Unsere Wildnis: Rettet den Wald | Deutschlandpremiere in Köln

09. März 2016

Unsere Wildnis

80.000 Jahre dauere der Winter jetzt schon an, heißt es aus dem Off, während sich die schneebedeckten Moschusochsen auf der Leinwand unbeeindruckt von den vermutlich eisigen Temperaturen zeigen. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die weiße Schneedecke einem kräftigen Grün weicht, das dann – so die These – den gesamten europäischen Kontinent bestimmt. Doch genau da beginnt diese Geschichte, für die das französische Naturfilmerduo Jacques Perrin und Jacques Cluzaud ziemlich weit ausholt: beim (erdhistorischen) Beginn der Jahreszeiten nämlich.

„Les saisons“ heißt ihr Film deshalb (und wohl aus poetischen Gründen) im Original, doch weil man es dem deutschen Zuschauer bekanntlich nicht zu schwer machen darf, hat man – wie schon beim Vorgänger desselben Teams („Océans“) – lieber auf einen unterrichtstauglichen Titel mit Possessivpronomen gesetzt. „Unsere Wildnis“ trifft es allerdings nicht wirklich, denn Perrin und Cluzaud geht es dezidiert um den Wald, sein goldenes Zeitalter ohne den Menschen und sein langsames Sterben durch ihn.

Rund 450 Stunden Material haben die beiden gedreht bzw. drehen lassen und dann offenbar alles darangesetzt, so auszuwählen und zu montieren, dass sich gar nicht erst der Eindruck einer Dokumentation einstellt. Denn das muss man vorwegnehmen und wissen, bevor man sich auf diesen Film einlässt: „Les saisons“ hat keinerlei wissenschaftlichen Anspruch und mit klassischer, beobachtend-objektiver Tierfilmerei rein gar nichts zu tun. Treffender könnte man von Öko-Propaganda sprechen, wenn das nicht so furchtbar negativ klingen würde.

Doch letztlich ist es genau das, was Perrin / Cluzaud abliefern und vermutlich würden sie inhaltlich nicht einmal widersprechen. Ihr Vorgehen ist zutiefst manipulativ und macht daraus auch keinen Hehl. Immer wieder wird man sich mit der Frage konfrontiert sehen, was und wie viel hier inszeniert ist, und wo aller Wahrscheinlichkeit nach gar mit dressierten Tieren gearbeitet oder digital nachgeholfen wurde (wenn auch deutlich eingeschränkter als bei „Océans“, wo man in den End Credits eine ganze Armada von CGI-Teams entdecken konnte).

Unsere Wildnis

Dolly-Fahrten begleiten ein Rudel Wölfe bei der Wildschweinjagd (während das vermeintliche Ergreifen des Tieres in der Montage begraben wird) und als sie einer Gruppe von Wildpferden hinterher hetzen (was auch immer die im dichten Wald verloren haben), befindet sich die Kamera gar mitten unter ihnen. Nichts davon ist dokumentarisch und will es auch überhaupt nicht sein. Wer den Machern aufgrund derart offenkundig spielfilmartiger Sequenzen vorwerfen will, sie würden den Zuschauer für dumm verkaufen, muss im Grunde seine eigene Intelligenz in Frage stellen.

Man kann die Herangehensweise mögen oder nicht, an der Ästhetik wird man in beiden Fällen nichts auszusetzen haben. Lernen wird man hier eher nichts (und wer will das im Kino auch schon?), aber sich ein bisschen hypnotisieren und bisweilen überwältigen lassen, das funktioniert gut. Erst als der Antagonist Mensch ins Bild rückt, der bisherige Jäger (der Wolf also) zum Gejagten wird und zwischen Gaskrieg und dem Einsatz von Pestiziden nur ein Schnitt liegt, machen sich plakative Untertöne breit. Aber gut, simple Imperative (Rettet den Wald!) lassen sich nun mal nicht sonderlich nuanciert fomulieren.

In der deutschen Fassung fungiert Sebastian Koch als Erzähler und ist dabei, so muss man es leider sagen, nicht mehr als ein Vermarktungstool. Zur Deutschlandpremiere am 8. März in Köln (dank tatkräftiger Beteiligung der Filmstiftung NRW und Co-Produktion durch Pandora) generierte er naturgemäß mehr Aufmerksamkeit als der Film selber und macht sich ansonsten gut als Name auf Plakaten und in Pressetexten. Inhaltlich sieht es hingegen eher so aus, wie die Macher nach einer kurzen Einführung auf der Bühne des Premierenkinos anmerkten: Es seien jetzt bereits mehr Worte gefallen, als es im Film zu hören gebe. Dem lässt sich nicht widersprechen. [LZ]

Unsere Wildnis | Jacques Cluzaud, Sebastian Koch, Jacques Perrin

OT: Les saisons (FR/DE 2015). REGIE: Jacques Perrin, Jacques Cluzaud. BUCH: Jacques Perrin, Jacques Cluzaud, Stéphane Durand. MUSIK: Bruno Coulais. KAMERA: Eric Guichard, Michel Benjamin, Laurent Fleutot. DARSTELLER: Sebastian Koch. LAUFZEIT: 97 Min.

Unsere Wildnis | Filmplakat

[Abbildungen: Universum Film]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.