Todd Farmer erweitert Welten | Interview mit dem Autor von Drive Angry, Halloween 3 und dem Hellraiser-Reboot

06. Juni 2011

Todd Farmer, Amber Heard | Drive Angry

Während die Welle der Prequels, Sequels und Remakes in Hollywood keine Anzeichen von Ermüdung zeigt, haben eigenständige Filme weiterhin keinen leichten Stand. Ein besonders frappierendes Beispiel für dieses Phänomen bot zuletzt „Drive Angry”, eine originelle Action-Fantasie im Grindhouse-Stil der 70er. Prominent besetzt mit Nicolas Cage, Amber Heard und William Fichtner, fiel die 3D-Produktion an den US-Kinokassen so gnadenlos durch, dass sie schon nach einer Woche nahezu unbemerkt wieder von den Leinwänden verschwand. Für Drehbuchautor Todd Farmer jedoch war der Film eine echte Herzensangelegenheit und die ultimative Form unabhängigen Arbeitens mit umfangreichem Budget. Mit uns sprach er ausführlich über den Film selber, seine Rolle als Autor in Hollywood, die Schattenseiten der Industrie, „Star Wars“, „Hellraiser“, Kinderbücher und die Vorteile von Hängematten.

screen/read: Lass uns mit „Drive Angry“ beginnen, einem Film, der Dir offensichtlich viel bedeutet. In Deinen eigenen Worten formuliert: Er ist keine Fortsetzung, kein Remake, basiert nicht auf einem Spielzeug, sondern ist durchweg ein Originalprodukt – im gegenwärtigen Hollywood eine echte Seltenheit. Wüsste man es nicht besser, könnte man allerdings auf den Gedanken kommen, es mit einer Comic-Verfilmung zu tun zu haben. Was waren für Dich persönlich die entscheidenden Einflüsse, die das Drehbuch geformt haben, und wie sah die ursprüngliche Idee aus?

Todd Farmer: Der Auslöser war „My Bloody Valentine”. Wir hatten da einen großen Erfolg gelandet, und damals war 3D noch brandneu. Neben „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde” waren wir so ziemlich die einzigen, die in dieser Richtung etwas gemacht hatten. Wir haben also überlegt, was wir als nächstes in 3D machen könnten, und Patick [Lussier] dachte an die Roadmovies aus den 70ern, und wie es wohl wäre, die Autos in 3D die Straße runterjagen zu sehen. Wir glaubten, das sei eine gute Idee. Als wir dann die Geschichte schrieben, kristallisierte sich irgendwann heraus, dass es um jemanden gehen würde, der aus dem Gefängnis ausbricht, und ich bekam endlich die Chance, etwas zu tun, was ich schon immer mal hatte machen wollen. Als ich zum ersten Mal nach L. A. kam, traf ich auf diesen Kerl namens Dean Riesner. Er war mein Mentor und hatte Sachen geschrieben wie „Dirty Harry” und „Ein Fremder ohne Namen”, und ich hatte immer so etwas in der Art machen wollen. Und das war jetzt die ideale Gelegenheit.

screen/read: Würdest Du sagen, dass sich zwischen dem ersten Entwurf und dem fertigen Film viel verändert hat, also etwa durch die Schauspieler oder die Effekte und so weiter, oder ist alles ziemlich nah an dem, was Du zu Anfang geschrieben hast?

Todd Farmer: Das ist ziemlich identisch. Die Produktionsfirma, mit der wir gearbeitet haben, Millenium / Nu Image, haben sich in nichts eingemischt. Es gab da kein kreatives Trauma, wie man das von den meisten Studios kennt. Sie haben gesagt: Dreht den Film. Das hier ist Euer Geld. Solange Ihr Euch in diesem finanziellen Rahmen bewegt, könnt Ihr den Film so machen, wie Ihr wollt. Und genau das haben wir gemacht. Ein paar Sachen haben wir natürlich schon umgeschrieben. Und dann kamen die Schauspieler hinzu und haben hier und da eine Zeile verändert. Aber das ist kein Problem, denn sie müssen sich die Figuren ja zueigen machen. Und manchmal kommen die Sachen, die ich schreibe, ihnen eben einfach nicht über die Lippen. Nic [Nicolas Cage] hat das oft gemacht und Amber [Heard] und William [Fichtner], einfach alle. Der einzige, der das nicht getan hat, war David Morse. Mit ihm ist es so, das er die Sachen abliefert, wie man sie aufschreibt. Bill Fichtner hingegen, der mag es, mit den Dingen zu spielen und Neues auszuprobieren. Und beim Dreh fügen wir auch öfters Dinge hinzu. Wir sehen dann einfach Möglichkeiten, die sich aus den Locations und anderem ergeben. Wir haben das so mit der Szene gemacht, die Bill und ich zusammen hatten. Es gibt eine Menge Dinge, die wir während des Drehs hinzugefügt haben. Und das ist eben der Spaß dabei.

Drive Angry

screen/read: Dass die Kinoauswertung so erfolglos war, ist schon ziemlich bedauerlich. Trotz einer umfangreichen Werbekampagne sah es irgendwie so aus, als hätte kaum jemand mitbekommen, dass es den Film überhaupt gab. War da schlechtes Marketing am Werk, oder wo siehst Du die Gründe?

Todd Farmer: Ich bin da ziemlich ratlos. Man kann die Gründe kaum festmachen, aber es ist schon seltsam, denn ich hatte wirklich gedacht, der Film würde entweder ein Riesenerfolg oder doch zumindest sehr gut funktionieren. Mit diesem Ergebnis habe ich aber beim besten Willen nicht gerechnet. Vielleicht war es eine Kombination mehrerer Faktoren. Für mich war das jedenfalls ein ziemlich schlimmes Startwochenende. Möglicherweise lag es am Marketing. Als ich aufwuchs und ins Kino ging, da wusste ich über den Film so gut wie nichts. Und jetzt baut man eine Menge von der Geschichte selber in die Werbung ein, so dass es da nicht mehr viele Geheimnisse gibt. Man sieht ganze Szenen online, wichtige Wendungen werden vorab veröffentlicht und so weiter. Für mich ist das ganz anders als ich es von früher her kenne. Eine Menge von unserem Film war bereits vorher online zu finden. Aber über die eigentlichen Gründe bin ich mir trotzdem wirklich nicht sicher.

screen/read: Was würdest Du sagen, ist es ein schlechtes Zeichen für den Stand der Industrie, dass Filme mit großem Budget wie „Transformers 2”, die nicht sonderlich originell sind und nach Standardvorgaben funktionieren, sich gut verkaufen lassen, weil sie auf einem Spielzeug oder einem Comic basieren oder eine Fortsetzung sind, und dass auf der anderen Seite Filme, in die eine Menge Herzblut fließt, die aber auf gar nichts beruhen, an der Kinokasse eher schlecht funktionieren? Denkst Du, das ist ein Problem der Industrie oder eher ein Zeichen dafür, dass der Zuschauer nicht an eigenständigen Stoffen interessiert ist?

