Voice from the Stone | Filmkritik: Zeit des Erwachens

28. Juni 2017

Voice from the Stone

[Lesedauer: ca. 3:00 Minuten]

Vorweg: Weder der reißerische Klappentext noch das scheußliche giftgrüne Cover von DVD und Blu-ray werden diesem Film gerecht, der (ergänzt um ein lieblos zusammengezimmertes und – trotz langer Passagen auf Italienisch – untertitelfreies Making-of) gerade auf dem deutschen Markt erscheint und es leider nicht auf die große Leinwand geschafft hat. Damit ist zum Glück aber auch bereits alles Unerfreuliche zu dieser Veröffentlichung abgehakt. Der Rest erweist sich schon nach den ersten Minuten als stimmungsvoller und erlesen fotografierter Beitrag zum Subgenre des Geisterfilms, das in den letzten Jahren einige interessante Arbeiten hervorgebracht hat (etwa Guillermo del Toros „Crimson Peak“ oder „Soulmate“ von Axelle Carolyn). Dass der Regisseur bislang vor allem als Stuntman und Vfx-Spezialist gearbeitet hat, sieht man „Voice from the Stone“ in keinster Weise an.

Umso mehr muss das wundern, als der Stoff zunächst eine Weile lang für Hideo Nakata („Ring“, „Dark Water“) vorgesehen war [1] und Eric D. Howell erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzugestoßen ist. Aber vergessen wir alle Hintergründe und öffnen stattdessen Augen und in diesem Fall vor allem Ohren für diese Geschichte aus der Toskana des mittleren letzten Jahrhunderts. Aufmerksam hinzuhören macht hier besonderen Sinn, denn die Tonspur bestimmt die Atmosphäre des Films entscheidend mit, ist Teil der Erzählung und wird auf subtile Weise abgerundet durch die vielschichtige Musik von Michael Wandmacher („Drive Angry“).

Mit dem Tod der Mutter hat Jakob begonnen zu schweigen, doch die Gründe dafür kennt außer dem Jungen selbst nur der Zuschauer. Sieben Monate sind bereits ins Land gezogen und der ratlose Vater (Marton Csokas, „Into the Badlands“) hat ein Kindermädchen nach dem anderen eingestellt, um den kleinen Sohn wieder zum Sprechen zu bewegen. Erfolglos. Nur wenig Hoffnung hat er deshalb auch, als die etwas arg zugeknöpfte Verena (Emilia Clarke) bei ihm vorspricht, um sich für die Stelle zu bewerben. Immerhin bringt sie gute Empfehlungsschreiben mit, reiche Erfahrung als Kinderkrankenschwester und das Versprechen eines besonderen Gespürs. Ein Versuch mag es wert sein.

Doch Jakob versperrt sich auch gegenüber Verena mit ihrer etwas gouvernantenhaften Art, und der altgediente Hausangestellte geht lieber mit dem Jungen auf Hasenjagd als das neue Kindermädchen zu unterstützen. Als sich herausstellt, dass Jakob obsessiv an den steinernden Wänden des festungsähnlichen Landhauses lauscht, weil er dort die Stimme seiner toten Mutter zu hören glaubt, bekommen die Dinge eine neue Dimension. Das Kind, so ist Verena überzeugt, gehört in eine Klinik, doch der Vater winkt resignierend ab. Ist sie dieser Aufgabe noch gewachsen? Erst ein von Jakob selbst inszenierter Zwischenfall bringt sie zu der Überzeugung, bleiben zu müssen – und zu wollen. Für die junge Frau der Beginn eines tiefgreifenden Erweckungserlebnisses, an dessen Ende sie nicht mehr dieselbe sein wird.

