TRON LEGACY | Filmkritik

29. Januar 2011

Filmkritik | Tron Legacy

Disney besinnt sich schon seit einer Weile wieder auf seine Wurzeln, und das tut dem Konzern offenbar auch ganz gut. „Rapunzel“ mag zwar in Wahrheit ein reines CGI-Produkt sein, doch der Look ist so klassisch, dass niemand auf die Idee käme, hier seien keine Stifte und Pinsel am Werk gewesen. Micky Maus erlebte im vergangenen Jahr eine grandiose Wiedergeburt als Held eines überraschend düsteren Videospiels. Und mit „Tron: Legacy“ kehrt nun auch jener Typus des Live-Action-Films zurück auf die Leinwand, der reale Figuren in animierte Welten versetzt. Visuell lässt die Fortsetzung das Original von 1982 ziemlich alt aussehen. Doch bekanntlich ist das ja nicht alles.

Filmkritik: TRON LEGACY
Enter the Grid.

Unterhalten sich zwei Computerprogramme. Sagt das eine: „Glaubst Du an die Existenz der User?“ Sagt das andere: „Ja, natürlich. Gäbe es keine User, wer hätte mich dann programmiert?“ Was da wie ein metaphysischer Witz klingt, ist tatsächlich ein Originaldialog aus dem ersten echten Cyberspacefilm der Kinogeschichte (und das avant la lettre). Auf seine Weise eine Variante von „Fantastic Voyage“, hatte „Tron“ den menschlichen Körper durch Schaltkreise ersetzt und seine Figuren ins Innere eines Computers geschickt. Und wenn man es genau betrachtet, ist Steven Lisbergers Film bis heute auch nahezu der einzige seiner Art geblieben (Nonsens wie „The Lawnmower Man“ mag man kaum mitzählen wollen). Das hat seinen guten Grund, denn eine Geschichte, die in einem solchen Setting funktionieren will, verlangt vom Zuschauer einen hohen Grad an Bereitschaft, derartig naiven Unsinn überhaupt mitzumachen. Oder eine besonders clevere Idee seitens der Macher.

1982 war das alles wesentlich einfacher. Computer hatten den Alltag der westlichen Industrienationen noch längst nicht erobert, und das Breitenwissen um ihre Funktionsweise tendierte gegen Null. Doch das sollte sich bald schon ändern. Der Commodore 64 war Mitte des Jahres gerade auf den Markt gekommen und entwickelte sich schnell zum einzigartigen Bestseller. Spielen ließ sich aber auch mit anderen Konsolen schon ganz famos, und Titel wie Pac-Man, Donkey Kong und Frogger gehörten zu den großen Rennern. Als „Tron“ im Juli des Jahres Premiere feierte, war es zwar immer noch früh genug, die abenteuerliche Geschichte vom humanoiden Leben der Schaltkreise zu erzählen, aber möglicherweise auch bereits ein Hauch zu spät, um dem Publikum vor Staunen die Augen übergehen zu lassen. Der Film funktionierte und spielte seine Kosten ohne Mühe wieder ein, doch genau wie „Blade Runner“ litt er entgegen der allgemeinen Annahme nicht nur an seiner vielfach befremdlichen Innovationskraft, sondern vor allem an der Konkurrenz des alles überschattenden, kaum vier Wochen zuvor angelaufenen „E.T.“, der die Schnittmenge der gemeinsamen Zielgruppe einfach gänzlich für sich vereinnahmte.

