VERBLENDUNG (The Girl with the Dragon Tattoo) | Filmkritik

14. Januar 2012

Verblendung

Auf einer Liste der am meisten überschätzten US-Regisseure der Gegenwart könnte David Fincher mit Leichtigkeit einen der vorderen Plätze einnehmen. Nicht etwa, weil er mittelmäßige Arbeit abliefern würde. Das Gegenteil ist der Fall. Selbst die routiniertesten seiner Filme liegen immer noch weit über regulärem Hollywood-Durchschnitt, erlauben sich unbequeme Normabweichungen und zeugen von einem unbedingten Stilwillen, ohne dabei der Geschichte im Weg zu stehen. Eine Form von Heldenverehrung allerdings, die hinter Finchers manchmal arg selbstbewusstem Auftreten historische Ausmaße vermutet (und schnell mit abseitigen Kubrick-Vergleichen aufwartet), schießt weit übers Ziel hinaus. Umso mehr muss alle Erwartungshaltung in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus, wenn ein Film wie „Verblendung“ daherkommt, der, obwohl er alles richtig macht, nicht unbedingt dazu geeignet ist, die Kinogeschichte auf den Kopf zu stellen.

Ernüchterung findet sich in vielen Kritiken, die beim direkten Vergleich mit der früheren Adaption von 2009 (beide übrigens unter Beteiligung der schwedischen Produktionsgesellschaft Yellow Bird entstanden) zu dem offenbar arg verblüffenden Schluss gelangen, dass sich die Versionen nicht viel nehmen, der Vorlage im Wesentlichen treu bleiben und einander am Ende recht gleichwertig gegenüberstehen. Nichts weniger als einen Quantensprung (oder zumindest ein zweites „Shining“) hat man offenbar von diesem Regisseur erwartet, und das ist vor allem der Maßlosigkeit seiner Reputation zu verdanken.

David Fincher

Die Geschichte ist hinreichend bekannt, und wer sie nicht aus der ersten Verfilmung kennt, hat aller Wahrscheinlichkeit nach doch immerhin Stieg Larssons Roman gelesen – bei weltweit über 40 Millionen verkauften Exemplaren kein Kunststück. Die Abweichungen von der Vorlage, die sich Steven Zaillian erlaubt, sind (entgegen manch vollmundiger Ankündigung) marginal bis irrelevant. Mikael Blomkvist (Daniel Craig), der unbequeme Enthüllungsjournalist, frisch wegen unzureichend begründeter Anschuldigungen verurteilt und öffentlich lächerlich gemacht, wird vom Großindustriellen Henrik Vanger (Christopher Plummer) beauftragt, dem vier Jahrzehnte zurückliegende Verschwindens seiner Nichte Harriet nachzuspüren. Bei seinen Ermittlungen wird er aus der Ferne von der unter staatlicher Vormundschaft stehenden Hackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) beobachtet, die in Blomkvist einen Seelenverwandten erkennt. Die Umstände führen die beiden zusammen und lassen sie tief in einen Abgrund aus Machtmissbrauch und Perversion eintauchen.

Was auf den ersten Blick vor allem als atmosphärisch dichter Thriller mit einem bittersüßen Zuckerguss aus Altnazis, Analverkehr und rasierten Augenbrauen funktioniert, lässt sich bei genauerem Hinsehen auch als topografische Weiterführung von Finchers Facebook-Film lesen. Denn während „The Social Network“ die Wurzeln des größten Kommunikationsmediums der Gegenwart in einem allgemeinen Zeitgeist-Bedürfnis verortet, die eigene Privatsphäre beständig einer wie auch immer gearteten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, steht in „Verblendung“ alles Private und sorgsam Verborgene chronisch unter Beschuss oder ist gar längst unbemerkt sichtbar geworden.

Verblendung

Blomkvist selber ist dabei Opfer und Täter gleichermaßen. Basiert sein Ruf zwar darauf, möglichst schonungslos hinter blitzblanken Fassaden nach eng gewebten Netzen aus Korruption und Vorteilsnahme zu suchen, qualifiziert er sich als Ermittler für Henrik Vanger doch erst dadurch, dass eine gründliche und von ihm unbemerkte Durchforstung seines Privatlebens keine bedenklichen Geheimnisse hervorbringt. Hier kommt Lisbeth Salander ins Spiel, die sich im Auftrag von Vangers Anwalt in Blomkvists Rechner einschleicht (der selbst in einer Sony-Produktion von Apple stammt) und auch von dort nicht verschwindet, wenn ihre Aufgabe längst erfüllt ist. Sie wisse Dinge über ihn, die er nicht einmal mit seinen engsten Freunden teile, wird er ihr später entgegenhalten, wohl wissend, dass das Kind längst in den Brunnen gefallen ist. Wer sein gesamtes Leben auf einer Festplatte abbildet, ist nun einmal potentiell gläsern.

