamane Gul’dan die einzelnen Clans nachhaltig auf und schickt sie vereint in den Krieg. Doch nicht alle sind der Überzeugung, dass der Weg der Gewalt der richtige ist. Clan-Führer und frischgebackener Vater Duraton macht zwar zunächst gute Miene zum bösen Spiel, kann seine Zweifel aber schon bald nicht mehr unterdrücken und schließt heimlich eine Allianz mit den körperlich deutlich unterlegenen Menschen. Kann das gut gehen? Vermutlich nicht, denn wir stehen ja erst am Beginn eines möglichen Franchise-Gebildes.

Eine Frühfassung des Drehbuchs von Charles Leavitt („Blood Diamond“) soll ganz auf gut sortierte altmodische Schwarzweiß-Malerei gesetzt und an den Orcs kein gutes Haar gelassen haben. Damit konnte Duncan Jones, selbst ein passionierter „(World of) Warcraft“-Spieler, wenig anfangen, denn schließlich gehört es zum Grundkonzept des Game-Universums, sich die jeweilige Seite, auf der man kämpfen will, eigenständig aussuchen zu können. Eine Filmversion würde der Vorlage also nur dann gerecht werden, wenn sie mit zwei Perspektiven operiert, zwischen denen der Zuschauer seine Sympathien aufteilen muss (und dadurch in gewissem Sinne zum Mitspieler wird).

Das ist ein zutiefst moderner Gedanke, der das Erzählen jedoch deutlich erschwert, zumal „Warcraft“ ohnehin bereits als Ensemblefilm angelegt ist – für Jones nach seinem gefeierten Debüt „Moon“ und der raffiniert gebauten Auftragsarbeit „Source Code“ ein Novum. Es gibt also eine Menge Bälle zu jonglieren und dem Zuschauer über ein halbes Dutzend Figuren und ebenso viele Hintergründe aus dem Game-Universum mit möglichst wenigen Pinselstrichen rasch nahezubringen – keine leichte Aufgabe in Zeiten, da der seriengeprägte Zuschauer mittlerweile daran gewöhnt ist, komplexe Inhalte über mehrere 45- bis 60-minütige Einzelfolgen hinweg in mundgerechten Stücken serviert zu bekommen. Dass hingegen bei einer (im Vergleich zu anderen Blockbustern) erstaunlich kurzen Gesamtspielzeit von runden zwei Stunden manches arg gedrängt erscheinen muss, lässt sich kaum vermeiden.

Warcraft: The Beginning

Nun könnte es sich der Film leicht machen, ganz auf die Wirkung seiner beeindruckenden CGI-Kreaturen und –Landschaften setzen und den Rest einfach nebenher laufen lassen. Tut er aber nicht und das aus gutem Grund. Denn Jones liebt sein Ausgangsmaterial und will ihm gerecht werden. Also setzt er alles daran, den Charakteren, von denen diese Welt bevölkert wird, auf Seiten der Orcs wie der Menschen echte Gesichter zu verleihen. Und so gibt es den Vater, der seinen Sohn im Kampf verliert; die Mutter, die sich opfert, damit ihr Kind leben kann; den Herrscher, dem sein Volk wichtiger ist als das eigene Leben; das Halbblut, das zwischen Liebe und Frieden entscheiden muss; den Guten, der vom Bösen besessen ist; den Zauderer, der die Seiten wechselt, und so weiter und so fort.

Was am meisten wundern muss: Es gibt mehr Licht als Dunkelheit in diesem Film. Fast die gesamte Handlung spielt sich draußen und am hellen Tag ab und verzichtet auch atmosphärisch auf jene schicksalsschwere Dauer-Düsternis, die Peter Jacksons Ausflüge ins Frodo/Bilbo-Universum zunehmend ermüdender werden ließen, im apokalyptischen Blockbuster-Allerlei der Gegenwart überwiegend zum Standard-Programm und bei „Game of Thrones“ ohnehin zur DNA gehört. In „Warcraft: The Beginning“ darf hingegen auch schon mal ein überschaubarer Lacher erlaubt sein, was der ganzen Angelegenheit durchaus gut tut.

Dass zudem 3D als echtes Erzähl- und Gestaltungsmittel zum Einsatz kommt und nicht zum bloßes Ticketpreis-Gimmick verkommt, spricht für die große Sorgfalt, mit der Jones seinen Film angegangen ist. Wie in den wenigen wirklich schulemachenden Ausflügen in die dritte Dimension seit „Avatar“ dient der Effekt grundsätzlich zur Herstellung räumlicher Tiefe oder Hervorhebung von Ebenen (von Wim Wender in „Every thing will be fine“ zuletzt etwas überstrapaziert) und verzichtet stattdessen auf inhaltsleere Selbstzweckhaftigkeit.

Bringen wir es auf den Punkt: Duncan Jones hat ein etwas angestaubtes Erfolgsgame (wir reden immer noch vom 1994er Ur-„Warcraft“) in ein bildstarkes Leinwandabenteuer überführt, das überwältigen, beeindrucken und bewegen kann – wenn man es denn zulässt. [LZ]

OT: Warcraft (USA 2016). REGIE: Duncan Jones. BUCH: Duncan Jones, Charles Leavitt. MUSIK: Ramin Djawadi. KAMERA: Simon Duggan. DARSTELLER: Travis Fimmel, Paula Patton, Ben Foster, Dominic Cooper, Toby Kebbell, Ben Schnetzer, Robert Kazinsky, Clancy Brown, Daniel Wu, Ruth Negga, Anna Galvin. LAUFZEIT: 123 Min.

Warcraft: The Beginning

[Abbildungen: Legendary Pictures, Universal Pictures, ILM]

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