Under the Dome: Deutschlandpremiere und Abweichungen von der Romanvorlage

06. September 2013

Keine drei Monate hat es diesmal gedauert, bis ein US-Serienerfolg auch über deutsche Bildschirme flimmern konnte – und das sogar im Free-TV. Für hiesige Verhältnisse ist das (immer noch) eine echte Ausnahmeerscheinung. An Stephen King, dessen Opus Magnum „Under the Dome“ hier zugrunde liegt, kann es alleine nicht liegen, denn die letzte Fernsehproduktion nach einer Vorlage des Horrormeisters („Haven“) traf hierzulande auf wenig Gegenliebe. Was auch immer der Grund für die rasche Auswertung durch Pro7 sein mag, die guten Quoten am Abend der Erstausstrahlung (23,1 Prozent Marktanteil) gab den Verantwortlichen Recht. Doch kann die Serie dem Erwartungsdruck standhalten? Wir werfen einen Blick auf die ersten beiden Folgen.

Vom einen Augenblick zum nächsten ist die Kleinstadt Chester’s Mill von der Außenwelt abgeschlossen und niemand weiß so genau, was dahinter steckt. Eine unsichtbare Glocke scheint mit Wucht vom Himmel gestürzt zu sein und sich tief in die Erde gebohrt zu haben. Elektrisch aufgeladen und offenbar unzerstörbar, lässt sie nur minimal Wasser und Sauerstoff durch. Rasch rückt das Militär an, doch eine Erklärung oder gar Lösung scheint nicht in Sicht.

Relativ zügig geht die erste Folge in media res und lässt die Katastrophe schon nach wenigen Minuten über der Stadt einbrechen. Für Kenner der Vorlage ist da aber bereits klar, dass die Serie offenbar ihre eigenen Wege gehen wird. Hauptfigur Dale Barbara, ein Ex-Soldat mit Kriegserfahrung und dem seltsamen Spitznamen „Barbie“, Sympathie- und Identifikationsträger des Romans, hat vom Papier zum Bildschirm einen deutlichen Wandel erfahren. Sein erster Auftritt zeigt ihn als Fremden auf der Durchreise, der gerade heimlich eine Leiche verscharrt.

Für Fans ist das ein echter Paukenschlag, denn weiter könnte diese Variante auf den ersten Blick kaum von der Originalversion entfernt sein. Wie sich bald herausstellt, ist der Tote ausgerechnet der Ehemann von Lokalreporterin Julia Shumway, mit der Barbie später im Buch eine angedeutete Liebesbeziehung verbinden wird. Doch die TV-Fassung von Showrunner Brian K. Vaughan („Lost“) will es anders. Barbie (hier Mike Vogel aus „Bates Motel“) dient einem zweiten Mystery-Handlungstrang als Geheimnisträger, über dessen Vergangenheit sich der Zuschauer den Kopf zerbrechen soll. Nebenbei wird Julia (im Roman wesentlich älter als er, in der Serie von der gleichaltrigen Rachelle Lefevre verkörpert) frühzeitig zur zentralen Figur.

Aber auch sonst haben wichtige Personen des Romans ein anderes Gesicht und abweichende Konflikte verpasst bekommen. So gibt Dean Norris (Hank Schrader aus „Breaking Bad“) mit Autohändler James „Big Jim“ Rennie zunächst einen recht milden und durchaus sympathischen späteren Gegenspieler. King hatte die Figur ursprünglich nach dem Vorbild von Dick Cheney gestaltet und ihr im Roman den Körperumfang von Orson Welles verpasst. Die Serienvariante geht moderater vor und macht Big Jim zunächst einmal zum wichtigsten Kopf der Geschichte.

Schnell wird klar: Dies ist kein Mehrteiler, der seiner Vorlage möglichst treu nachfolgen will, sondern eine auf bestenfalls mehrere Staffeln (die zweite ist bereits in Arbeit) angelegte Serie, die zwingend ihre eigenen Wege gehen muss, um auch die Kenner der Vorlage bei der Stange zu halten. Wie sinnvoll das sein kann, hat Vaughan vermutlich von „The Walking Dead“ gelernt. Denn wo der Zuschauer im Vorhinein schon alles weiß, macht sich rasch Langeweile breit. Warum also trotzdem jede Woche wieder einschalten? Ob „Under the Dome“ dabei allerdings so weit geht wie die Kollegen von der Zombiefront, die auch schon einmal liebgewonnene Hauptfiguren auf halber Strecke über die Klinge springen lassen, wird sich zeigen.

Wer Kings Roman also kennt, sollte möglichst alle Vorkenntnisse einklammern, denn sonst wird das Vergnügen an der durchaus spannend ansetzenden Serie deutlich getrübt. Die Figuren mögen dieselben Namen haben, aber inhaltlich sind es doch ganz andere Charaktere, und auch ihre Konflikte untereinander müssen sich nicht gleichen. Deutliche Abweichungen waren bereits frühzeitig angekündigt worden und der Autor selber, der zudem als ausführender Produzent beteiligt ist, erklärte sich selbst zum Anwalt dieser Strategie.

Für den eingefleischten Fan des Originals ist das möglicherweise frustrierend, doch angesichts der Unzahl katastrophal misslungener King-Adaptionen hat eine bewusste Variation immer noch eine Menge für sich. Immerhin lässt sich dasselbe ja auch von Kubricks „Shining“ sagen. [LZ]

Under the Dome

[Abbildungen: CBS / Screencaptures]

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The Walking Dead

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