Tron Legacy

Tron Legacy | Jeff Brigdes

Tron Legacy | Olivia Wilde | Garrett Hedlund

Doch „Tron“ und sein Avantgarde-Look hatten ihre Spuren im kollektiven Bewusstsein hinterlassen. Bereits Ende der 90er machten Spekulationen über ein Sequel oder Remake die Runde. Pixar-Chef John Lassiter hatte nie einen Hehl aus seiner Bewunderung für das Original gemacht und Lisbergers Film gar zum entscheidenden Auslöser für die eigene Arbeit an „Toy Story“ erklärt. Zeitlich trafen die Gerüchte mit dem immensen Erfolg des ersten „Matrix“-Films überein, und auch das mag ein nicht zu unterschätzender Auslöser gewesen sein. Die Wachowskis hatten den Cyberspace-Begriff von William Gibson (dessen „Neuromancer“ interessanter Weise zwei Jahre nach „Tron“ veröffentlicht worden war) wörtlich genommen und die wahrgenommene Wirklichkeit zur gemeinschaftlichen Halluzination erklärt, hinter der sich in Wahrheit die Realität von Maschinen verbirgt. Vor allem die beiden Fortsetzungen hatten „Tron“ eine Menge zu verdanken, und so mögen bei Disney die Dollarzeichen immer dringlicher auf sich aufmerksam gemacht haben. Rückblickend kann „Tron: Legacy“ den Einfluss der „Matrix“-Trilogie kaum leugnen, und im Gegenzug muss es niemanden wundern, dass die Wachowskis gerade frisch zwei weitere Sequels ankündigten – und das selbstredend in 3D.

Das klingt alles verdächtig nach Kalkül, und dem gemäß ist auch das Ergebnis ausgefallen. Wo Lisbergers Film in all seiner märchenhaften Naivität über eine Menge Charme und Originalität verfügt, kommt „Tron: Legacy“ einigermaßen schwerfällig und voraussehbar daher. Gemeinsam ist beiden neben den inhaltlichen Übereinstimmungen in der Hauptsache eine sensationelle Optik, doch auch da steht Originalität neben Berechnung. „Legacy“-Regisseur Joseph Kosinski entstammt dem Umfeld von CGI-Design und Computerspielen, während Lisberger ursprünglich klassische Animation betrieben hatte. Für beide war die Begegnung mit „Tron“ der Einstieg in die Spielfilmwelt, und beide hatten sichtbar Schwierigkeiten, eine Geschichte zusammenzuhalten und nicht zur Nummernrevue verkommen zu lassen. Zu verführerisch ist die jeweilige Optik, doch während Lisberger mehr oder weniger mit seinem eigenen Spielzeug arbeiten konnte und eine gewisse experimentelle Freiheit hatte, muss Kosinski vor allem zeigen, was Disney zu bieten hat.

Tron Legacy

Tron Legacy | Garrett Hedlund

Denkbar einfach fällt deshalb auch die Geschichte aus, in der sich der Sohn des genialen Programmierers Kevin Flynn (Jeff Bridges) in der Cyberwelt von „Tron“ auf die Suche nach seinem vor Jahren spurlos verschwundenen Vater macht und dabei dessen digitales Pendant Clu (ebenfalls Bridges) daran hindern muss, mit einer Armee aus humanoiden Programmen in die reale Welt einzudringen und dort den Untergang der Menschheit herbeizuführen. Ende. Das ist so geradlinig wie es klingt, aber auch genauso belanglos. Das Original muss niemand gesehen haben, um der Geschichte folgen zu können, und eben darum geht es auch. Das Kernpublikum war 1982 noch nicht einmal geboren, und selbst als TV-Ausstrahlung ist „Tron“ für den CGI-erfahrenen Zuschauer einfach heillos veraltet.

Nichts desto trotz haben sich die Autoren Edward Kitsis und Adam Horowitz (beide Stammautoren von „Lost“) alle Mühe gegeben, den Bogen zwischen Original und Sequel möglichst kontinuierlich zu spannen. Am verblüffendsten ist dabei der zentrale Gedanke des Films geraten, der nicht nur den Grundkonflikt der Geschichte definiert, sondern zugleich auch die massive Modernisierung des Looks erklärt. Dazu muss man wissen: Im „Tron“-Universum bilden Programme ein digitales Pendant zu ihrem Schöpfer, was im Original dazu führte, dass alle Hauptdarsteller gleich zwei Rollen spielen mussten. In „Tron: Legacy“ reduziert sich dieses Prinzip im Wesentlichen auf Jeff Bridges.

Tron Legacy | Jeff Bridges | Clu

Tron Legacy | Jeff Bridges | Kevin Flynn

Kevin Flynn, so erfährt man im Laufe der Geschichte, hatte sein Alter Ego, den ursprünglich als Hacker-Tool angelegten Clu (nicht nur ein sprechender Name, sondern auch eine Abkürzung für Codified Likeness Utility) damit beauftragt, im Cyberspace eine ideale Welt zu schaffen. Optisch ist ihm das unübersehbar gelungen, doch wie in allen Frankenstein-Varianten wendet sich das Geschöpf irgendwann gegen seinen Erbauer, und so muss Flynn ins Exil fliehen, wo er als eine Art Yoda in einem stylischen Kubrick-Interieur vor sich hin lebt und transzendentale Meditation betreibt. Clu ist aber auch zugleich derjenige, der Flynns Sohn Sam (unfassbar blass: Garrett Hedlund) ins Land der Schaltkreise lockt, um über ihn in die Außenwelt zu gelangen.

