True Grit | Filmkritik

28. Februar 2011

True Grit | James Bridges, Hailee Steinfeld

Dass die Coen-Brüder einmal einen veritablen Blockbuster auf die Beine stellen würden, hätte wohl niemand vermutet. Und dabei ist „True Grit“ eine echte Mogelpackung. Denn auch wenn es auf den ersten Blick so aussehen mag, als hätten sich die beiden an einem geradlinigen Spätwestern versucht, der die sperrigen Trademarks früherer Arbeiten, vor allem aber die alles andere als rosige Weltsicht des Duos ausspart, so muss man doch bei genauerem Hinsehen feststellen, dass eben dies selbstverständlich nicht der Fall ist. Im Gegenteil: Verpackt ins amerikanischste aller Genres präsentiert sich die ganze Bandbreite dessen, womit sie im Allgemeinen identifiziert werden. Nur eben mit einer hübschen Schleife versehen.

Filmkritik: TRUE GRIT
Nichts ist ohne Preis.

Niemand kann so genau sagen, was in den Köpfen der Coens vor sich geht. Die Auswahl ihrer Projekte scheint sich mal dialektisch zu bewegen, mal von purer Lust und Laune gesteuert zu sein. Doch im Vergleich zu einem ähnlich sprunghaften Filmemacher wie Steven Soderbergh bewegen sich die jeweiligen Arbeiten der Brüder aus Minnesota auf eigenartige Weise immer im selben thematischen Kosmos und bereichern sich dort gegenseitig. Das Gesamtwerk ist ein einziger großer interner Dialog, der beständig um neue Teilnehmer erweitert wird, ohne dass sich je irgendetwas wiederholen würde. „True Grit“ fügt sich da ein wie jeder andere Coen-Film, und so gilt auch für ihn, dass frühestens beim zweiten Ansehen eine Idee davon aufleuchtet, wo er überall andockt.

Die Geschichte der 14-jährigen Mattie Ross (hier Hailee Steinfeld), die sich mit dem versoffenen US-Marshall Rooster Gogburn und dem schneidigen Texas Ranger LaBoeuf ins Niemandsland begibt, um Tom Chaney, den Mörder ihres Vaters zu finden, ist hinreichend bekannt und bleibt in wesentlichen Zügen auch bei den Coens erhalten. 1969 hatte Henry Hathaway den beliebten Roman von Charles Portis erstmals auf die Leinwand gebracht und John Wayne damit seinen ersten und einzigen Oscar beschert. Die 2010er Fassung ist eine weitere, eigenständige Adaption und kein Remake – und doch gibt es einzelne Sequenzen, die mehr als einmal die Grenze zur Nachinszenierung streifen. Doch die Gemeinsamkeiten mit dem gutgelaunten Hallodri-Western, der sechs Jahre später eine noch leichtfüßigere Fortsetzung nach sich zog, sind weniger erhellend als die wenigen, aber eklatanten Unterschiede und geringfügigen Abweichungen von der Vorlage, die es in sich haben und den Grundton des Films bestimmen.

True Grit

Portis lässt seine Geschichte aus der Sicht einer gealterten Mattie erzählen, und die Coens übernehmen diesen Ansatz, auch wenn ein reflektierendes Voiceover nur zu Beginn und am Ende auftaucht. Was zunächst wie ein überflüssiges Klischee wirken mag, erweist sich rückblickend als unverzichtbares Mittel, um alle Illusionen und Verklärungsversuche bereits im Keim zu ersticken. Oder ist es vielleicht gerade die nihilistische Haltung der Erzählerin, die hier mit besonders trostlosem Pinsel malt? Nur einmal jedenfalls wandelt sich die Erinnerung in eine märchenhafte Utopie, doch das betrifft eine Zeitspanne, in der Mattie zwischen halber Bewusstlosigkeit und Fieberträumen pendelt. Was bleibt ihr also anderes übrig als zu fantasieren und sich eine bessere, weil irreale Welt auszumalen? Dann leuchten Millionen Sterne am Nachthimmel und Rooster darf für einen Moment zur biblisch anmutenden Heldenfigur werden – jedenfalls solange, bis die Erzählung alles relativiert und ihn für den Rest seines Lebens umso tiefer stürzen lässt.

Überhaupt: Wo bei Hathaway ein klassisches Happy End eine glückliche Zukunft verspricht, gibt es 2010 nur Einsamkeit, Enttäuschung und verpasste Chancen. Coen-Figuren scheitern eben regelmäßig am Epilog. Ihre Ziele mögen sie erreichen (wenn auch in aller Regel eher durch Zufall), doch was kommt dann? Für Mattie sieht es nicht anders aus. Sie kriegt ihre Rache (und zwar wesentlich unmittelbarer als in Buch oder Vorgängerfilm), überlebt einen tödlichen Schlangenbiss und kommt zurück nach Hause. Doch zu welchem Preis? Ohne Bezahlung läuft in der Welt von „True Grit“ jedenfalls nichts, egal ob es dabei um handfeste Dollars, ausgleichende Gerechtigkeit oder das Schicksal selber geht. Den Marshall lockt nur die Bezahlung, LaBeouf schielt auf ein Kopfgeld, drei Galgenvögel bezahlen für ihre Taten gleich zu Beginn mit ihrem Leben, und Tom Chaney wird es nicht anders ergehen. Matties Preis ist ein unglückliches und verbittertes Dasein, und den zahlt sie weniger für ihre Rache (dafür wird anders abgerechnet), sondern für das, was sie ist.