Todd Farmer: Ich denke, es ist der Zuschauer. In Hollywood wird es immer nur ums Geld gehen. Immer. Aber Hollywood macht eben auch nur das, was der Zuschauer sehen will. Der Zuschauer will Reality TV. Der Zuschauer will Remakes. Der Zuschauer will Fortsetzungen. Ich habe in meinem Beruf angefangen, als es „Scream” noch nicht gab, als New Line und Dimension die einzigen waren, die Horrorfilme gemacht haben. Und es war schwierig, einen Film zu machen. Dann kamen Kevin Williamson und Wes Craven mit „Scream”, und plötzlich änderte sich alles. Alle machten plötzlich Genrefilme. Und interessanterweise waren das alles „Scream”-Ableger. Das lief eine Weile so, bis diese Filme an der Kasse nicht mehr funktionierten. Also hörte Hollywood damit auf. Dann kam „The Ring” raus, und jeder machte „Ring”-Ableger, bis auch diese Filme nicht mehr funktionierten. Und dasselbe passierte mit „Saw” und „Hostel”. Auf einmal drehten alle Torture Porn. Und so weiter. Das ist, was Hollwood macht, es folgt dem Erfolg, es folgt dem, was die Leute sehen wollen. Wenn die Leute Torture Porn sehen wollen, dann macht Hollywood das. Wenn die Leute Remakes und Fortsetzungen sehen wollen, dann macht Hollywood die. „Tron Legacy” und „Transformers 2” waren riesige Kassenerfolge. Alles, was für das Publikum irgendwie wiedererkennbar ist, scheint besser zu funktionieren. Solange also kein großer Film mit eigenständiger Geschichte rauskommt und Erfolg hat, sehe ich nicht, dass Hollywood dem Original eine Chance gibt. Man hält sich an seine Fortsetzungen und Spielzeuge. Das ist, was die Leute sehen wollen.

screen/read: Lass uns ein bisschen zu der Zeit zurückkehren, als Du mit dem Schreiben angefangen hast. Was hat Dich am Drehbuchschreiben so gereizt, dass Du nicht stattdessen ein Romanautor geworden bist?

Todd Farmer: Zuerst wollte ich tatsächlich Romanautor werden. Aber das Problem war, dass ich, sobald die Geschichte stand, nicht die Geduld hatte, mich hinzusetzen und einen Roman mit 500 oder 600 Seiten zu schreiben. Das war frustrierend. Aber dann fiel mir schon sehr früh das Drehbuch zu „Reservoir Dogs” in die Hände. Es war etwa 100 Seiten lang und so glasklar und schnörkellos, und alles verlief nach dem Prinzip: Das ist, was sie tun, und das ist, was sie sagen. Da gab es kein Übermaß an blumigen Beschreibungen. Es lief alles einfach unbeirrt geradeaus, und das gefiel mir. Mir gefiel die Idee, eine Geschichte zu erzählen, und dann kommt jemand daher und gestaltet sie, einer kommt daher und baut Sachen, und wieder ein anderer kommt und spielt eine der Figuren. Sie treffen also ihre eigenen Entscheidungen, und ich bin ein Teil dieser Maschinerie, und zwar der erste Teil. Und dafür sollte ich dann auch respektiert werden. Ich liebe diese Rolle des Drehbuchautors, es ist einfach großartig, und ich kriege niemals genug davon.

screen/read: Es gibt da diese Anekdote, dass Du in Deinen ersten Wochen und Monaten in Los Angeles, bevor Du professionell zu schreiben anfangen konntest, in einer Hängematte geschlafen hast. Wie kam es dazu?

Todd Farmer: Ein Freund von mir war mit einem gewissen Dean Lorey zur Schule gegangen. Dessen erste Filme waren „Jason goes to Hell” und „Mein Freund, der Zombie (My Boyfriend’s back)”, er hatte als Autor mit Horror begonnen und gerade den Film „Auf Kriegsfuß mit Major Payne” fertig. Und durch diesen Freund lernte ich Dean über Telefon und Internet kennen. Ich lebte damals in Dallas, und wir schoben uns gegenseitig Ideen zu. Er sagte schließlich, pass auf, das und das willst Du machen, also musst Du nach L. A. ziehen. Und das habe ich dann halt getan und im Grunde, tja, also es gab da vier Mädels, die ein Haus gemietet hatten, in Venice, glaube ich, und [lacht] da habe ich also etwa einen Monat lang in einer Hängematte geschlafen. Du musst wissen, in L. A. ist wirklich gutes Wetter, es regnet selten, also war es immer angenehm und bequem. Solltest Du also jemals in einer Hängematte schlafen müssen, dann ist L. A. der ideale Ort dafür.

screen/read: Das würde ich wirklich gerne mal in einem Film sehen. Ein echtes Bilderbuchbeispiel für eine Schriftstellerkarriere.

Todd Farmer: [lacht]

screen/read: Dann bekamst Du Deinen ersten Job bei Sean S. Cunningham, der für „Freitag, der 13.” bekannt ist, und später wurde „Jason X” aus diesem Franchise dann auch Dein erstes verfilmtes Drehbuch. Was hast Du in der Zwischenzeit für ihn gemacht, warst Du als fester Autor beschäftigt?

