Von Menschen und Göttern | Filmkritik

21. Dezember 2010

Von Menschen und Göttern | Filmkritik  Des Hommes et des Dieux

Dass die Franzosen ihre eigenen Filme am liebsten mögen, ist keine neue Erkenntnis. Doch auch das erklärt nicht, wie ein stilles Drama um sieben Trappisten-Mönche ganze drei Millionen Zuschauer in die Kinos locken konnte. „Von Menschen und Göttern“ hätte, so würde man unter normalen Voraussetzungen schätzen, im Bestfall ein breiteres Arthouse-Publikum anziehen können, doch ein derartiges Limit hat der Film längst überschritten. Selbst am Staatspräsidenten ist dieses Phänomen nicht vorbeigezogen, und so ließ er direkt einmal eine Privatvorführung im Elysée Palast arrangieren – was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, denn ein größerer Kontrast zwischen einer Aufführungsstätte wie dieser und der Schlichtheit des klösterlichen Lebens auf der Leinwand ist wohl kaum denkbar. Ob das dem Ehepaar Sarkozy wenigstens ein ganz kleines bisschen peinlich war? Man würde es sich wünschen.

Doch der immense Erfolg erscheint als Phänomen vor allem eins: rätselhaft. Nichts an diesem Film ist massenkompatibel. Nichts. Aber genau das ist auch zugleich seine Stärke. Denn alles ordnet sich der Geschichte und den Konflikten der Figuren unter. Buch wie Regie verzichten auf dramaturgische Manipulationen und folgen stattdessen ganz den Gegebenheiten des Films selber. Vieles ist improvisiert und mehr dem Moment geschuldet als einer strengen Bindung an Skript und Dialoge. Ein Gefühl der Beliebigkeit stellt sich jedoch zu keinem Zeitpunkt ein. Lediglich die erste Viertelstunde wirkt vermeintlich ziellos, doch der Irrtum könnte nicht größer sein. Beobachtend folgt die Kamera dem alltäglichen Tun der Figuren eine Zeitlang, bis die brutale Ermordung einer Gruppe kroatischer Gastarbeiter ihrem Leben eine drastische und unumkehrbare Wende aufzwingt.

Von Menschen und Göttern | Michael Lonsdale

Anfang der 90er Jahre ist Algerien vom Bürgerkrieg beherrscht. Das Militär hat mit einem Abbruch der ersten freien Parlamentswahlen verhindert, dass die Islamische Heilsfront FIS die Regierungsgeschäfte übernehmen kann. Stattdessen setzt man seine eigenen Favoriten ein und ruft den Notstand aus. Ein Jahr später wird die FIS gänzlich verboten mit der Folge, dass viele ihrer Anhänger in den Untergrund gehen und sich in terroristischen Splittergruppen zusammenschließen (GIA und AIS). Am 30. Oktober 1993 fordern sie in einem Ultimatum, dass alle Ausländer das Land verlassen sollen. Keine anderthalb Monate später findet die Hinrichtung der Kroaten statt, nur wenige Kilometer vom Kloster der Trappisten entfernt.

Der Gewissenskonflikt, auf den sich die Geschichte in ihrem Kern konzentriert, beginnt genau hier. Für die durchweg islamische Bevölkerung der umliegenden Dörfer sind die sieben Mönche ein Zeichen von Stabilität. Das Zusammenleben ist friedlich und von gegenseitigem Respekt geprägt, religiöse Widersprüche gibt es nicht. Im Gegenteil: Die Trappisten besuchen die rituellen Feste der Dorfbewohner, leisten geistigen Beistand und helfen aus mit Medizin, Kleidung und anderen Bedarfsgütern. Der Bürgerkrieg scheint weit entfernt. Umso mehr erschüttert der blutige Zwischenfall die Menschen und sorgt für Angst und Unruhe.

