VIOLET & DAISY | Filmkritik

06. Januar 2014

Violet and Daisy

2009 sorgte Geoffrey Fletcher mit seinem Oscar-prämierten Drehbuch zum Sozialdrama „Precious – Das Leben ist kostbar“ für nachhaltiges Aufsehen in Hollywood. Ein wuchtiger Auftakt im Filmgeschäft, der brennende Fragen nach kommenden Projekten stellte. Was würde Fletcher als nächstes in Angriff nehmen? Seine Antwort gab er schließlich 2011 mit dem eigenwilligen Kammerspiel „Violet & Daisy“, bei dem er auch auf dem Regiestuhl Platz nahm. Ein Kassenerfolg war ihm damit allerdings eher nicht beschieden. In Deutschland reichte es für seinen Erstling gerade noch so zur Premiere auf DVD und Blu-ray.

Veilchen und Gänseblümchen – die titelgebenden Namen (oder nur Pseudonyme?) der beiden Hauptfiguren wirken harmlos, verträumt und besitzen doch ironisches Potenzial. Nicht umsonst, denn der Film ist das Gegenteil von Fletchers realistisch gezeichnetem Vorgänger-Stoff: bunt, wild und überzeichnet. Der Vergleich mit Quentin Tarantino scheint auf der Hand zu liegen, wird dabei allerdings der emotionalen Tiefe des Films nicht wirklich gerecht. Klar eingrenzen lässt sich der Cocktail aus Actionfilm, Komödie und Dialogdrama nicht. Vielmehr jongliert Fletcher wiederholt mit Genrekonventionen und Standards des Mainstreamkinos und sorgt damit immer wieder für überraschende Konstellationen.

Das gilt zuallererst für die Protagonistinnen, die der vielfach variierten Figur des Auftragskillers eine ungewöhnliche Note verleihen. Immerhin handelt es sich bei Violet („Gilmore Girl“ Alexis Bledel) und Daisy (Saoirse Ronan) um zwei unschuldig aussehende Teenager, die eine merkwürdig abgestufte Freundschaft pflegen und ihren Lebensunterhalt mit bezahlten Exekutionen bestreiten. Während Violet dominant und zielstrebig auftritt, erscheint Daisy zurückhaltender und naiver – ein Umstand, der sich im Verlauf der Ereignisse weitaus weniger eindeutig gestaltet als zunächst angenommen.

Violet and Daisy

Violet and Daisy

Fulminant führt Fletcher die beiden Mädchen ein, wenn sie einen Auftrag ohne Wimpernzucken ausführen und dabei in Nonnentracht auftreten. Sie arbeiten präzise und kennen keine Gnade. Kontrastiert wird die professionelle Kaltblütigkeit jedoch mit ihrem privaten Erscheinungsbild. Wie viele Mädchen in ihrem Alter scheinen sie sich vor allem für Kleidung und Musik zu interessieren. Fast abgöttisch beten sie die Popsängerin Barbie Sunday an und wollen unbedingt ein sagenumwobenes Kleid aus ihrer Kollektion erstehen.

Die Schwärmerei für das keineswegs günstige Accessoire ihres Idols veranlasst die beiden trotz Urlaubsplänen dann auch, einen weiteren Job zu übernehmen. Eine leichte Fingerübung, wie Mittelsmann Russ („Machete“ Danny Trejo) versichert. Doch der Auftrag nimmt einen unvorhergesehenen Verlauf, da sich ihr Opfer Michael (James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen) vollkommen irrational verhält.

Als er Violet und Daisy, die in seiner Abwesenheit in die Wohnung eingedrungen sind, schlafend, aber schwer bewaffnet auf dem Sofa vorfindet, deckt er die beiden liebevoll zu und nimmt ihnen gegenüber entspannt Platz. Eine Reaktion, die das übliche Verhältnis von Auftragskiller und Opfer ad absurdum führt und die Mädchen nach dem Aufwachen vor ernsthafte Probleme stellt. Wie es scheint, hat Michael sie erwartet und ist bereit zu sterben. Entsprechend verstört fällt die Antwort der jugendlichen Killerinnen aus: Sie ziehen sich in den Nebenraum zurück, um die vertrackte Lage zu besprechen.

Derart skurrile Verzerrungen genreüblicher Verhaltensweisen bestimmen auch den weiteren Handlungsverlauf und sorgen dafür, dass die Beziehung zum potenziellen Opfer schrittweise persönlicher gerät. Mit dem Auftauchen eines anderen Mördertrupps schlägt der Film zudem angenehm schwarzhumorige Töne an und sorgt, stets mit einem Augenzwinkern, für einen gewissen Spannungsanteil.

Violet and Daisy

Violet and Daisy

Ähnlich eigenwillig zeigt sich „Violet & Daisy“ auch in formaler Hinsicht. So arbeitet Fletcher wiederholt mit Zeitlupen, experimentiert mit dem Einsatz unterschiedlicher Blenden und teilt das Geschehen in zehn prägnant betitelte (und manchmal übertrieben kurze) Kapitel ein. Auch wenn diese Spielereien dem Ganzen einen lässig-coolen Anstrich verleihen, wirken sie sich stellenweise doch negativ auf den emotionalen Kern aus – die Auseinandersetzung zwischen Michael und den beiden Mädchen.

Vor allem der zweite Akt wird auf diese Weise immer wieder verwässert und verliert so gelegentlich an Zugkraft. Im letzten Drittel gelingt dem Film dann wieder eine größere Geradlinigkeit. Obwohl ihre Schicksale nur angerissen werden, entspinnt sich hier zwischen den drei Hauptfiguren eine Form der Intimität, die den Zuschauer unweigerlich in ihren Bann zieht, ohne banal oder sentimental zu wirken.

Einen großen Verdienst an der Wirksamkeit des ungewöhnlichen Kammerspiels haben fraglos die drei Hauptdarsteller, allen voran Saoirse Ronan, die die anfängliche Verletzlichkeit ihrer Figur ebenso einfühlsam zum Ausdruck bringt wie ihre spätere Wandlung. Alexis Bledel bildet als ungezwungen-selbstbewusste Mentorin einen überzeugenden Gegenpart, kann sich allerdings nicht ganz so eindrucksvoll in den Mittelpunkt spielen. Treffend besetzt ist auch James Gandolfini, der das unkonventionelle Opfer als melancholische Vaterfigur anlegt. [Christopher Diekhaus]

OT: Violet & Daisy (USA 2011) REGIE: Geoffrey Fletcher. BUCH: Geoffrey Fletcher. KAMERA: Vanja Cernjul. DARSTELLER: Saoirse Ronan, Alexis Bledel, James Gandolfini, Marianne Jean-Baptiste, Danny Trejo, Tatiana Maslany, John Ventimiglia, Stu Riley, Neville Archambault, Christopher Jon Gombos. LAUFZEIT: 85 Min (DVD), 88 Min (Blu-ray). VÖ: 25.10.2013

Violet and Daisy

Violet and Daisy

[Abbildungen: Capelight]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

The Walking Dead

Hinterlasse eine Antwort