Und so kann auch erst der Schulterschluss mit Lisbeth den Fall aufklären, der Blomkvist alleine nur in Sackgassen führt. Als Privatermittler (literarisch und filmisch bis „All the President’s Men“ die Vorform des Enthüllungsjournalisten) ist er längst ein Relikt, das von den Salanders dieser Welt nicht nur überholt, sondern auch selbst überwacht wird. Daniel Craig erweist sich aus dieser Perspektive als Idealbesetzung, denn die permanent nach einem Beweis verlangende Überwindung des Anachronismus, die das Franchise bestimmt, mit dem er zwangsweise identifiziert wird, schwingt unabdingbar immer mit. Craigs Bond (in „Casino Royale“ mehr als im unfertigen Nachfolger) ist zudem alles andere als makellos und auf der Höhe seiner Zeit. Bond macht Fehler, muss mal von einer Frau, mal vom Zufall gerettet werden, lässt sich vorführen, täuschen und von Emotionen leiten. Ersetzt man „Bond“ durch „Blomkvist“, verliert dieser Satz nichts von seiner Richtigkeit. Dass Zaillian den Promiskuitätsfaktor (vermutlich lange vor der Besetzung der Figur) gegenüber der Vorlage erheblich reduziert hat, kann man vor diesem Hintergrund als echte Ironie des Umstände begreifen.

Verblendung

Kommunikation, das Austauschen von Informationen und auf der anderen Seite gerade das Gegenteil, nämlich Verbergen und Schweigen, sind durchgängige Motive von Buch und Film. Im Gegensatz zu seinem schwedischen Kollegen liefert Fincher dazu allerdings auch die passenden Bilder. Dass die auffällige Überbetonung extremer Kälte auf der Vanger-Insel das Verhältnis zwischen den einzelnen Familienmitgliedern (und damit das Ausbleiben von Kommunikation insgesamt) in äußere Verhältnisse übersetzt, lässt sich dabei zwar nur als bedingt originell begreifen, sorgt aber selbst im gutgeheizten Kino für fröstelnde Atmosphäre. Viel raffinierter sind da so manche räumliche Konstellationen, in denen die Figuren auf bezeichnende Weise positioniert werden.

Bezeichnend etwa Lisbeths erster Auftritt, bei dem sie ihrem Auftraggeber über Blomkvist Bericht erstatten soll, sich jedoch nur unter Protest dazu bewegen lässt, auch einen persönlichen Eindruck zu formulieren. Inhaltlich findet sich die Sequenz fast identisch in der früheren Verfilmung, visuell könnten die beiden Umsetzungen jedoch kaum weiter voneinander abweichen. Denn während der Schwede Niels Arden Oplev die Dreierkonstellation aus Salander, Frode (Vangers Anwalt) und Armanskij (dem Chef der Sicherheitsfirma) in einer Zangenform anordnet, bei der die Hackerin zwischen den beiden Männern sitzt, schafft Fincher massive Distanz. In beiden Versionen verweigert Lisbeth Frode gegenüber einen begrüßenden Händedruck, doch nur in der aktuellen Adaption hält sie, indem sie sich ans andere Ende des Konferenztisches setzt, auch räumlichen Abstand. Alle drei Beteiligten in einer Einstellung zu zeigen, ist auf diese Weise ausgeschlossen. Lisbeth liefert das ab, wozu sie beauftragt war, missbilligt inhaltlich jedoch das Interesse an Blomkvists Privatleben und lässt sich deshalb auch in räumlich nicht von ihren Auftraggebern vereinnahmen.

VerblendungEs sind Details dieser Güteklasse, die „The Girl with the Dragon Tattoo“ von seinem Vorgänger abheben und tiefer in die Figuren abtauchen lassen, ohne der Geschichte jedoch wirklich etwas Neues hinzuzufügen. Der Kriminalfall mit seinen (bereits von Zaillian weitestgehend eliminierten) religiösen und faschistoiden Elementen sei ohnehin nicht dasjenige gewesen, was Fincher wirklich interessiert habe. Reizvoll gefunden habe er stattdessen vor allem die Liebesgeschichte von Blomkvist und Salander (so wie bei „The Social Network“ die Freundschaft zwischen Zuckerberg und Saverin). Dass er genau diese aber dann eher unterkühlt inszeniert, mag zunächst wundern, hat jedoch im Kosmos dieses Filmemachers, bei dem Liebe grundsätzlich zum Scheitern verurteilt ist, seinen angemessenen Platz. Wen könnte da der Epilog nach dem Epilog ernsthaft überraschen? [LZ]

OT: The Girl with the Dragon Tattoo (USA/UK/SE/DE 2011). REGIE: David Fincher. BUCH: Steven Zaillian. KAMERA: Jeff Cronenweth. MUSIK: Trent Reznor, Atticus Ross. DARSTELLER: Daniel Craig, Rooney Mara, Christopher Plummer, Stellan Skarsgard, Steven Berkoff, Robin Wright, Joely Richardson, Julian Sands, Donald Sumpter. LAUFZEIT: 158 Minuten.

Verblendung

[Abbildungen: (c) 2011 Sony Pictures Releasing GmbH]

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Eine Antwort zu “VERBLENDUNG (The Girl with the Dragon Tattoo) | Filmkritik”

  1. Andreas sagt:

    Niels Arden Oplev ist nicht Schwede, sondern Däne.

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