Todd Farmer: Genau. Ich war bei Sean drei Jahre angestellt und verdiente etwa 2000 im Monat. Ich war zwar nicht reich, aber das war genug, um meine Rechnungen zu bedienen, und außerdem wurde ich eben fürs Schreiben bezahlt. Zum damaligen Zeitpunkt wollte Sean den Horror hinter sich lassen, und so schrieben wir Drehbücher über straffällig gewordene Kinder, Spanish Harlem, Gerichtsdramen und andere Sachen dieser Art. Irgendwann sah es dann so aus, dass „Freddie vs. Jason” in der Vorproduktionsphase stecken bleiben würde, und Sean war frustriert und sagte irgendwann: Lasst uns wieder einen „Freitag, der 13.”-Film machen. Weil wir „Freddie vs. Jason” aber nicht in den Weg kommen wollten, beschlossen wir, die Geschichte im Weltall und in der Zukunft spielen zu lassen. Und so kam es schließlich zu „Jason X”.

screen/read: Interessanterweise ist ein Space-Makeover auch irgendwann mal im „Hellraiser”-Franchise aufgetaucht, für das Du und Patrick derzeit ja ein Reboot erarbeitet. An der Wiederbelegung eines derartigen Klassiker beteiligt zu sein, der das Genre massiv beeinflusst hat, ist sicher eine ziemliche Herausforderung. Was wird Euer Ansatz sein, sofern Du da schon irgendetwas dazu sagen kannst?

Todd Farmer: Was wir jedenfalls nicht machen wollten, war ein Remake von Clives Film. Das war aber genau, was man uns angeboten hatte, ein simples „Hellraiser”-Remake. Daran hatten wir kein Interesse, weil wir riesige Fans des Originals sind. Wenn man sich den Film ansieht, erkennt man, dass die Geschichte für Clive etwas sehr Persönliches ist. Also wollten wir das einfach nicht machen. Aber wir lieben die Welt, die er kreiert hat. Sie ist riesig und sehr weitläufig. Doch von genau dieser Welt im Innern des Würfels hat man nie viel zu sehen bekommen. Wir haben also überlegt, wie es wäre, dem Publikum diese Welt einmal zu zeigen? Und das war unser Ansatz, mit dem wir an die Sache rangegangen sind. Wir schreiben jetzt ganz offiziell am Drehbuch und könnten kaum begeisterter sein. Und Bob Weinstein ist begeistert. Er hat uns unfassbar stark unterstützt. Es ist eine wundervolle Welt, die Clive da erfunden hat, und wir nehmen sie uns vor und erzählen Geschichten, die in ihr spielen. Vielleicht ist es nur eine Rechtfertigung, aber aus meiner Sicht bin ich überzeugt davon, dass Patrick und ich das Richtige machen. Wenn ich aber sagen sollte, ob es ein Reboot oder eine Fortsetzung wird, ist das im Augenblick kaum zu beantworten. Jedenfalls ist es ziemlich einzigartig.

The Messengers 2

My Bloody Valentine

screen/read: Mit diesem Film und „My Bloody Valentine” und natürlich „Jason X” ist Horror derzeit dasjenige Genre, für das Du am meisten stehst. Dann gibt es da noch „The Messengers” mit Kristen Stewart, gefolgt von einem Sequel, und an beiden warst Du beteiligt. Was ist da der Hintergrund? Beim ersten Teil heißt es in den Credits „Story by” und beim zweiten „Written by”. Wie kam es dazu?

Todd Farmer: Ich hatte eine Geschichte mit dem Titel „Scarecrow” geschrieben. Das war etwa vor acht Jahren für eine Firma namens Revolution. Zum damaligen Zeitpunkt ging es im Wesentlichen um eine Familie auf einer Farm, für die alles ziemlich schlecht lief. Dann finden sie eine Vogelscheuche, stellen sie bei sich im Feld auf, und die Dinge ändern sich grundlegend. Was passierte, war folgendes: Patrick kam an Bord, und das war das erste Mal, dass ich ihn traf. Er sollte Regie führen. Basierend auf seinen Notizen nahm ich ein paar Änderungen am Drehbuch vor. Dann wurde ich von einem Kerl namens Stuart Beattie ersetzt, der „Collateral” geschrieben hatte. Schließlich entschied sich das Studio dafür, den Film nicht zu machen. Also gaben sie ihn für einen Turnaround-Deal frei, was bedeutet, dass er von einer anderen Firma gekauft werden kann, und zwar mit allem, was bis dato in ihn investiert worden ist. Gekauft haben ihn dann Ghost House / Mandate Pictures. Und die gingen mit den Stoff in eine ganz andere Richtung. Sie machten eher eine Art übernatürlichen Thriller draus. Die Figuren, die ich erfunden hatte, waren immer noch da, oder doch zumindest ihre Namen. Allerdings kamen sechs oder sieben weitere Autoren hinzu, und die haben alle am Drehbuch gearbeitet, und so änderte sich die Geschichte mehr und mehr, bis am Ende ein völlig anderer Film dabei herauskam. Aber die Sache rentierte sich, und eine Weile später stieß einer der ausführenden Produzenten bei Ghost House auf mein ursprüngliches Drehbuch und beschloss, ein Prequel daraus zu machen. Und das passierte dann auch. Aus meinem Entwurf für „Scarecrow” wurde also tatsächlich die Fortsetzung zum Film. Die einzige Änderung gab es maximal im dritten Akt, der etwas anders war. Aber ich liebe „Messengers 2”, denn der Film ist nahezu Wort für Wort genau das, was ich ursprünglich geschrieben hatte.

screen/read: Das war sicher eine erfreulicher Erfahrung. Es muss ja für einen Autor ein echter Alptraum sein, wenn die eigene Geschichte so in Stücke gerissen wird, wie es bei „The Messengers” der Fall war.

Todd Farmer: Es ist auf jeden Fall sehr frustrierend. Und das war so großartig bei „Drive Angry”, denn den Film haben wir erst geschrieben und dann gedreht, ohne dass andere Autoren eingebunden wurden, die Dinge hätten ändern können. Es war unser Film. Und das macht es auch so bedauerlich, dass ihn niemand gesehen hat. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass wir wirklich genau den Film machen konnten, den wir wollten. Und deshalb tut das jetzt ein bisschen weh.

screen/read: Jetzt hast Du ja vor „Jason X” noch etwa zwanzig weitere Drehbücher geschrieben. Wenn Du da heute dran zurückdenkst, würdest Du sagen, das war einfach nur eine Trainingsphase, oder gibt es immer noch ältere Sachen von Dir, die Du gerne verfilmt sehen würdest?