Als ausgerechnet am Weihnachtsabend GIA-Rebellen im Kloster auftauchen und verlangen, dass Luc (Michael Lonsdale), der Arzt unter den Mönchen, mit ins Lager kommt, um verletzte Kameraden zu behandeln, ist die drohende Gefahr nicht mehr zu leugnen. Standfest verweigert Vorsteher Christian (Lambert Wilson) zwar, die Forderungen zu erfüllen, bietet aber medizinische Hilfe innerhalb der Klostermauern an. Denn dort bekommt jeder die Hilfe, die er braucht, und das völlig ohne Ansehen seiner Person. Als das Militär von der Vorgehensweise der Mönche Wind bekommt, geraten diese zunehmend in den Verdacht der Kollaboration. Die Entwicklung ist abzusehen, und für die sieben Männer wird die Frage mehr als drängend, ob sie ihr Leben retten und zurück nach Frankreich gehen sollen, oder ob sie bei den Menschen vor Ort bleiben und damit eher heute als morgen entweder den Rebellen oder dem Militär zum Opfer fallen.

Von Menschen und Göttern | Olivier Rabourdin, Lambert Wilson

Unbesehen würde man kaum glauben, dass hier die Quelle zu finden ist, aus welcher der Film seine Spannung und Faszination bezieht, doch genauso ist es. Still erzählt er seine Geschichte und verzichtet auf jegliches Pathos, das sich unter den falschen Händen leicht hätte einschleichen können. Zudem kann man es Regisseur Beauvois und seinen Schauspielern (allesamt zwischen Mitte vierzig und Mitte achtzig) kaum hoch genug anrechnen, dass sich beim Zuschauer angesichts der sehr speziell motivierten Gewissenskämpfe keineswegs Befremdlichkeit einstellt, sondern ganz im Gegenteil der Identifikationsgrad zunehmend an Kraft gewinnt.

Es sind keine bekannten Gesichter nötig, um die einzelnen Charaktere auseinander zu halten. Bald schon hat man sich ihre Namen gemerkt, ihre Eigenheiten und Beweggründe verstanden, aber vor allem hat man begonnen, sie zu mögen. Jeden einzelnen von ihnen. Ihre Konflikte sind schmerzhaft und tief empfunden, ihre Motive existentiell. Wie fest sie auch in ihrem Glauben verankert sein mögen, ihre Angst ist echt. Als Christian dem Rebellenführer zum ersten Mal gegenübersteht, lässt sein Anblick keinen Zweifel daran, dass er in höchstem Maß um sein Leben und das seiner Mitbrüder bangt. Entschlossenes Heldentum gibt es hier nicht, Fanatismus ist diesen Männern fremd.

Doch sie sind nicht nur Mönche eines gemeinsamen Ordens mit demselben Dach über dem Kopf. Sie sind vor allem Freunde, eng verbunden auf eine Weise, die mehr ist als Glaubensgemeinschaft. Denn wenn jeder einzelne von ihnen mit sich hadert, ob er aus Angst vor dem sicheren Tod nach Frankreich zurückkehren soll, hadert er auch mit der Entscheidung, seine Kameraden für immer hinter sich zu lassen. Und das ist vielleicht die tiefgreifendste aller Fragen, die dieser Film stellt: Ist es nicht ungleich wertvoller, im Angesicht des Todes mit den Menschen zusammen zu sein, die man liebt, als um seines Lebens willen von ihnen getrennt zu sein?

Es sind diese immens aufwühlenden Gedanken, durch die „Des Hommes et des Dieux“ zu einer so ungewöhnlichen Erfahrung wird, aber auch die Tatsache, dass es Beauvois gelingt, sie unverstellt auf die Regeln des filmischen Erzählens zu übertragen. In einer großartigen, mehrere Minuten langen Sequenz gegen Ende der Geschichte ruht die Kamera auf den Gesichtern von Christian, Luc, Amédée, Jean-Pierre und den anderen, während sie sich Tschaikowskis Schwanensee anhören und begreifen, dass die Musik eigentlich von niemand anderem handelt als ihnen selbst. Unmittelbarer kann Kino kaum sein. [LZ]

OT: Des Hommes et des Dieux (F 2010). REGIE: Xavier Beauvois. BUCH: Xavier Beauvois, Etienne Comar. KAMERA: Caroline Champetier. DARSTELLER: Lambert Wilson, Michael Lonsdale, Olivier Rabourdin, Philippe Laudenbach, Jacques Herlin, Loic Pichon, Xavier Maly, Jean-Marie Frin. LAUFZEIT: 122 Minuten.

Von Menschen und Göttern | Filmplakat

[Abbildungen © NFP marketing & distribution]

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