WANTED | Filmkritik

05. September 2008

1986 wurde von der UN zum Internationalen Jahr des Friedens erklärt. Abrüstung, Versöhnung und Förderung der Menschenrechte sollten den 40. Geburtstag der Vereinten Nationen begleiten. Dem gleichzeitigen Zusammenschluss all derer jedoch, die von Natur aus nichts Gutes im Sinn haben, konnte ein solches Label nichts anhaben. Ziel und Resultat dieser beunruhigenden Allianz war dabei nichts weniger als die gänzliche Vernichtung aller Superhelden und die heimliche Errichtung eines dunklen Machtapparates, der fortan unbemerkt das Geschick der Menschheit bestimmen sollte.

Den neuen Herrschern schließt sich bald auch der zunächst unscheinbare und äußerst durchschnittliche Wesley Gibson an und tritt damit ein durchaus fragwürdiges Erbe an. Als er nämlich erfährt, dass sein Vater nicht nur der weltgefährlichste Attentäter mit dem bezeichnenden Namen The Killer war, sondern ihm auch die – durchaus übermenschliche – Fähigkeit vererbt hat, jede Art von Waffen mit äußerster Virtuosität zu nutzen, ist es vorbei mit dem langweiligen bürgerlichen Dasein. In sein Leben tritt The Fox, eine schwarze Amazone, die ihn in die Bruderschaft der Ultrabösen einführt. Hier lernt er, wie man sich von allen moralischen Bedenken frei macht und stattdessen seine eigenen niederen Instinkte uneingeschränkt auslebt.

Derart korrumpiert, wird Wesley zum rückhaltlosen Gewalttäter und Mittelpunkt eines blutigen Machtkampfes innerhalb der Bruderschaft um die Frage, ob diese sich der Welt endlich als ihr wahrer Herrscher offenbaren solle. – So ungefähr hätte dieses Review begonnen, wenn sich die Entscheider bei Universal etwas genauer an Mark Millars düstere Comicbuchserie gehalten hätten. So jedoch hilft – wie im Film selber auch – nur ein echter Rewind-Effekt.

Aus dem weltlenkenden Bund der ultrabösen Anti-Superhelden ist in der Filmfassung des Autorentrios Michael Brandt, Derek Haas und Chris Morgan (alle aus dem Umfeld von „The Fast and the Furious“) eine überschaubare Geheimgesellschaft von Attentätern geworden, die seit einem knappen Jahrtausend beständig in das Schicksal der Menschheit eingreift. Das geschieht nach dem Prinzip „Töte einen, rette Tausend“ und offenbart sich als eine Art kosmisch gesteuerter Widerstandskampf. Die Wahl der Opfer nämlich entstammt nicht etwa willkürlicher Planung oder strategischer Erwägung, sondern wird vom Schicksal selber gewoben – und das ganz und gar wörtlich.

Ein Webstuhl der Götter, wenn man so will, diktiert in binärer Codierung die Namen derer, die von der irdischen Landkarte verschwinden müssen, damit Schlimmeres verhindert werden kann – oder warum auch immer. Wie genau das funktioniert, fragt man sich besser nicht (und schon gar nicht, welchen Effekt das auf die nächste Rundumschlag-Parodie aus dem Hause Dimension Films haben wird). Das kosmische Faxgerät jedenfalls, wie es sich Erich von Däniken nicht besser hätte einfallen lassen können, ist dabei sowohl manueller Vorläufer der Precrime-Technologie aus „Minority Report“ (nicht die einzige Parallele) als auch Rechtfertigungsmaschinerie für die entschlossene Gewaltbereitschaft der Figuren. Wem das noch nicht genügt, für den hält The Fox noch eine ganz eigene Geschichte bereit, die auch den letzten Zweifler vollends überzeugt.

Dieser Zweifler ist eben jener Wesley Gibson, und an die Stelle von Eminem (den sich Millar und sein Zeichner J.G. Jones als Vorlage zwar ausgesucht, aber trotz öffentlichkeitswirksam gestreuter Gerüchte nie für eine Verfilmung angesprochen hatten) tritt der bisher eher durch weniger brachiale Charaktere aufgefallene James McAvoy, doch das mit gutem Grund. Im Action-Kino ein echter Neueinsteiger, und damit ideal für eine Figur, die dort zunächst auch rein gar nichts verloren hat, zeichnet er den hoffnungslosen Niemand (Buchhalter, Duckmäuser und mutlos genug, um zuzulassen, dass seine Freundin ihn mit seinem besten Freund betrügt) ebenso mühelos wie dessen Wandel zum entschlossenen Killer für die gute Sache – ohne dabei dankenswerter Weise die Kontinuität der Figur zu brechen. Ihm zur Seite steht anstelle von Halle Berry, abgemagert und durchtrainiert wie Madonna, eine fast ausschließlich auf dekoratives Beiwerk beschränkte Angelina Jolie, sowie ein gewohnt souveräner Morgan Freeman. Doch keiner von ihnen kann darüber hinwegtäuschen, dass der eigentliche Star des Films auf dem Regiestuhl sitzt – zumindest kommen von dort die deutlichsten ADS-Signale.