Todd Farmer: Da gibt es schon ein paar. An vielen dieser Drehbücher wollte ich ja nicht wirklich arbeiten. Aber einige andere, die ich damals geschrieben habe, sind immer noch gut, ziemlich gut sogar. Eins war so eine Art Vampir-Exploitation. Und ich erinnere mich an einige Monsterfilme, die Spaß gemacht haben. Es gibt da also definitiv einige Drehbücher, die ich gerne als Filme sehen würde, aber ich besitze die Rechte nicht, und deshalb kann ich da nichts machen.

Drive Angry

screen/read: Erstaunlicherweise sind alle Deine verfilmten Drehbücher mit Ausnahme von „Drive Angry” auf irgendeine Weise entweder Fortsetzungen oder Remakes, die gutes Geld eingespielt haben, und dieser eine Fall war nichts von beidem und hat aber auch an der Kinokasse nicht funktioniert. Und das ist eine Konstellation, die in gewissem Sinne noch viel erschreckender ist als irgendeiner der Filme selber.

Todd Farmer: Tja, ich habe so ziemlich alle Varianten durch. „The Messengers” war ursprünglich ein Originalstoff, und man hat ein Prequel draus gemacht, das ganz erfolgreich war. Und „Drive Angry” war ein Originaldrehbuch, das Null Erfolg hatte. Wenn man zurückblickt, dann kam „Messengers” zu einer Zeit raus, wo die ganzen Horrorfilme aus Japan am Start waren, und das hat geholfen. Aber im Fall von „Drive Angry” denke ich, dass der Film irgendwann noch entdeckt wird, dass Leute ihn früher oder später sehen und mögen werden.

screen/read: Der Markt dafür existiert zweifellos, und die Auswertung via Home Entertainment sollte da eigentlich zu beitragen, auch wenn der Film eigentlich auf die große Leinwand gehört. Eine ganze Reihe von Leuten hat in den letzten Jahren ja versucht, den Grindhouse-Stil zu imitieren, wenn auch mit einer eher ironischen Herangehensweise. In Eurem Fall ist das jedoch ganz anders, geradlinig und ohne Brechungen, und die Geschichte wird nicht unter Verweisen und Sophistereien vergraben. Dass Du und überhaupt alle Beteiligten großes Vergnügen daran hatten, zu diesem Stil des Filmemachens zurückzukehren, lässt sich nicht übersehen.

Todd Farmer: Das hatten wir, und wir haben das bewusst so gemacht. Ich lese zwar keine Kritiken, aber kurze Statements bekomme ich schon mit, und da gab es diesen Kerl, der so ziemlich alles kritisiert hat, was wir bewusst gemacht haben, weil er nicht begriffen hat, dass wir auf dieses Grindhouse-Gefühl abzielten. Er war offensichtlich jemand, der diesen Stil nicht mag. Das ist aber in Ordnung, man muss das ja nicht mögen. Man muss meine Filme im Allgemeinen nicht mögen. Wobei ich es natürlich super finde, wenn das nicht so ist [lacht]. Wir haben bei „Valentine” dasselbe gemacht. Das war halt ein Liebesbrief an die Slasherfilme, mit denen wir aufgewachsen sind. Wer also Slasher mag und unseren Film sieht, der wird das verstehen. Und andersrum eben nicht.

screen/read: Jetzt gibt es ja noch einen weiteren Slasher, an dem Du beteiligt bist, und das ist „Halloween 3”. Den hast Du zwar geschrieben, aber der Film ist noch nicht gedreht. Was ist da der Deal?

Todd Farmer: Uns wurde das kurz vor „Drive Angry” angeboten. Und ich meine tatsächlich direkt davor. Es war so kurzfristig, dass wir gerade mal acht Tage hatten, um das Drehbuch zu schreiben. Wir machten das also, alle waren begeistert, aber leider gab es keine Freigabe, denn obwohl wir ziemlich schnell waren, kam die Finanzierung nicht genauso schnell zustande. Und deshalb war kein Geld da, um den Film zu machen. So sah das aus. Es war keineswegs so, dass irgendwer den Film nicht hätte machen wollen. Wir zogen dann also weiter und machten „Drive Angry”, und so wurde das Projekt beiseite geschoben. Ich würde immer noch gerne sehen, dass der Film gemacht wird, weil es soviel Spaß gemacht hat, das Drehbuch zu schreiben. Zugegeben, ich war nächtelang wach, habe nur von Kaffee gelebt, aber ich habe es geschrieben, Patrick hat es geschrieben, wir haben wie irre gearbeitet, und wir haben es fertiggestellt, und es ist wunderbar geworden, ein Riesenspaß. Wir sind von [Rob] Zombies Film aus losgegangen und haben ihm Respekt gezollt. Und dann sind wir letztlich zu dem Ton zurückgekehrt, den John Carpenter ursprünglich etabliert hat. Wir hatten also einen Mordsspaß.

screen/read: Wäre sehr bedauerlich, wenn der Film in der Vorproduktion stecken bleiben würde. Was aber auch hier wieder sichtbar wird, ist, dass Du daran interessiert bist, eine Geschichte nicht einfach noch mal zu erzählen, sondern vielmehr mit einem neuen und erweiternden Ansatz an bestehendes klassisches Material herangehst. So wie Du es eben mit „My Bloody Valentine”, „Hellraiser” und zu einem gewissen Grad auch bei „Jason X” gemacht hast. Würdest Du sagen, das ist so eine Art Markenzeichen von Dir, bei dem Du Dich zuhause fühlst – also eine bestehende Welt zu betreten und sie zu erweitern?

Todd Farmer:
Auf jeden Fall, ich liebe das. Manchmal, da sehe ich einen Film und denke mir, wow, das ist fantastisch, das könnte ich niemals so hinkriegen. Aber andererseits passiert es eben auch oft, dass ich Filme sehe und mir denke, oh Mann, wenn ich nur die Chance gehabt hätte, das zu machen. Und das ist manchmal das Gefühl bei einer Fortsetzung oder einem Remake. Es erscheint dann wie die Möglichkeit, genau den Film zu erzählen, den man selber sehen will. Es geht nicht darum, das Original zu schmälern oder die Fortsetzungen, die vor einem waren. Es ist eben nur so, dass jeder seine Meinung hat, seine favorisierte Art, Dinge zu tun, und dafür werden wir bezahlt. Na ja, zumindest manchmal [lacht]. Gut wird heutzutage jedenfalls nicht gezahlt.

screen/read: Vielfach rückt der Regisseur einfach übermäßig in den Fokus, und die Leute vergessen, dass der Autor in der Regel doch der erste ist, der sich den Film ausdenkt. Vor diesem Hintergrund ist die gute Zusammenarbeit zwischen Dir und Patrick umso bemerkenswerter.

