Unbroken: Angelina Jolie in Berlin

28. November 2014

So kennt man es von Konzerten der ganz großen Rock- und Popstars: einfach 40 Minuten später anfangen und dann so tun, als sei nichts gewesen. Wer eine Erklärung, geschweige denn eine Entschuldigung erwartet, ist schlicht im falschen Film. Als sie schließlich auftaucht, übt sich Angelina Jolie in Bescheidenheit. Demut ist angesagt auf dieser Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag in Berlin. Die Schauspielerin ist in die Hauptstadt gekommen, um ihre zweite Regiearbeit vorzustellen. Dabei gibt sie sich so unauffällig wie möglich.

Was natürlich nicht funktioniert. Niemand ist ihres Films oder gar der beiden Darsteller Jack O’Connell und Miyavi (in Japan ein bekannter Popstar) wegen gekommen. Niemand. „Unbroken“ heißt der Film, um den es hier geht. Eine reale Begebenheit aus dem zweiten Weltkrieg – die schier unglaubliche Überlebensgeschichte des letzten Juli verstorbenen US-Leichtathleten Louis Zamperini liegt ihm zugrunde. Aber auch das ist eher Nebensache und Jolie wäre naiv, sich dessen nicht bewusst sein. Umso mehr nimmt sie sich zurück in der Hoffnung, den Fokus wenigstens um einen Hauch verschieben zu können.

Sie sitzt links außen, ein bisschen fragil und sichtbar müde. Schwarze Hose, schwarzer Rollkragenpullover. Alles hier will sagen: Ich bin nicht die Hauptfigur. Einzig der Glosseffekt auf ihren berühmten Lippen war offenbar unverzichtbar und strahlt mehr Glamour aus, als ihn die gesamte Riege hiesiger Stars und Sternchen zusammengenommen jemals aufbringen könnte. Alle Aufmerksamkeit, die ihr Film bekommt, verdankt er (zunächst einmal) ausschließlich ihr. So traurig das ist, so wahr ist es eben auch.

Die Veranstaltung ist gut besucht, aber auch nicht gerade überfüllt. Ein Sequel von „Salt“ oder „Maleficent“ hätte fraglos mehr Interesse hervorgerufen. Aber was sollen all die Quasselmedien auch hier? Zu ernst ist das Thema des Films, als dass sich die üblichen Boulevardfragen stellen ließen. Worüber also schreiben, wenn man nicht gerade zur Fachpresse gehört? Eine RTL-Redakteurin versucht das äußerst Mögliche an Privatgeplänkel und erkundigt sich nach der Wirkung, die der reale Zamperini auf Jolies Sohn Knox Léon gehabt habe.

Unbroken | Angelina Jolie in Berlin

Die Fragen aus dem Plenum sind spärlich und richten sich (fast) allesamt an die Schauspielerin. Moderator Steven Gaetjen (für Presse-Events großer Hollywood-Produktionen immer dann zur Stelle, wenn Wolfram Kons nicht kann – oder umgekehrt) greift irgendwann ein und macht in gewohnter Souveränität das, was ein guter Moderator in so einer Situation eben macht, und bietet den beiden anderen Panelgästen ein paar Höflichkeitsfragen.

Jolie weiß, dass das alles nicht ausreicht, um die dringend notwendige Breitenwahrnehmung zu bewirken, also lässt sie unaufgefordert gleich zweimal den Namen ihres Ehemannes fallen, wirft das nächste gemeinsame Projekt in den Ring und liefert dabei die einzige Gelegenheit zu Ironie in dieser ansonsten leidlich ernsten Veranstaltung: Als sie gefragt wird, ob nach zwei Kriegsepen („In the Land of Blood and Honey“ fand 2011 praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt) auch einmal ein anderes Genre von ihr als Regisseurin zu erwarten sei, verweist sie darauf, dass sich ihr nächster Film um das Thema Ehe drehe – „eine andere Form von Krieg.“

Nach einer knappen halben Stunde ist die Angelegenheit auch schon wieder vorbei. Auf die Schauspielerin wartet ein Marathon mit Einzelinterviews, vor denen man sie eigentlich lieber bewahren möchte. In der Bild wird man später unter skandalträchtiger Überschrift („Ich frage mich oft, ob ich eine gute Mutter bin“) ausschließlich darüber lesen können, wann sie wo an- und abgereist ist, wer sie gestylt hat und was ihre Kinder zwischenzeitlich getan haben. Vom Film bleibt nur der Titel und das Genre. Die Bunte interessiert sich mehr für ihr „tristes“ Auftreten und spielt mit Magerwahn-Assoziationen. Und der Spiegel legt prophylaktisch einen kritischen Finger in Wunden, von denen noch keiner weiß, ob es sie einmal geben wird, indem er fragt, inwiefern sich Jolie mit der Strategie einer Sperrfrist für Kritiken bis zum 1.12. „wirklich einen Gefallen“ getan habe.

Alles also wie gehabt in der heimischen Presselandschaft. Ob „Unbroken“ ein Publikum finden und bei den kommenden Oscars (auch darüber wird bereits ernsthaft spekuliert) eine Rolle spielen wird, bleibt vorerst noch abzuwarten. [LZ]

Unbroken | Angelina Jolie in Berlin

[Abbildungen: UIP | Screencapture]

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