Früh ist bereits ersichtlich, dass aus dem jungen Mädchen kaum mal ein glückliches Mitglied der Gesellschaft werden kann. Angestammte Rollen will sie nicht annehmen, und ein Nein wird sie als Antwort nie akzeptieren. Mit betrügerischen Pferdehändlern verhandelt sie wie ein Weltmeister, und wenn die Argumente an ihren sturköpfigen Gegnern abprallen, droht sie eben mit ihrem Anwalt. Das ist zu modern, zu unweiblich, und einem 14-jährigen Mädchen ohnehin nicht angemessen. Erst jenseits der Stadtgrenzen, im Indianergebiet, in dem andere Gesetze herrschen oder auch gar keine, geht ihr für eine Weile die Puste aus, und ihr Redeanteil nimmt merklich ab. Doch auch dieser Situation lernt sie sich schnell anzupassen, und niemand kann ernsthaft bezweifeln, dass sie mit ein bisschen Übung bald schon zielsicherer mit dem Colt umgehen würde als ihre beiden Begleiter. Diese Frau wird nie heiraten und Kinder kriegen, mag man sich denken und wird recht behalten.

Aber auch sonst kommt niemand ungeschoren davon, und die Augenklappe des Marshalls erinnert beständig daran, ohne dass sie dezidiert in den Vordergrund gerückt wird. LaBeouf etwa, der sich in beständiger Schönrederei gut gefällt, beißt sich bei einer Schießerei fast die Zunge ab und spricht für den Rest des Films mit hörbarer Einschränkung. Auch Mattie wird nicht unversehrt bleiben und die Spuren ihres Rachefeldzuges ein Leben lang unübersehbar mit sich herumtragen. Andere Figuren sterben, weil sie kein Bein verlieren wollen, oder werden selbst als Leichname noch von Geiern und Schlangen zerfressen. Dahinter steht ein Gesetz, denn wer bei den Coens eine Grenze passiert, kommt grundsätzlich nicht in einem Stück wieder. Tom Chaney etwa ist die zweite von Josh Brolin gespielte Figur, die diesen Fehler begeht, und das ist vermutlich auch der entscheidende Grund, warum er überhaupt in dieser überschaubaren Nebenrolle auftaucht.

True Grit

Der offensichtlichere Wiederkehrer ist selbstverständlich jedoch Jeff Bridges, und an ihm lässt sich am besten ablesen, wie eine Reinkarnation im Coen-Kosmos ausfällt. Denn so sehr wie der Marshall eine spiegelbildliche Negation von John Wayne ist (Bridges trägt die Augenbinde auf der anderen Seite), so sehr ist er auch eine Parallelweltvariante des Dude. Als nutzloses Relikt besserer Tage präsentiert ihn der Film frühzeitig in langen Unterhosen, als er seinen Rausch im Hinterzimmer eines Chinesen ausschläft. Konfiszierter Whiskey ersetzt den White Russian als Hauptnahrungsmittel, und die Kugeln, mit denen er spielt, sind hier aus Blei und eignen sich nicht zum Bowling. Rooster Cogburn ist das reale Gegenstück zu Jeffrey Lebowski und zugleich sein in die Jahre gekommenes Alter Ego in einem anderen Jahrhundert. Wenn er sich vor Gericht für eine Handvoll unkontrollierter Ausbrüche an Schießwut rechtfertigen muss, könnte es in einem anderen filmischen Universum auch um die Frage gehen, wohin wohl das treuhändlerisch verwaltete Lösegeld verschwunden ist. Klare Antworten gibt es in keinem Fall.

Doch der Marshall ist vor allem eine tragische Figur, die sich nach und nach überholt und in der Welt keinen echten Platz mehr hat. Damit spiegelt er aber zugleich das Schicksal von Mattie, deren Modernität ihrer Zeit meilenweit voraus ist. Keiner von ihnen hat einen Platz in der Gesellschaft, und so bleibt LaBeouf, der Texas-Ranger in schicker Uniform (und mit dem Konterfei von Matt Damon), der einzige von ihnen, der nicht zum Außenseiter werden muss. Und weil er das spürt, verlässt er die Jagdgemeinschaft auch zweimal, um seine eigenen Wege zu gehen, und darf am Schluss (ganz im Gegensatz zu Buch wie Vorgänger) mit dem Leben davonkommen.

Aber auch er ist nicht gänzlich Herr der Lage. Und so müssen die beiden Filmemacher wie so oft in ihrem Kosmos, dessen Bewohner nun einmal daran scheitern, dass ihnen der Überblick fehlt, einen Deus ex Machina bemühen, damit Mattie ihre Rache bekommen kann, Rooster seinen Showdown, und der Zuschauer das irrige Gefühl, es gehe doch alles irgendwie gut aus. Aber um gemeine Tricks waren die Coens ja noch nie verlegen. [LZ]

OT: True Grit (USA 2010). REGIE: Ethan Coen, Joel Coen. BUCH: Ethan Coen, Joel Coen. KAMERA: Roger Deakins. MUSIK: Carter Burwell. DARSTELLER: Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper. LAUFZEIT: 110 Minuten.

True Grit

[Abbildungen © Paramount Pictures.]

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