Todd Farmer: Unbedingt. Was wir machen ist, dass wir einander beschützen. Patrick hat zum Beispiel eine Unmenge Arbeit in „My Bloody Valentine” investiert, ohne dafür wahrgenommen zu werden. Er beschützt die Geschichte, und ich beschütze seine Ideen. Durch den Schulterschluss mit mir wird er bezahlt. Und durch den Schulterschluss mit ihm ist sichergestellt, dass unser Film gemacht wird. Er kann sich dafür einsetzen, dass keine zusätzlichen Autoren am Drehbuch arbeiten. Nicht wegen der anderen Autoren im Allgemeinen, sondern weil wir wissen, was wir tun. Und was das Schreiben selber betrifft, so ist Patrick viel actionorientierter als ich, wohingegen ich mich mehr um die Charaktere kümmere. Zusammen sind wir also das perfekte Team. Und weil wir uns gegenseitig so gut ergänzen, bin ich im Hinblick auf Action ein viel besserer Autor geworden, und er im Hinblick auf Charaktere.

screen/read: Ist es für Dich ein Unterschied, ob Du zusammen mit einem Partner schreibst oder alleine?

Todd Farmer: Es ist schon eine bemerkenswerte Sache. Wir haben das ja vorher schon mal gemacht, haben hin und her überlegt und hatten am Ende eine Geschichte fertig. Normalerweise fange ich dann mit dem ersten Entwurf an. Und dann gebe ich den an Patrick weiter, und er macht selber einen Entwurf. Wir leben nicht allzu nah beieinander, wir schreiben nicht im selben Zimmer, ich lebe sechs Stunden Fahrt weiter im Norden. Also ist es irgendwie dasselbe, wie wenn ich ohne Partner schreibe. Da erstelle ich den ersten Entwurf, gebe ihn dann an Freunde weiter, die geben ihn mir mit Anmerkungen zurück, nur dass jetzt Patrick das Drehbuch direkt selber bearbeitet. Und das liebe ich, ich liebe es, mit einem Partner zu arbeiten, der smart ist, und er ist viel smarter als ich. Er macht das noch gar nicht so lange, er war ja Editor und schaut deshalb über den Tellerrand hinaus. Er denkt nicht wie andere Drehbuchautoren, weil er nicht aus deren Welt kommt. Und im Endergebnis bringt uns das eine Menge Vorteile. Weil er wie ein Editor denkt, wie ein Regisseur. Und davon beim Schreiben zu profitieren, das ist fantastisch.

screen/read: Ich schätze, das ist eine ziemlich dankenswerte Konstellation, speziell nach einer Erfahrung wie „The Messengers”, wo von Deinem Originaldrehbuch kaum mehr etwas übrig geblieben ist – was in Hollywood vermutlich eher der Normalfall ist.

Todd Farmer: Das ist zu einem gewissen Grad tatsächlich so. „Drive Angry” war da sicher eine wesentlich erfreulichere Erfahrung, denn letzten Endes war das eben genau unser Film. Filme sind Meinungen und werden es immer sein. Ich habe nichts dagegen, wenn Leute sagen, dass sie einen Film zum Kotzen finden. Weil das ihrer Meinung nach eben so ist, aber es dann auch noch andere Leute, die denselben Film super finden. Und so ist das eben. Jeder hat eine andere Meinung.

Alien Pig Farm

screen/read: Nun schreibst Du neben Drehbüchern ja auch Comics. Du hast da zum Beispiel eine Reihe mit Thomas Jane, dem Schauspieler, gemacht. Kannst Du uns dazu etwas sagen?

Todd Farmer: Ich habe diese vierteilige Serie mit dem Titel „Alien Pig Farm” gemacht, die so eine Art Horrorkomödie ist. Die Idee dahinter war die: Wir wissen, was passiert, wenn Außerirdische das Weiße Haus angreifen, wir wissen, was passiert, wenn sie Sigourney Weaver angreifen, was passiert aber, wenn Außerirdische ein Schnapsbrenner-Dorf in Kentucky angreifen? Das habe ich also geschrieben, und die Filmrechte wurden von den Jungs, die „Pineapple Express” gemacht haben, in Option genommen. Dann habe ich eine sechsbändige Reihe mit dem Titel „The Lycan” geschrieben. Das ist ein Werwolf-Comic im 18. Jahrhundert, der bislang noch nicht veröffentlicht ist, aber das kommt noch. Und dann arbeite ich an einem Projekt namens „Insurgents” zusammen mit F. J. DeSanto, dem Produzenten von Frank Millers „The Spirit”. Das Großartige am Schreiben von Comics ist, dass man sich keine Gedanken ums Budget machen muss. Man kann alles machen, Dinge in die Luft jagen, ganze Planeten in die Luft jagen. Deiner Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Und das ist sehr angenehm.

screen/read: Ist der Ansatz bei Comics ein anderer als beim Schreiben von Drehbüchern?

Todd Farmer: Für mich ist das eigentlich dasselbe. Ich liebe Comics, und das war schon immer so. Wenn man sich „Alien Pig Farm” ansieht, dann ist das tatsächlich ein Drehbuch mit vier Akten. Der Unterschied ist, dass man ein bisschen mehr Beschreibung liefern muss, was Handlungen und Settings angeht, weil man eben nur eine beschränkte Zahl von Panels hat.

screen/read: Lass uns über Einflüsse sprechen. Als Du aufgewachsen und ins Kino gegangen bist, Bücher und Comics gelesen hast, was würdest Du sagen, waren da die prägendsten Eindrücke, die Dich als Autor geformt haben?

