VERONICA MARS: Was bedeutet der Kickstarter-Erfolg für das Modell Crowdfunding?

17. März 2013

Gar nichts – so lautet vermutlich die einzig sinnvolle Antwort auf diese derzeit heiß diskutierte Frage. Doch daran scheiden sich die Geister. Folgendes ist der Anlass: Fünf Jahre nach Ende der hierzulande im späten ZDF-Nachtprogramm gut versteckten US-Serie „Veronica Mars“ hat Showrunner Rob Thomas jetzt bewiesen, dass die Fans nicht nur immer noch großes Interesse an einer Fortsetzung haben, sondern auch bereit sind, dafür vergleichsweise tief in die eigene Tasche zu greifen.

2007 war die kurzlebige Serie um die titelgebende Schülerin (später Studentin), die gemeinsam mit ihrem Vater eine Detektei betreibt, sehr zum Verdruss ihrer Fans ausgelaufen. Kritiker und Zuschauer hatten sich allzeit begeistert gezeigt, doch zu einem echten Quotenhit wurde keine der gerade einmal drei Staffeln. Nicht desto trotz hielten sich Gerüchte um eine Fortführung über sechs Jahre hinweg aufrecht. Jetzt wird es sie tatsächlich geben.

Das ist an sich nicht wirklich sensationell. Was aber aufmerken lässt, sind die Umstände. Rechteinhaber Warner hatte zugestimmt, die Kosten für Vertrieb und Marketing eines „Veronica Mars“-Kinofilms zu übernehmen, wenn Serienerfinder Rob Thomas und Hauptdarstellerin Kristen Bell es schaffen sollten, den Fans mindestens 2 Millionen USD zu entlocken. So jedenfalls die offizielle Version.

Am 13. März startete Thomas wie Hunderte Filmemacher vor ihm eine Crowdfunding-Kampagne beim Marktführer Kickstarter. Nach weniger als einem halben Tag hatte er das Geld zusammen. Doch damit nicht genug: Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags lag die Spendensumme von fast 54.000 Fans bereits bei rund 3,5 Millionen. Ein Ende ist erst einmal nicht in Sicht, denn die Kampagne läuft noch bis zum 12. April.

Man könnte die Angelegenheit als Kuriosum abhaken, doch die Reaktionen sind durchaus kontrovers. Der Hauptvorwurf geht an die Initiatoren. 2 Millionen aufzubringen könne für den Konzern wohl kaum ein Problem sein. Dass man stattdessen die Fans zur Kasse bittet, kommt vielfach nicht sonderlich gut an. Zudem sehen nicht wenige die Independent-Kultur von Crowdfunding per se gefährdet.

Letzteres ist pure Ideologie. Kickstarter, Indiegogo, Sponsume und sonstige Plattformen stehen selbstverständlich jedem zur Verfügung. „Anybody can ask for fucking help with their fucking art. Anybody big anybody small anybody known anybody unknown anybody”, tweetete Amanda Palmer mit einigem Ärger im Bauch – musste sich die Musikerin (ehemals Dresden Dolls) doch selber schon für ihre Crowdfunding-Aktivitäten rechtfertigen.

Tatsächlich ist sie da aber längst kein Einzelfall mehr. Colin Hanks und Eliza Dushku etwa finanzierten mittels Crowdfunding jeweils eigene Dokumentarfilme. Joe Dante sicherte das Überleben seiner Online-Filmschule „Trailers from Hell“ dank Kickstarter. Charlie Kaufman und David Fincher sammelten vergleichsweise hohe Budgets für Kurzfilme ein, und Ralph Bakshi bahnte sich seine überraschende Rückkehr ins Filmgeschäft jüngst ebenfalls per Fansupport.

Das Finanzierungsmodell auf die Independent- oder gar Amateurszene beschränkt sehen zu wollen, spricht nicht nur für Kurzsichtigkeit, sondern negiert auch die quasi-demokratische Grundidee. Finanziert wird, woran genügend Leute Interesse haben. Kritiker von Celebrity-Crowdfunding vergessen dabei gerne, dass Kickstarter und alle anderen Portale zudem grundsätzlich nach dem „Perks“-Prinzip funktionieren: Wer Geld gibt, bekommt dafür eine Belohnung.

Was im Einzelfall und jeweils nach Spendenhöhe gestaffelt angeboten wird, obliegt den Initiatoren der Kampagne. Gerade im Fall von Celebrity-Crowdfunding sind die Perks in aller Regel besonders reizvoll und bieten nicht selten echte Unikate, die es nirgendwo sonst zu kaufen gibt (also etwa signierte Drehbücher, Skype-Sessions mit den Beteiligten, exklusives Hintergrundmaterial etc). Ein exzellentes Beispiel dafür ist auch die „Veronica Mars“-Kampagne. Zudem nimmt sie jenen Kritikern allen Wind aus den Segeln, die sich an dem Gedanken festhalten, Warner würde bei den Fans zweimal abkassieren – denn schließlich müssten diese ja am Ende auch noch die Kinokarten kaufen, um den Film zu sehen.

Das Gegenteil ist der Fall. Bereits ab 35 Dollar gibt es eine digitale Kopie, ab 50 Dollar sogar eine DVD mit Making-of und zusätzlichem Bonusmaterial, zudem ein T-Shirt und eine pdf-Version des Drehbuchs. Zum Vergleich: Auf Amazon.com kosten alle drei Staffeln der Serie zusammen aktuell rund 80 Dollar. Eine DVD- oder Bluray-Box eines Films mit zusätzlichen Gimmicks bewegt sich preislich in vergleichbarer Höhe (wer etwa „The Dark Knight Rises“ in der „Bat Cowl“-Edition mit alberner Batman-Maske haben will, muss derzeit rund 70 Dollar investieren). Vor diesem Hintergrund kann sich niemand beschweren.

Der Fall „Veronica Mars“ mag einen Crowdfunding-Rekord gebrochen haben, doch für das Modell an sich wird sich kaum etwas ändern. Zu befürchten, dass die Studios ihre Großprojekte in Zukunft von den Fans finanzieren lassen, ist schlichtweg absurd. Niemand kann ernsthaft glauben, dass es Warner um die vergleichsweise lächerlichen 2 Millionen gegangen wäre. Dass die gesamte Angelegenheit stattdessen vor allem als clevere PR-Aktion funktioniert hat, lässt sich kaum übersehen.

Den echten Independent-Projekten kann die erzeugte Aufmerksamkeit nur nützen, denn der Fall belegt nachhaltig, dass Crowdfunding auch für anspruchsvollere Budgets funktioniert. Ende 2010 lag die höchste je über Kickstarter erzielte Summe noch bei 150.000 Dollar. Filmemacher Christopher Salmon hatte sie für eine animierte Adaption der Kurzgeschichte „The Price“ von Neil Gaiman erzielt – allerdings auch dort mit prominenter Unterstützung durch den Autor selbst.

Was zählt, ist das Projekt selbst, die Vermarktung der Kampagne und das Angebot an Perks. Aktuell etwa sammelt Travis Stevens („The Aggression Scale“) eine Restbudget von 50.000 Dollar für den von ihm produzierten Horrorfilm „Starry Eyes“. Besonderer Clou: Wer mindestens 200 Dollar spendet, erhält ein Dankeschön im nächsten Roman von Chuck Palahniuk („Fight Club“) – auch eine Art von Celebrity-Crowdfunding. Daran jedoch stößt sich niemand. [LZ]

[Abbildung: Rob Thomas | Kickstarter]

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The Aggression Scale | DVD / Blu-ray

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