Victoria | Filmkritik: 138 Minuten Berlin

20. November 2015

Victoria

Das Beste an diesem Film: dass er seine Virtuosität nicht vor sich herträgt. Dass er seinen logistischen Größenwahn ganz der Geschichte unterordnet und an keiner Stelle selbstzweckhaft zur Schau stellt. „Victoria“, dieser eigentlich unscheinbare kleine Ensemble-Film, der sich ein paar Straßenzüge aus Berlin-Mitte für 138 Minuten zur Bühne macht, besteht (falls es irgendjemand tatsächlich noch nicht mitbekommen hat) aus einem einzigen Echtzeit-Take. Das muss man vorab zur Kenntnis nehmen. Denn sonst könnte es passieren, dass die Machart angesichts einer entwaffnend mitreißenden Erzählweise gänzlich aus dem Blick gerät.

Die Story ist so überschaubar wie das zugrundeliegende Drehbuch (12 Seiten): Eine spanische Studentin stößt im Berliner Nachtleben auf ein Quartett sympathischer Taugenichtse und zieht mit ihnen durch die Stadt. Kleine Diebstähle, kleine Prügeleien, eine sich anbahnende Romanze – der lebensfrohen Bande gehört die Welt. Dann kippt die Stimmung, denn einer der Männer schuldet einem ehemaligen, wenig zimperlichen Mithäftling einen Gefallen: Noch im Laufe der Nacht soll eine Bank überfallen werden. Umständehalber muss die junge Frau dabei als Fahrerin einspringen. Ob das gut geht? Sicher nicht.

So manches hält einer Glaubwürdigkeitsprüfung bei genauerem Hinsehen nur bedingt stand, doch darum geht es auch gar nicht. Im Kern ist dieser Film vor allem ein Großstadtmärchen, das sich seiner Verankerung in der Mythengeschichte des Kinos völlig bewusst ist (und seinen Protagonisten deshalb auch gar nicht erst echte Namen verpasst) – ohne freilich in alkluges Zitierverhalten zu verfallen und damit eine elitäre Cineastenhaltung einzunehmen. Ganz im Gegenteil ist Sebastian Schipper und seinem Team daran gelegen, den Zuschauer keinen Widerständen auszusetzen. Und so lässt sich die Entscheidung zum One Take (ohne „Birdman“-Tricks) durchaus als eigenwillige Variante des unsichtbaren Schnitts verstehen.

Victoria

Die Figuren sind mit wenigen, aber einprägsamen Strichen gezeichnet, der Rest ist Improvisation. Umso größer das Verdienst der Darsteller, denen es gelingt, unter äußerst komprimierten Bedingungen lebendige Charaktere zu entwickeln, denen man näherkommt als es das Konzept eigentlich erlaubt. In der leidigen Diskussion um die gerne propagierten Vorteile des linearen Erzählens langlebiger Serien im Hinblick auf die Figurenentwicklung ist „Victoria“ ein optimales Gegenbeispiel.

Welche Entwicklung vor allem die titelgebende Studentin (Laia Costa) und Sonne (Frederick Lau), der Kleinkriminelle mit kindlichem Proleten-Charme, in den sie sich verliebt, innerhalb der kurzen Zeit durchmachen, die ihnen auf der Leinwand bleibt, ist lediglich vor dem Hintergrund der einschneidenden Erfahrungen zu rechtfertigen, mit denen sie konfrontiert werden. Am Ende wird man sich fragen, ob es wirklich sein kann, dass es immer noch derselbe Film ist, den man da sieht, wo es doch andernorts längst ganze Staffeln oder Franchise-Mehrteiler bedarf, um Figuren so weit von sich selbst zu entfernen (oder zu sich hinzubringen).

Zugleich ist dieser Film aber auch ein Lehrstück über die Notwendigkeit der erzählerischen Ellipse, denn mit dem Verzicht auf den Schnitt geht zwangsweise auch der Verzicht auf den Perspektivwechsel einher. Wenn die Gruppe sich aufteilt, muss sich die Kamera zwangsweise auf eine Seite schlagen und dem Zuschauer Dinge vorenthalten. Den Bankraub selber jedenfalls – soviel sei vorweggenommen – gibt es nicht zu sehen, denn die Verzweiflung der jungen Frau, die im Wagen bleibt, erschien Schipper berechtigterweise viel spannender. Tarantino, daran mag man sich hier erinnern, baute auf dieser Entscheidung das gesamte Konzept von „Reservoir Dogs“ auf (und verzichtete auch dort bekanntlich auf Klarnamen).

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Seit seiner Premiere auf der Berlinale ist eine Menge über diesen Film gesagt und ausgiebig jubiliert worden, ganz so, als sei dem deutschen Kino mit einem Mal ein echter Befreiungsschlag gelungen. Das darf man durchaus skeptisch sehen, denn wie einst „Lola rennt“ (übrigens mit einem Kurzauftritt von Schipper) mutet auch „Victoria“ eher wie die Ausnahme von der Regel an. Bezeichnenderweise schickte man einen anderen Beitrag ins Rennen um die Auslands-Oscars und berief sich dabei auf den zu geringen Deutschanteil im Dialog (eine Academy-Vorgabe, die nicht zum ersten Mal umgangen worden wäre).

Bei aller Euphorie und Hochachtung für die Leistung der Beteiligten (allen voran der norwegische Kameramann Sturla Brandth Grøvlen) darf man aber auch nicht übersehen, dass die logistische Meisterleistung dieses Films ein typisch deutsches Phänomen darstellt und ansonsten der Weg des möglichst geringsten Widerstandes gegangen wird. Das ist eine fast gemeine Aussage, ändert aber nichts an ihrer Gültigkeit. „Victoria“ funktioniert neben aller technischen und erzählerischen Brillanz eben auch als Konsensfilm, bei dem der co-produzierende WDR ohne Bedenken mit einsteigen konnte. [LZ]

OT: Victoria (DE 2015). REGIE: Sebastian Schipper. BUCH: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz. MUSIK: Nils Frahm. KAMERA: Sturla Brandth Grøvlen. DARSTELLER: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski, Burak Yigit, Max Mauff, André M. Hennicke, Eike Frederik Schulz, Hans-Ulrich Laux, Anna Lena Klenke, Philipp Kubitza. LAUFZEIT: 133 Min (DVD), 140 Min (Blu-ray). VÖ: 20.11.2015.

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[Abbildungen: Wild Bunch Germany]

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