Todd Farmer: Als ich aufwuchs, gab es da für mich „Star Wars”, „Das Imperium schlägt zurück”, „Halloween”, „Der weiße Hai”, „Alien” und „Aliens”. Das waren die Filme, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin, ganz zweifellos. Was Slasherfilme betrifft, hatte „Halloween” einen gewaltigen Einfluss. Und es gibt einen Grund, warum „Jason X” im Weltall spielt, nämlich wegen „Alien” und „Aliens”. Wenn man sich die Struktur dieses Films ansieht, dann ist das eigentlich die Struktur von „Aliens”. Alles daran. Von dem Punkt an, wo sie aus dem Raumschiff fliehen wollen bis dahin, wo es in die Luft fliegt. Das ist dieselbe Struktur. Und „Der weiße Hai” war ein Film, der sich nicht einfach nur auf das Monster konzentrierte, sondern von den Figuren bestimmt war und deshalb ein großer Einfluss in dieser Beziehung. Und dann „Star Wars”, da kenne ich keinen in meinem Alter, der nicht von der mythischen Geschichte und dem ganzen Universum beeinflusst ist.

screen/read: Das ist schon bemerkenswert. Jeder aus der Filmindustrie in unserem Alter, den ich nach Einflüssen frage, hat „Star Wars” auf seiner Liste. Ganz egal, in welchem Segment die Leute arbeiten, als Autoren, Regisseure, Komponisten – das erste, was sie sagen, ist meistens „Star Wars”.

Todd Farmer: Ein großer Teil davon war mehr als einfach nur die Filme. In meiner Kindheit war „Star Wars” unsere Kultur. Das waren unsere Spielzeuge. Wir hatten „Star Wars”-Figuren, wir hatten „Star Wars”-Raumschiffe. Das war ein Teil unseres Lebens. Auf dem Spielplatz taten wir so, als seien wir Han Solo oder Luke Skywalker. Und deshalb ist es so interessant zu beobachten, wie jemand die Filme heute neu entdeckt. Meine Tochter ist vier Jahre alt, und sie liebt R2-D2. Sie hat keine Ahnung, wer das ist, aber sie liebt die Figur. Und deshalb freue ich mich jetzt schon auf den Tag, an dem wir uns zusammen die Filme ansehen werden.

screen/read: Glaubst Du, dass dieser Hintergrund Dich dahingehend beeinflusst hat, bestehende fiktive Welten und Universen erweitern zu wollen? In „Hellraiser” oder „Halloween” betrittst Du ja Neuland im Rahmen einer bestehenden Formel, und das spiegelt den Schritt von „Star Wars”, dem Film, zu „Star Wars”, dem Kult, wider. Würdest Du sagen, das ist etwas, das Dich geformt hat?

Todd Farmer: Darüber habe ich so noch nicht nachgedacht, aber ja, Du hast absolut recht. Es ist das Bedürfnis, mehr von dieser Welt sehen zu wollen, das Bedürfnis, Dinge zu erweitern. „Star Wars” beginnt als sehr kleiner Film. Und dann wird da plötzlich dieses gigantische Universum draus. Speziell heute, wo in „Clone Wars” eine ganz andere Perspektive eröffnet wird. Das ist sehr interessant. Ich hatte da so bisher nicht drüber nachgedacht, aber zu einem gewissen Grad ist das genau das, was wir mit „Hellraiser” machen. Denn Clives Geschichte spielt ja in diesem Teil der Welt, und unsere Geschichte eben in dem anderen.

Drive Angry

screen/read: Ich hatte den Eindruck, dass Ihr mit „Drive Angry” versucht habt, Euer eigenes Universum zu etablieren. Tatsächlich ist das ein Film, der wie gemacht ist für Fortsetzungen und Spin-Offs. Ich könnte mir zum Beispiel eine Comicreihe mit dem Buchhalter vorstellen oder eine Fortsetzung mit Milton in der Hölle oder irgendetwas in der Art. Das liegt einfach auf der Hand. War das eine Idee dabei?

Todd Farmer: Wir hatten auf jeden Fall intendiert, dass dieser Film ein Einstieg wäre. Wir hatten die Fortsetzung schon durchgeplant. Wir haben eine Arbeitsvorgabe für den dritten Teil fertig. Das hier war als erster Vorgeschmack auf eine interessante Welt gedacht, und dann wollten wir diese in den Fortsetzungen enthüllen. Wenn man sich den Film ansieht, dann ist er noch sehr vieldeutig. Wir haben zu keinem Zeitpunkt explizit gesagt, dass Milton direkt aus der Hölle kommt. Das war nicht im Drehbuch und das ist nicht im Film. Dieses Wissen kommt ausschließlich aus den Trailern. Zu keinem Zeitpunkt haben wir gesagt, dass er aus der Hölle ausgebrochen ist. Wir haben das alles uneindeutig gehalten.

screen/read: Das Marketing hat den Überraschungseffekt komplett verdorben, und das passiert andauernd. Wenn ich eine Pressevorführung besuche, bin ich oftmals in der glücklichen Lage, praktisch gar nichts über den jeweiligen Film zu wissen. Aber eine solche Erfahrung ist dem normalen Zuschauer heute kaum mehr möglich. Und das ist die Folge dieser nervigen, alles vorwegnehmenden Werbestrategien.

Todd Farmer: Die könnten wahrscheinlich begründen, dass es funktioniert. Aber in unserem Fall hat es zweifellos nicht funktioniert. Heute werden Filme beworben, indem man sagt, Darth Vader ist der Vater von Luke. Ich weiß nicht, was die Überlegung dahinter ist. Bei unserer Kampagne blieb ziemlich wenig Überraschung übrig. Aber ich bin kein Werbefachmann, ich schreibe nur die Geschichte. Wir leben halt auch in einer Welt, in der das Internet riesig ist und es eine Menge Wettbewerb um Exklusivmaterial gibt. Und wenn jeder irgendwas Exklusives bekommt, dann bleibt irgendwann nicht mehr viel übrig [lacht]. Wenn jede Website exklusive Inhalte bekommt, muss zwangsweise eine Menge über den Film vorab öffentlich werden. Das ist gut für die Webseiten, aber vielleicht nicht so gut für den Film. Und ich sage das mit freundschaftlicher Haltung gegenüber den Webseiten und ihren Betreibern und Autoren. Wir leben einfach in unterschiedlichen Welten.

screen/read: Reagierst Du als Autor da in irgendeiner Weise, indem Du versuchst, das Interesse auf etwas anderes zu lenken?