Wendungen und Ausgang der Geschichte kann man sich an fünf Fingern abzählen, und genau dort verschenkt der Film auch sein größtes Potential. 2010 ist die Vorstellung, dass im Innern von Computern mikroskopisch kleine Kreaturen leben (Programme), schlicht und einfach Schwachsinn, der nur mit Augenzwinkern funktioniert oder nach der märchenhaften Verfremdung des Originals verlangt. Für ersteres nimmt sich der Film jedoch allzu ernst, und letzteres baut er nur sehr eingeschränkt ins Konzept mit ein Es bleibt einem also nicht viel mehr übrig, als das alles einfach zu schlucken und zu hoffen, dass einen Optik und Tonspur möglichst durchgängig berauschen.

Tron Legacy

Tron Legacy | Garrett Hedlund | Olivia Wilde

Über weite Strecken funktioniert das auch ganz gut. Das visuelle Design ist echtes Eye Candy, und die per Performance Capture drastisch verjüngte Clu-Version von Jeff Bridges wirkt so lebensecht, dass man phasenweise glauben möchte, hier sei ein reales Double engagiert worden. Der fantastische Soundtrack von Daft Punk, von jeher „Tron“-Fans, benebelt einen vollends und rückt den Film an den Rand eines zweistündigen Videoclips. Nur dann, wenn Ruhe einkehrt und die Figuren sich in Dialogen verwickeln, wird die Geschichte nicht nur merklich ausgebremst, sondern lässt den Zuschauer auch wieder zu Bewusstsein kommen. Beides ist nicht wirklich gut, und mancher mag sich dann die 3D-Brille von der Nase nehmen wollen und wundern, warum er sie überhaupt trägt.

Denn so reizvoll und einleuchtend der Einsatz der dreidimensionalen Technik gerade hier im Vorhinein erscheint, so ineffektiv ist er über weite Strecken auch. Schon die Idee, die Rahmenhandlung in der analogen Welt gänzlich zweidimensional ausfallen zu lassen, hat einen seltsamen Beigeschmack. Etwa eine Viertelstunde sitzt man da mit einem echten Störfaktor vor den Augen, denn solange dauert es, bis der Film in die visuelle Tiefe abtaucht. Aber auch dann ist die Wirkung überschaubarer als man es erwarten mag. Zum direkten Vergleich muss man nicht einmal „Avatar“ herbeizitieren, denn selbst „Resident Evil: Afterlife“ holt mehr aus dem Einsatz von 3D heraus als „Tron: Legacy“. Zudem trägt der hohe Schwarzanteil des Designs nicht gerade zu einem optimalen Ergebnis bei. Die Bilder erscheinen zwangsläufig dunkler, und das ist alles andere als ideal.

Nichts desto trotz spült dieses geschätzte 170 Millionen USD teure Sequel ansehnliches Geld in die Kassen, und so ist eine weitere Fortsetzung bereits beschlossene Sache. Eine zusätzliche Ausschlachtung des Stoffes soll unter anderem eine 10-teilige Fernsehserie und anderes mehr garantieren. Disney macht also in den Worten eines bis zum Erbrechen ausgereizten Bildes weiter ausgiebig Mäuse. Und das wohlgemerkt mit einem Franchise, dessen titelgebende Figur zumindest in „Tron: Legacy“ nur noch eine untergeordnete Nebenrolle spielt. [LZ]

OT: Tron Legacy (USA 2010). REGIE: Joseph Kosinski. BUCH: Edward Kitsis, Adam Horowitz, Brian Klugman, Lee Sternthal. KAMERA: Claudio Miranda. MUSIK: Daft Punk. DARSTELLER: Jeff Bridges, Garrett Hedlund, Olivia Wilde, Michael Sheen, Bruce Boxleitner, Beau Garrett. LAUFZEIT: 125 Minuten.

Tron Legacy | Poster

[Abbildungen © Disney Enterprises Inc., All Rights Reserved.]

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