Voice from the Stone | Edward Dring, Marton Csokas, Emilia Clarke

Wer hier eine wohlige Schauermär oder gar handfesten Horror erwartet, wird sich enttäuscht sehen. „Voice from the Stone“ handelt in erster Linie vom Erwachen aus Lethargie und Stagnation. Es ist ein leiser, ein poetischer Film, der (fast) keine Schreckeffekte braucht, um Eindruck zu hinterlassen. Der geübte Zuschauer mag so manche Wendungen zwar lange voraussehen, doch sind diese lediglich unterstützendes Beiwerk und nicht etwa das shyamalanische Rückgrat der Geschichte. Im Vordergrund stehen die Figuren, ihr Umgang miteinander und dasjenige, was sie sich voneinander erhoffen – nämlich Befreiung aus ihrer emotionalen Gefangenschaft: Vater und Sohn, die ihre Trauer nicht bewältigt bekommen, und Verena, die nach all den Jahren, in denen sie von Familie zu Familie gezogen ist, längst nicht mehr weiß, wer sie überhaupt ist (umso öfter sehen wir sie in Spiegeln, Wasseroberflächen oder gar als Skulptur – als Abbild ihrer selbst, das sich zunehmend vom Original löst).

Einmal erzählt der Vater von der grausamen Tradition, beim Spatenstich eines neuen Hauses eine lebende Katze einzumauern, die fortan – wie Jakobs Mutter? – für immer hinter den steinernen Wänden eingesperrt ist. Es mag das zentrale Motiv dieses Films sein (übrigens eine Romanadaption), in dem jeder auf seine Weise von engen Mauern umgeben wird: Lange Zeit etwa sehen wir Verena in der immer gleichen hochgeschlossenen Kleidung, die sie wie eine Uniform, eine Korsage ihres Daseins trägt. Es ist Jakob, der indirekt dafür sorgt, dass sie den ersten Schritt macht, diesen Panzer abzulegen. Überhaupt reißt der Junge sie aus ihrem Stillstand, und das muss man ganz wörtlich nehmen. Immer wieder läuft er ihr davon oder zwingt sie sonstwie in Bewegung. Als sie sich versehentlich ihren Rock zerreißt, ist es ausgerechnet ein Kleid der Mutter, das sie ersatzweise angeboten bekommt. Als sie es überstreift und damit beim Vater vorübergehend Entsetzen hervorruft, ändert sich alles.

Voice from the Stone

Es ist auch ein sexuelles Erwachen, das Verenas Wandlung bestimmt. Und überhaupt setzt der Film auf alle Sinne. Nicht nur beobachten wir die Figuren beim Lauschen oder hören selber Fragmente aus ihren Erinnerungen – wie das längst verklungene Klavierspiel der Mutter (eine bedeutende Konzertpianistin) – und ihrer Gegenwart: das Pfeifen des Windes durch die alten Gemäuer; das geschäftige Tun der Bediensteten in Haus und Hof; das Unwillen markierende Kratzen eines Löffels über Porzellan; das dumpfe Tönen unbestimmter Herkunft unter Wasser – sondern wir sehen sie auch die Wände und Steine berühren, an denen sie lauschen, werden Zeuge, wie Verena das fremde Kleid zaghaft ihren Körper umschmeicheln oder ein Gewand zur Entblößung vor fremden Augen erregt von sich fallen lässt, und wie schließlich die Hand des Vaters, ein Bildhauer, zärtlich über die sanfte Oberfläche einer neu entstandenen Skulptur streicht.

Mit dem Erwachen aller Sinne beginnt die Rückkehr ins Leben – so scheint es der Film sagen zu wollen. Dass ihm das mit den Spielarten des Genrekinos und ohne jede Arthouse-Attitüde gelingt, ist selten genug. Ein Kleinod, das ohne seine namhafte (und ganz in ihre Rolle zurückgezogene) Hauptdarstellerin vermutlich noch mehr übersehen würde als ohnehin schon. [LZ]

OT: Voice from the Stone (USA/IT 2017). REGIE: Eric D. Howell. BUCH: Andrew Shaw. MUSIK: Michael Wandmacher. KAMERA: Peter Simonite. DARSTELLER: Emilia Clarke, Marton Csokas, Edward Dring, Lisa Gastoni, Remo Girone, Caterina Murino. LAUFZEIT: 87 Min (DVD), 91 Min (Blu-ray). VÖ: 20.06.2017.

Voice from the Stone | Emilia Clarke

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment]

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