Todd Farmer: Das ist schwierig. Im Fall von „Jason X” zum Beispiel hätte ich in einer Million Jahre nicht damit gerechnet, Super-Jason auf den Postern zu sehen. Ich hätte ihn auch niemals im Trailer erwartet. Ich war davon ausgegangen, das würde die große Überraschung sein. Stattdessen sollte es ein Jason-Film sein, der im Weltraum spielt, und jeder, der ihn sich ansehen würde, bekäme diese tolle Überraschung geboten und würde das Kino verlassen und dann Mund-zu-Mund-Propaganda betreiben. Man muss doch nur daran denken, wie man das bei Filmen wie „The Crying Game” oder „The Sixth Sense” gemacht hat: Verrate das Geheimnis nicht! Diese Kampagnen funktionieren. Warum muss man alles verraten? Ich verstehe das nicht. Andere offenbar schon.

screen/read: Noch mal zurück zur Idee, die Welt von „Drive Angry” zu erweitern: Habt Ihr in dieser Hinsicht Pläne, zum Beispiel eine Comic-Reihe oder eine animierte Serie oder etwas anderes in der Art?

Todd Farmer: Wir können da nichts machen. Wir haben die Rechte nicht mehr. Wir haben das geschrieben, und es war ein Originaldrehbuch, aber in den Staaten gibt man alle Rechte ab.

screen/read: Interessanterweise ist das genau dasselbe, was auch Clive Barker mit dem ersten „Hellraiser”-Film passiert ist. Umso erfreulicher, dass nach all den minderwertigen Fortsetzungen jetzt mit Euch Leute zur Serie stoßen, die dem Material gerecht werden wollen. Was ja eher selten passiert. Die Gerüchte um ein Prequel zu „Blade Runner” etwa, die gerade im Umlauf sind, können einem schon ein ziemlich flaues Gefühl im Magen bereiten. Wie soll man einem derartigen Klassiker gerecht werden? Tun wir einmal so, als ob Dir angeboten würde, hierzu das Drehbuch zu schreiben. Wäre das etwas, das Du versuchen oder doch eher ablehnen würdest?

Todd Farmer: Ich habe keine Vorstellung davon, was das werden soll, aber ich bin mir sicher, dass die Leute sich das ansehen. Ganz egal, ob es gut ist oder nicht. Und das ist wirklich bedauerlich. „Jason X” sollte übrigens ursprünglich eine Art „Blade Runner” werden. Mein Pitch war, dass Jason in 500 Jahren von heute aus in einer „Blade Runner”-artigen Welt aufgeweckt wird. Aber das war viel zu teuer, und deshalb sind wir auf die „Alien”-Idee umgeschwenkt. Was aber Deine Frage betrifft, ist es einfach so, dass man da auf verlorenem Posten kämpft. Wir alle müssen unsere Rechnungen bezahlen. Und wenn die einzigen Filme, die einem angeboten werden, Remakes oder Fortsetzungen sind, wie will man da das System bekämpfen? Wir haben es getan. Wir haben einen gänzlich eigenständigen Film gemacht, und niemand hat ihn sich angesehen. Das ist der Beweis dafür, dass die Leute Remakes und Fortsetzungen sehen wollen. Sie wollen einen Film über ein Spielzeug sehen, mit dem sie aufgewachsen sind. Und solange das Publikum bereit ist, dafür zu zahlen, wird Hollywood keine eigenständigen Filme machen. Nicht in größerem Ausmaß. Ich denke, lediglich Komödien sind da im Wesentlichen ausgenommen. Aber abseits davon müssen Filme auf irgendwas basieren, einem Buch, einem Comic, auf irgendetwas, dessen Name sich wiedererkennen lässt. Man wird „Spiderman” immer wieder rebooten, man wird „Superman” immer wieder rebooten, und „Batman” ist dann als nächstes wieder an der Reihe.

Drive Angry

screen/read: Angenommen, Du könntest in Zukunft so wie bei „Drive Angry” ohne jegliche Einschränkungen und Vorgaben Filme machen, was wären da Deine Lieblingsprojekte? In welche Richtung würdest Du gehen?

Todd Farmer: Wenn Einspielergebnisse keine Rolle spielten, würden wir ganz sicher eine Fortsetzung von „Drive Angry” drehen. Wir hatten Riesenspaß, wir hatten großartige Schauspieler, eine großartige Crew und eine großartige Geschichte. Und wenn es in unserer Hand läge, würde ich sofort morgen schon mit „Halloween 3” anfangen. Es ist ein tolles Drehbuch, es ist eine Menge Spaß dabei, und nebenbei bemerkt, ich bin ja schon bezahlt worden. Würde der Film also gemacht, ist es nicht so, dass ich dann eine Tonne Geld bekäme. Kriege ich nämlich nicht. Ich wurde fürs Schreiben bezahlt, und das ist das letzte Geld, das ich sehe, bis DVDs rauskommen, dann gibt es ein paar Tantiemen. Aber trotzdem würde ich den Film machen wollen, weil er einfach gut ist.

screen/read: Ganz klar sind also zwei Filme, die Dir echt am Herz liegen. Natürlich ist es eine Notwendigkeit, für Geld zu arbeiten, aber es gibt eben auch immer Projekte, die einem unabhängig von wirtschaftlichen Fragen wichtig sind. Falls Du die Zeit hättest, wären dann kleine Low-Budget-Produktionen etwas, das Du Dir vorstellen könntest, nebenher zu machen?

