To Kill a Man | Filmkritik

01. August 2014

To kill a Man

Wer im Verlauf dieses vielfach preisgekrönten Festivallieblings aus Chile an jene berüchtigte Sequenz aus Hitchcocks „Torn Curtain [dt. Der zerrissene Vorhang]“ denken muss, in der es Paul Newman mit Müh und Not gelingt, den Stasi-Schergen Gromek in einen Gasofen zu verfrachten, ist einem entscheidenden Erzählmotiv von Regisseur Alejandro Fernández Almendras merklich auf der Spur: „It ain’t easy to kill a man.“ Dass der (zunächst vom US-Verleih erfundene, dann vom hiesigen Anbieter gehorsam übersetzte) Untertitel ein Rachemotiv hinzudichtet, ist hingegen nicht mehr als ein Vermarktungstrick, der mit dem Film selber eher nichts zu tun hat.

Getötet wird hier in erster Linie, weil die Justiz versagt und einer bürgerlichen Kleinfamilie keinen Schutz vor den Übergriffen eines Gewalttäters bieten kann. Doch der Reihe nach: Jorge ist einfacher Forstarbeiter mit Frau und zwei heranwachsenden Kindern. Sein bescheidenes Leben erfährt einen massiven Einschnitt als sein Sohn bei einer Auseinandersetzung mit einem psychotisch anmutenden Kleinkriminellen beinahe sein Leben lässt. Nach dem Abbüßen einer milden Gefängnisstrafe beginnt der verurteilte Straftäter, die Familie massiv zu drangsalieren. Doch die Behörden sehen sich außerstande, wirksam einzugreifen, und so trifft Jorge eine folgenschwere Entscheidung.

Was an diesem finsteren Drama rasch auffällt, ist seine überaus durchdachte, zeitweise stilisierend anmutende Inszenierung. Das Framing zwingt die Figuren oftmals so weit an den unteren Bildrand, dass sie fast zu verschwinden drohen. Knapp über der Hüfte angeschnitten, bleibt nicht viel von ihnen übrig. Für Befürworter regulärer Sehgewohnheiten ist das eine echte Zumutung.

Statische Einstellungen überwiegen. Fast jede Szene kommt mit einer einzigen Kameraposition und ohne Schnitt aus. Bewegung stellt sich nur dann ein, wenn Gewalt im Anzug ist. Dann allerdings muss es auch gleich eine präzise errechnete Plansequenz sein, bei der Montage keine Rolle spielt. Und als ob es darum ginge, der Künstlichkeit des Erzählkonzepts entgegenzuwirken, verwackeln die Bilder umso mehr.

To kill a Man

Im direkten Vergleich zum semi-dokumentarischen „Huacho – Ein Tag im Leben“ desselben Filmemachers muss der inszenatorische Ansatz umso mehr befremden. Wo dort die vermeintliche Beiläufigkeit des Zeigens dominiert, haben die Bilder hier eine forcierte, von klaren Linien bestimmte Anordung. Fast architektonisch wirkt ihr Zusammenspiel bisweilen, wenn es die Figuren symmetrisch voneinander trennt (etwa durch eine Tür) oder sie in eine Ordnung zwingt, der sie nichts entgegenzusetzen haben (so in der hypnostischen Anfangseinstellung, die ein Bild aus dunkel lauernden Baumstämmen komponiert und dabei nicht von Ungefähr an die Gitterstäbe eines überdimensionalen Käfigs erinnert).

Aber auch die Geschichte selbst hat mit vielfältigen Arrangements zu tun – mal seitens der Figuren selber, mal durch ein ebenso gnadenloses wie zynisches Schicksal. Wenn Jorge etwa seinen Widersacher aus der Wohnung locken will, muss er denselben Trick geduldig gleich dreimal hintereinander anwenden, um sein Ziel zu erreichen. Umgekehrt wartet der Film mit einer Schlusspointe auf, die keinen Zweifel daran lässt, dass höhere Mächte nichts von ausgeklügelten menschlichen Plänen halten und das auch unmissverständlich auszudrücken wissen.

„To kill a Man“ ist einer jener seltenen Filme, die ihre eigentlich recht einfache Geschichte in ein nachhaltiges Traktat über Schuld und Sühne überführen. Dass man dabei ab einem bestimmten Punkt trotz klarer Identifikationslage plötzlich gewillt ist, die Seiten zu wechseln und der gepeinigten Hauptfigur alle Zuwendung verweigert, hat durchaus seinen Reiz. Und wenn der Zuschauer ganz genau hinschaut, wird er sich gar selber als Statist entdecken: Ein beiläufiger Passant, der – irgendwo im Hintergrund kaum erkennbar – bei der versuchten Vergewaltigung von Jorges Tochter tatenlos zuschaut und offenbar für sich entscheidet, dass ihn das alles gar nichts angeht. [LZ]

OT: Matar a un hombre (CL 2014) REGIE: Alejandro Fernández Almendras. BUCH: Alejandro Fernández Almendras. MUSIK: Pablo Vergara. KAMERA: Inti Briones. DARSTELLER: Daniel Antivilo, Daniel Candia, Ariel Mateluna, Alejandra Yañez. LAUFZEIT: 97 Min (DVD), 92 Min. (Blu-ray). VÖ: 01. August 2014.

To kill a Man

[Abbildungen: Pierrot Le Fou]

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