Tödlicher Segen [Deadly Blessing] | Frühwerk von Wes Craven in neuer Edition

18. Juni 2017

Tödlicher Segen

[Lesedauer: ca. 3:40 Minuten]

Mit anderen Meistern seines Fachs wie John Huston oder Robert Altman teilt sich Wes Craven das ungeheure Auf und Ab seiner Filmographie. Neben einschlägigen und stilbildendenden Klassikern findet sich da eine Menge Durchschnittliches, Verünglücktes und Vergessenswertes. Vor diesem Hintergrund drohen manche Zwischenwerke ganz aus dem Blick zu geraten. “Deadly Blessing [dt. Tödlicher Segen a.k.a. Dem Tode geweiht]” ist so ein Fall. 1981 als Auftragsarbeit zwischen zwei TV-Projekten entstanden, zeigt der Film nicht nur eine ganze Reihe erzählerischer Taktiken, die später zu Cravens Markenzeichen werden sollten, sondern überzeugt auch für sich. Eine jetzt erschienene Special Edition erlaubt zudem einen kleinen Einblick in die Entstehungsgeschichte.

Die Extras sind weitestgehend identisch mit dem 2013er Release von Shout!Factory. Das macht aber nichts, denn so bietet sich die Gelegenheit, dieses Frühwerk noch einmal neu oder möglicherweise gar erstmals zu entdecken. Und das lohnt sich in vielerlei Hinsicht, denn in der zeitgenössischen Wahrnehmung und Kritik ist der Film eher stiefmütterlich behandelt worden. Die Autoren Glenn M. Benest und Matthew Barr hatten ihr Drehbuch schon eine ganze Weile umhergereicht, als Craven dazustieß und einige nicht unrelevante Ergänzungen vornahm. Insbesondere die stummen, unübersehbar von Hitchcock inspirierten Anteile gehören dazu – auch wenn sie zur Handlung praktisch nichts beitragen.

Herausragend etwa eine wortlose Sequenz, in der die damals noch unbekannte Sharon Stone in einer Scheune gefangen ist und vor Angst beinahe den Verstand verliert. An absurder Handlungslogik kaum zu überbieten, zeigt sie beispielhaft, wie wenig Craven die Motivation seiner Figuren interessiert, wenn es darum geht, den Zuschauer wirkungsvoll zu erschrecken. Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass der Realitätswert der Handlung oftmals fragwürdig ist und der Respekt vor Nebencharakteren in der Regel überschaubar. Stones Figur, die keinerlei nachvollziehbares Verhalten an den Tag legt, trifft es da besonders hart (hinter den Kulissen, so Michael Berryman im Bonusteil, soll sich die damals bereits ziemlich ehrgeizige Schauspielerin über ausbleibende Unterstützung ihres Regisseurs beschwert haben).

Tödlicher Segen | Ernest Borgnine

Träume, die Einfluss auf die Wirklichkeit nehmen, dieses für Cravens Karriere entscheidende Motiv, taucht hier erstmals so prominent auf, dass es der zugehörige Frame gar aufs Filmplakat geschafft hat – obwohl auch hier gilt: einen echten Bezug zur eigentlichen Geschichte gibt es nicht. Die spielt im Umfeld einer den Amischen nachempfundenen, aber wesentlich radikaleren Religionsgemeinschaft, alttestamentarisch geschulte und von Aberglauben beherrschte Farmer, die sich konsequent von der Außenwelt abkapseln. An ihrer Spitze steht der unbarmherzige Isaiah (eine Paraderolle für Ernest Borgnine), der mit harter Hand und strafender Rute regiert.

Nicht einmal vor den eigenen Söhnen macht sein Regime Halt. Jim, seinen Erstgeborenen, hat er verstoßen, weil dieser mit der gemeindefremden Martha zusammenlebt (Maren Jensen, Lieutenant Athena aus “Kampfstern Galactica”). Doch auch sonst steht die Liebe des jungen Paars unter keinem guten Stern: Jim wird von einem unbekannten Täter mit seinem eigenen Traktor überfahren. Entgegen dem Rat ihrer beiden Freundinnen Vicky (Susan Buckner, “Grease”) und Lana (Stone) will sie die gemeinsame Farm in der Einöde unweit der Gemeinde ihres verstorbenen Mannes trotz allem nicht verlassen. Als der geistig zurückgebliebene William (Berryman) tot in ihrer Scheune aufgefunden wird, muss Martha den Zorn von Isaiah und seinen Gefolgsleuten fürchten, die sie für einen weiblichen Dämon halten.