Todd Farmer: Ich denke, das würde ich machen, aber das wäre dann auch eine Investition in möglicherweise mehr Geld. Denn langfristig kann so ein Film, wenn er funktioniert, wesentlich mehr einspielen als eine Großproduktion. Es geht nicht immer nur ums Geld, aber das Geschäft hat sich so dramatisch verändert, dass die Autoren schon ziemlich ausgequetscht werden. Es ist wirklich schwierig, als Autor in Hollywood zu überleben. Es gibt natürlich Leute, die das schaffen, die großen Namen eben, die man so kennt, denen geht es gut. Aber der arbeitende Autor wird ausgequetscht. Ich bin relativ erfolgreich. Ich hatte Filme, die rausgekommen sind. Aber es ist nicht so, dass ich in einer Villa lebe. Hollywood hat diese Werbekampagne verkauft, die besagt, dass jeder, der hierhin zieht und ein bisschen Erfolg als Autor hat, am guten Leben teilnimmt. Und das stimmt nicht. Nicht mal im Ansatz. Und das ist frustrierend. Es ist eine Sache, erfolgreich zu sein, und eine andere, auf einem Haufen Geld zu sitzen. Den Du als Hollywood-Autor nicht bekommst. Du bekommst ihn, wenn eine Menge Räder ineinander greifen. Wenn Du den Hundert-Millionen-Dollar-Erfolg schreibst. Dann vielleicht. Aber ich glaube, dass selbst die Jungs an der Spitze ein bisschen ausgequetscht werden. Hollywood schießt sich damit aber selbst ins Knie, denn ohne Autoren geht es nicht. Klar gibt es da eine Menge Leute, die bereit sind, für praktisch nichts zu arbeiten. Aber man bekommt eben auch das, wofür man zahlt. Also verstehe ich das nicht. Es gibt in Hollywood einen dramatischen Mangel an Respekt den Autoren gegenüber. Gab es immer schon. Und ich glaube, das hat damit zu tun, dass jeder glaubt, er könne das selber machen. Überall sonst in der Welt behält der Autor die Rechte an seinem Material. Aber nicht hier. Ein Autor ist hier einfach nur einer, der dafür bezahlt wird, dass er einen Job macht.

screen/read: Wenden wir uns einem erfreulicheren Thema zu. Mit ist aufgefallen, dass Du auf Deiner Homepage eine ganze Menge Bilder von Deiner kleinen Tochter hast. Nun sind alle Deine bisherigen Filme ja dezidiert für ein erwachsenes Publikum gedacht, aber könntest Du Dir auch vorstellen, eines Tages mal einen Kinderfilm zu schreiben?

Todd Farmer: Meine Ex-Frau und ich – sie ist übrigens die beste Ex-Frau auf dem Planeten – schreiben tatsächlich gerade zusammen ein Kinderbuch. Und das macht mir großen Spaß, ich liebe es. Es ist ein bisschen dunkler. Aber die meisten Kinderbücher sind so und haben eine etwas dunklere Geschichte. Das gilt sogar für „Harry Potter”. In Kindergeschichten gibt es oft Horrorelemente. Es ist schon komisch, als ich damals anfing, in der Industrie zu arbeiten, begann ich mit Horror. Weil da die Budgets gering waren und es keine Konkurrenz gab. Heute macht jeder Horror, also gibt es eine Menge Mitbewerber, und es ist viel schwieriger. Heute ist das nicht der ideale Startpunkt. Aber damals fing man genau damit an. Und ich blieb einfach im Horrorfilmbereich hängen, weil ich da gut war. Und es gefiel mir. Aber ich dachte immer, irgendwann würde ich mich lösen und auch andere Genres machen. Nur hatte ich bisher nie wirklich die Chance dazu. „Drive Angry” wäre ein Ansatz gewesen, weil es da mehr um Action geht und die Roadmovies der 70er. Produzenten können alle Arten von Filmen machen, egal ob Action, Comedy oder was auch immer, sie können an allem arbeiten. Aber wenn es um die Autoren geht, glauben sie, wir könnten nur eine einzige Sache. Nur Horror schreiben. Oder Action, wenn man aus diesem Genre kommt. Autoren schreiben. Das ist, was sie machen. Wenn ich also Horror schreiben soll oder etwas Erschreckendes, dann schreibe ich das, und dann erschrecke ich die Leute zu Tode. Und wenn ich etwas Nettes und Liebevolles schreiben soll, dann habe ich das auch in mir. Ich habe eine vier Jahre alte Tochter. Ich weiß, was es heißt, nett und liebevoll zu sein.

screen/read: Ich finde, bei genauerem Hinsehen lässt sich bereits in „Drive Angry” ein Stück dieser Seite entdecken, die Du da beschreibst. Es mag zunächst seltsam klingen, aber ist es nicht letztlich ein Film über einen harten Kerl, der auszieht, um ein Baby zu retten? Und um eine Ersatzmutter für das Kleine zu finden? Darum geht es in diesem Film doch.

Todd Farmer: Absolut. Das ist zu Hundert Prozent das, worum es in diesem Film geht. Das war die ganze Intention. Die Idee war, einen Film zu zeigen, der hart und erbarmungslos ist, aber im Kern die Geschichte eines Vaters und einer Tochter erzählt. Und am Ende des Films weinen die Leute. Und das ist gut, das ist, was wir wollten.

screen/read: Und das ist genau der Punkt, der im gesamten Marketing nicht auftaucht. Überhaupt nicht. Verkauft hat man einen Männerfilm mit Waffen, Blut und Autos, von allem anderen keine Spur. Und das hat die Leute von vornherein in eine falsche Richtung gelenkt. So jedenfalls sieht kein Film aus, in den man seine Freundin mitnimmt. Und schon kippt ein Großteil des Publikums weg. Offenbar haben die Marketingverantwortlichen das schlichtweg nicht begriffen.

Todd Farmer: Interessant, dass Dir das aufgefallen ist. Das ist wirklich die einzige Überraschung, die es in der Kampagne nicht zu sehen gab. Darüber hatte ich so noch nicht nachgedacht. Und dabei war das ein entscheidender Grund dafür, Amber Heard zu besetzen, weil ihre Figur Piper für mich der Schlüsselcharakter des ganzen Films ist. Sie muss in der Lage sein, jemanden windelweich zu prügeln, und gleichzeitig musste sie liebevoll sein, um sich um das Baby zu kümmern. Das war keine leichte Rolle, denn obwohl sie sich gegen all diese Männer behaupten muss, ist sie doch das Herz des Films.

screen/read: Ich drücke Euch die Daumen, dass „Drive Angry” im Home Entertainment ein verspäteter Hit wird, und vielleicht besteht dann doch noch eine leise Chance für Eure Fortsetzungen. Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast und so offen und ehrlich mit uns gesprochen hast.

Todd Farmer: Sehr gerne. Ich habe nichts zu verbergen. Hollywood ist voller Scheiße [lacht], und ich tendiere dazu, die Dinge einfach auszusprechen.

[Die englische Originalfassung dieses Interviews gibt es hier zu lesen.]

Todd Farmer

[Abbildungen: Todd Farmer (Porträt), Raw Studios (Alien Pig Farm) Warner Home Video (Drive Angry), Kinowelt Home Entertainment (My Bloody Valentine), Ascot Elite Home Entertainment (The Messengers 2)]

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