Victim – Traue keinem Fremden | Filmkritik

04. Juli 2013

Victim - Traue keinem Fremden

Wer sich daran erinnert, wann ihm das letzte Mal ein Film untergekommen ist, der mit einem tödlichen Sexunfall beginnt, möge die Hand heben. Niemand? Gut. Nun mag es zweifellos originellere Openings geben, aber eins muss man Michael Biehns Regiedebüt zugestehen: Für das, was es ist, hält es sich von ausgetretenen Pfaden im Wesentlichen fern. Und wie um es zu belegen, fügt er dem üblichen Versprechen „based on true events“ rasch noch ein „not“ hinzu – zugleich ein gut gemeinter Ratschlag, die folgenden knapp 80 Minuten nicht allzu ernst zu nehmen. Wer das beherzigt und geradlinigem B-Kino einiges abgewinnen kann, hat mit diesem sehenswerten Independent-Thriller eine gute Entscheidung getroffen.

Vom arg reißerisch aufgemachten Cover der deutschen Fassung darf man sich allerdings nicht ins Bockshorn jagen lassen: „Victim“ (auf den bestimmten Artikel des Originals hat man bei der Übersetzung wohl aus marketingtechnischen Gründen verzichtet) ist weder Torture Porn noch Slasher. Für explizite Gewaltdarstellung wäre sowieso kein Geld vorhanden gewesen, also überlegte sich Biehn eine weitestgehend unblutige Story und zog mit seinem überschaubaren Team für 12 Tage dorthin, wo es die überwiegende Mehrheit aller No-Budget-Produktionen hinzieht: in den Wald.

Dort verabreden sich seine beiden weiblichen Hauptfiguren Annie und Mary zum ungezwungenen Techtelmechtel mit zwei Gesetzeshütern, die im Gegenzug über die eine oder andere Verfehlung der beiden hinwegsehen wollen. Doch die Angelegenheit läuft aus dem Ruder (siehe oben) und schon rennt eine der Frauen um ihr Leben. Widerwillig gewährt ihr der skeptische Einsiedler Kyle Zuflucht und erliegt schon bald ihren körperlichen Reizen. Doch die Cops lassen sich nicht so leicht abschütteln, denn schließlich wollen sie die flüchtige Schönheit aus dem Weg räumen. Ach ja, ein Serienkiller treibt in der Umgebung übrigens auch noch sein Unwesen.

Victim - Traue keinem Fremden

Das klingt nach weniger als es ist, denn alle Beteiligten machen ihre Sache überraschend gut. Biehn, der sich zuvor bereits bei „The Blood Bond“ als Co-Regisseur versucht hatte, zeigt hinter der Kamera durchaus Talent und sein Kameramann Eric Curtis gelingt ein ganz ansehnlicher Look. Cast und Crew, darunter Danielle Harris („Hatchet 2“, „Halloween 2“) und Biehns Partnerin Jennifer Blanc, hatten sichtlich Spaß an dem ungezwungenen Projekt, und so lässt sich manch holprig improvisierte Dialogzeile leicht ignorieren.

Im Grunde hätte die Hälfte der Laufzeit auch ausgereicht, und so scheinen ein paar Sequenzen vor allem die Aufgabe zu haben, den Film auf Featurelänge zu trimmen, doch das darf man niemandem übel nehmen. „Victim“ schaffte es auf diese Weise nicht nur ins Programm einiger Festivals, sondern letztlich auch in den Verleih, und das ist für eine Produktion dieser Größenordnung bekanntlich eher selten.

Biehn (der vor allem durch seine Zusammenarbeit mit James Cameron bei „Terminator“, „Aliens“ und „The Abyss“ bekannt wurde) und Blanc (Kendra Maibaum aus „Dark Angel“) haben inzwischen mit ihrer gemeinsamen Produktionsfirma eine ganze Reihe von interessanten Projekten in Arbeit – darunter „Hidden in the Woods“, ein US-Remake des chilenischen Festivalhits „En las afueras de la ciudad“ von Patricio Valladares. Es macht also Sinn, die beiden auf dem Schirm zu behalten. [LZ]

OT: The Victim (USA 2011) REGIE: Michael Biehn. BUCH: Michael Biehn. MUSIK: Jeehun Hwang. KAMERA: Eric Curtis. DARSTELLER: Michael Biehn, Jennifer Blanc, Danielle Harris, Ryan Honey, Denny Kirkwood, Tanya Newbould, Alyssa Lobit, Samuel N. Benavides. LAUFZEIT: 79 Min. VÖ: 04.07.2013 auf DVD und Blu-ray. FSK: ab 18.

The Victim

Victim - Traue keinem Fremden

[Abbildungen: Sunfilm/Tiberius]

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