Irgendwo zwischen Sektenmystery und Whodunit angesiedelt, wäre “Deadly Blessing” unter der Hand eines weniger begabten Regisseurs möglicherweise untergegangen. Craven jedoch setzt ganz auf eine durchgängige Atmosphäre der Beunruhigung und nutzt als Palette die weitläufigen und sonnigen Exterieurs aus Feldern und Wiesen, in deren vermeintlich paradiesischer Friedlichkeit Fundamentalismus, Irrationalität und Gewalt ihren Nährboden finden. Beunruhigend gerät Detail um Detail: Eine junge Frau namens Faith (Lisa Hartman) malt seltsam verzerrte Bilder und verschenkt ganze Körbe von Hühnereiern (die sie einzeln durchleuchtet hat, damit aus den Spiegeleiern keine Augen emporstarren); William schleicht sich bei Nacht auf Marthas Grundstück, um die beim Ausziehen zu beobachten; eine Schlange gleitet heimlich in ihr Badewasser und taucht zwischen ihren weit geöffneten Beinen wieder auf (eine Szene, die sich später ähnlich in “A Nightmare in Elm Street” wiederholt) und so weiter.

Ein ziemlich unverblümter Sexismus ist nicht nur in den beiden letztgenannten Fällen überdeutlich an der Tagesordnung. Vicky etwa erscheint auf der Oberfläche zwar emanzipiert und hebt sich deutlich von den Frauen der Gemeinde ab (wo man traditionellerweise seine Cousine heiratet), erweist sich mit BH-Verzicht unter dem Shirt zugleich jedoch als diejenige Verführerin, vor der Isaiah seinen verbliebenen Sohn John eindringlich warnt. Wissend, dass er verlobt ist, lockt sie ihn zu einem Rendezvous (zum Beispiel ins Kino, wo gerade ein Film von Wes Craven läuft), das unmissverständlich eine sexuelle Versprechung beinhaltet. Als es allerdings darum geht, einer akuten Bedrohung zu entkommen, stellt sie sich genauso dumm an wie jedes dahergelaufene Starlet in einem Teenie-Slasher.

Tödlicher Segen | Maren Jensen, Sharon Stone, Susan Buckner

Im Bonusteil merkt Buckner (die auf entwaffnende Weise rein gar nichts zu sagen hat) genau diese Unstimmigkeit ihrer Figur an, besteht aber ansonsten darauf, dass es keinen harmonischeren Dreh hätte geben können als diesen. Berryman hingegen berichtet von einem drehgefährdenden Zickenkrieg zwischen den drei Hauptdarstellerinnen und Cravens Schlaflosigkeit ob dieses Umstands. Überhaupt bieten die kleinen Featurettes dieser Edition und der Audiokommentar einige interessante Anekdoten, die so manche Entscheidung des Films begreiflicher werden lassen.

Am einschneidendsten dabei ein Epilog, der wohl seitens der Produzenten gefordert wurde und die beiden Autoren ziemlich verärgert hat. Das muss wenig wundern, denn mit dem Rest des Films hat er rein gar nichts zu tun und wirkt wie ein Fremdkörper (die britische Fassung eliminierte ihn aus diesem Grund). Die Ironie dabei: Nirgendwo ist der Film so unheimlich wie hier und Craven hat sich dazu eine theatral anmutende Plansequenz innerhalb einer einzigen Einstellung ausgedacht, bei der einem die Kinnlade herunterfallen kann.

Barr und Bennet schrieben noch einen weiteren Film zusammen, blieben in Hollywood aber unter dem Radar. Für Jensen wie Buckner war “Deadly Blessing” der letzte Film, beide zogen sich von der Schauspielerei zurück. Jensen erkrankte kurz darauf schwer, Buckner bekam ein Kind und konnte ihren Schwangerschaftsbauch schon bei den Nachdrehs nicht mehr verstecken. Lisa Hartman blieb vor allem im TV aktiv und spielte später regelmäßig im “Dallas“-Spinoff “Unter der Sonne Kaliforniens”. Eine echte Karriere gelang neben Craven einzig Sharon Stone und Komponist James Horner. Ein Jahr vor seinem Durchbruch mit “Star Trek 2: Der Zorn des Khan” und noch deutlich unter dem Einfluss von Jerry Goldsmith lieferte er eine Art Light-Version von “The Omen”, bei der die satanisch-choralen Elemente nicht nur für kalkulierten musikalischen Grusel sorgen, sondern auch clever dazu beitragen, die Schuldfrage der Mordfälle offen zu halten. Eine reguläre Soundtrack-Veröffentlichung ist hier längst überflüssig. [LZ]

OT: Deadly Blessing (USA 1981). REGIE: Wes Craven. BUCH: Glenn M. Benest, Matthew Barr, Wes Craven. MUSIK: James Horner. KAMERA: Robert C. Jessup. DARSTELLER: Maren Jensen, Susan Buckner, Sharon Stone, Ernest Borgnine, Jeff East, Lisa Hartman, Lois Nettleton, Michael Berryman, Coleen Riley, Doug Barr, Kevin Cooney. LAUFZEIT: 98 Min (DVD), 102 Min (Blu-ray). VÖ: 08.06.2017.

Tödlicher Segen | DVD-Cover

[Abbildungen: Koch Films]

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