Der Kasache Timur Bekmambetov darf sich selber ohne Übertreibung getrost als Erfinder des neuen russischen Blockbuster-Kinos bezeichnen. Mit „Nochnoy dozor / Wächter der Nacht“ gelang ihm 2004 mal eben so der erfolgreichste Film seiner Heimat, und auch die internationale Vermarktung konnte sich sehen lassen. Dabei hatte er im Grunde nichts anderes getan als die Techniken und Sehgewohnheiten des amerikanischen Action-Kinos zu importierten und die Schraube des Absurden dahinter noch ein Stück weiter anzuziehen (etwas, das der hiesigen Filmlandschaft auch in hundert Jahren noch nicht gelingen wird). Dass Hollywood eine solche Dreistigkeit nicht auf sich sitzen lassen kann, ist nichts Neues, und bekanntlich wird auf amerikanischem Boden alles, was sich gebrauchen lässt, einfach einverleibt oder kurzer Hand assimiliert.

Ein 100-Millionen-Dollar-Budget in Aussicht reichte aus, um Bekmambetov mit wehenden Fahnen zum einstigen Klassenfeind überlaufen zu lassen. Die Adaption von „Wanted“ war bereits in Arbeit und erschien als passendes Projekt für ein erfolgreiches US-Debüt des Neuankömmlings (so ändern sich offensichtlich die Zeiten, denn Ähnliches hätte man John Woo 1993 auch gewünscht). Wieviel Einfluss der Regisseur wirklich auf spätere Änderungen des Drehbuchs gehabt haben mag, kann – abseits der üblichen Auteur-PR, die in Zeiten einer repetitiven Making-of-Kultur nicht ausbleibt – nur bloße Spekulation sein. Optisch jedenfalls ist ziemlich unstrittig, dass Bekmambetov mit weitestgehend freier Hand operieren konnte, und Universal hat von ihm bekommen, wofür er eingekauft war: Wildesten visuellen Action-Irrsinn.

Da werden Fliegen die Flügel abgeschossen (kein Witz!), Autos drehen Pirouetten übereinander, Geschosse fliegen um die Kurve, Züge entgleisen, Köpfe zerplatzen, und die CG-Abteilung gibt sich die größte Mühe, alles echter als echt aussehen zu lassen. Nichts davon wäre aber auch nur halb so spektakulär, wenn die Regie nicht immer um den besten Bildausschnitt bemüht wäre, die Zeit nicht beständig be- und entschleunigen, vor- und zurückspulen, und die Kamera nicht bei jeder Gelegenheit Details hinterher jagen würde, die kein menschliches Auge natürlicherweise jemals zu Gesicht bekäme.

Bekmambetov zieht alle Register seiner filmischen Importsprache und verfehlt dabei nie den erzielten Effekt. Dass er das alles nicht allzu ernst nimmt, ist zusätzlich angenehm und bewahrt das in großen Teilen ziemlich absurde Geschehen auf der Leinwand davor, unter lauter Irrsinn irgendwann nicht mehr zu funktionieren (den größten Irrsinn allerdings erlaubten sich britische Zensurbehörden, als sie zwei Plakatmotive mit der Begründung verbieten ließen, der dort dargestellte Umgang mit Waffen könnte schlichte Gemüter oder Jugendliche zu realen Gewalttaten animieren – ähnlich erging es wenig später der Kampagne zu „Quantum of Solace“, die Daniel Craig mit Maschinengewehr zeigt).

Der Erfolg an den US-Kinokassen gab dem Konzept recht, und Comic-Autor Millar scheint trotz der erheblichen Abweichungen von seiner Vorlage immerhin so zufrieden mit dem fertigen Film zu sein, dass er schnell seine Bereitschaft ankündigte, einem möglichen Sequel eigene Ideen beizusteuern. Für James McAvoy hat „Wanted“ ganz sicher die Türen in Richtung Blockbuster ein merkliches Stück weit aufgestoßen, und Bekmambetov mag in Hollywood zukünftig erst einmal Narrenfreiheit besitzen. [LZ]

[Abbildungen: Universal Pictures Germany]

follow @screenread on twitter

The Aggression Scale | DVD / Blu-ray

Hinterlasse eine Antwort