Viral | Filmkritik: Teenage Wildlife

17. Juli 2017

Viral

[Lesedauer: ca. 2:30 Minuten]

Diese leicht verspätet in Deutschland angekommene Blumhouse-Produktion hat eine lange Historie hinter sich. Sie reicht nämlich zurück bis ins Jahr 1968 – so wie jede moderne Zombiegeschichte, egal ob als Film, Roman, Kurzgeschichte, Game oder TV-Serie. Vermutlich wüsste die Popkultur gerade mal nur am Rande, was genau Zombies sind, hätte nicht George A. Romero sie mit „Night of the Living Dead“ quasi erst in ihrer uns bekannten Form erfunden. Nur wenige Stunden vor Verfassen dieses kleinen Textes ist der Meister der Untoten im Alter von 77 Jahren verstorben, und so kann kein Gedanke naheliegender und angemessener sein, als der eben aufgezeigte, wenn es um einen Film wie diesen hier geht, dessen thematisches Umfeld, dessen Abläufe und unausgesprochenen Regeln uns heute so selbstverständlich erscheinen und doch ohne Romeros ultimative Blaupause kaum existieren würden.

Was in diesem Zusammenhang besonders erfreulich ist: „Viral“ geht den Weg der besseren Vertreter dieses spezifischen Subgenres und nutzt die hungrigen Wiedergänger nicht als Mittel zum Zweck, sondern konzentriert sich lieber auf das, was sie bei den Überlebenden auslösen. Romero hatte seine „Dead“-Filme immer als politisch-gesellschaftliche Parabeln gesehen, sein nächstes Projekt wäre eine Satire auf die Sport- und Entertainment-Industrie geworden. Derartige Ambitionen liegen diesem sympathischen kleinen Beitrag zum Zombie-Kino eher fern. Eine kurze TV-Ansprache von Obama (die sich auch mit Trump gut gemacht hätte) inklusive Videoreaktion im Internet bleiben eher Gimmicks. Dass allerdings ausgerechnet diese Administration irgendwann das eigene Volk bombardieren lässt, um die Seuche einzudämmen, ist schon bemerkenswert.

Hinter der Epidemie der Untoten steckt diesmal ein wurmartiger Parasit, der sich im Rückenmark einnistet. Das wäre an sich irrelevant, würde der Film sich damit nicht eine entscheidende Tür für ein dramatisches Finale aufhalten. Denn wie es sich seit „The Walking Dead“ für moderne Zombie-Beiträge gehört, muss mindestens eine der liebgewonnenen Hauptfiguren irgendwann der fatalen Infektion ausgesetzt sein. Und so erinnert „Viral“ streckenweise an „Maggie“, ohne dabei jedoch vom tragischen Unterton dieses Films beherrscht zu werden. Ganz im Gegenteil: leicht und humorvoll sind manche Passagen, dabei aber gänzlich frei von Albernheit oder distanzierender Meta-Ironie, und das verschafft dieser Geschichte ihren eigenen Reiz und macht ihre Figuren – und zwar alle – noch glaubwürdiger und sympathischer.

Da gibt es Emma, die etwas zurückhaltendere jüngere Schwester (Sofia Black-D’Elia, „The Messengers“), und Stacey, die ältere, die einfach tut, wonach ihr der Kopf steht (Analeigh Tipton, hatte in „Warm Bodies“ schon einmal mit Zombies zu tun). Beide sind neu an der Schule der Kleinstadt, in die es sie unfreiwillig verschlagen hat. Bei den Eltern kriselt es, die Mutter ist gerade auf Geschäftsreise. In den Nachrichten wird von einer neuen Infektionswelle durch Parasiten berichtet – doch das ist irgendwo in China, weit genug weg also, um Zombiescherze zu machen. Als allerdings eine Mitschülerin kollabiert und Blut spuckt, kippt die Situation in rasanter Geschwindigkeit. Eben noch macht sich der Vater der Geschwister (Michael Kelly, „House of Cards“) auf den Weg, seine Frau vom Flughafen abzuholen, da wird auch schon das gesamte Gebiet unter Quarantäne gestellt. Die Mädchen bleiben alleine und mit leerem Kühlschrank zurück. Doch das ist alles halb so wild. Stacey hat endlich sturmfreie Bude für ein Schäferstündchen und Emma bandelt schüchtern mit Evan, dem Nachbarsjungen, an.

Viral | Analeigh Tipton

Ein Drehbuch, das ihn interessiere, so hat der ebenfalls (dank „Burying the Ex“ und „Homecoming“) Untoten-erfahrene Joe Dante einmal angemerkt, müsse „echte Menschen“ im Angebot haben. Hier hätte er sie gefunden. Emma, Stacey, Evan, sie sind das genaue Gegenteil dessen, was den Durchschnittsteen oder –twen im herkömmlichen Abzählhorror ausmacht. Wo filmisches Fastfood der Marke „Unfriended“, „Smiley“, „Blair Witch“ (oder welche Beispiele der letzten Jahre einem da auch immer einfallen wollen) nicht viel mehr zu bieten hat als mechanisch konstruiertes Kanonenfutter, erinnern die drei Protagonisten hier eher an „Class“ oder (mit Abstrichen) „Pretty Little Liars“. Relevant und real, das sind die beiden Attribute, die einem einfallen mögen. Und der Film nimmt sich die Zeit, seine Figuren laufen zu lassen, so dass wir sie kennen und mögen lernen können, ohne dabei die Bedrohung, die beständig über dem Geschehen schwebt, je ganz aus dem Blick zu verlieren.

Ja, es gibt sie, die Zombie-Momente, und fast möchte man sie nur als Beiwerk lesen, doch dem gut durchdachten Drehbuch (Barbara Marshall, „Terra Nova“ / Christopher Landon, „Disturbia“) gelingt es, die wenigen vorhersehbaren Attacken fließend in die Geschichte einzubinden. Mehr kann man nicht wollen. [LZ]

P.S: In der Plotbeschreibung auf dem Cover von DVD und Blu-ray lässt sich über Emma und Stacey folgendes lesen: „Ihren Schulalltag verfolgen sie mit einer Videokamera – und dokumentieren so von Beginn an die erschreckenden Ereignisse, die schon bald die gesamte Menschheit bedrohen.“ Unsere Frage dazu an die Kollegen von Capelight: Welchen Film haben die Verfasser da wohl gesehen? Diesen hier jedenfalls nicht.

OT: Viral (USA 2015). REGIE: Henry Joost, Ariel Schulman. BUCH: Barbara Marshall, Christopher Landon. MUSIK: Rob Simonsen. KAMERA: Magdalena Górka. DARSTELLER: Sofia Black-D’Elia, Analeigh Tipton, Travis Tope, Michael Kelly, Machine Gun Kelly, Linzie Gray, Stoney Westmoreland. LAUFZEIT: 82 Min (DVD), 86 Min (Blu-ray). VÖ: 21.07.2017.

Viral | DVD

[Abbildungen: Capelight]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.