Titan | Filmkritik: Die Zukunft der Menschheit ist geschlechtslos

28. Juli 2018

Titan

Also dann. Auf der Erde wird es eng. Überbevölkerung und kriegerische Konflikte haben es ungemütlich werden lassen. Zeit also, dass man sich einen neuen Planeten ausguckt, der zur Besiedelung taugt. Da wäre zum Beispiel der Saturnmond Titan im Angebot. Besucht hat ihn bislang niemand, aber das soll sich jetzt ändern. Ein kleines Problem gibt es allerdings noch: So richtig tauglich ist der herkömmliche Mensch für das Leben auf der neuen Erde nicht. Hmm. Zum Glück gibt es die Wissenschaft, und die hat bereits das passende Doping entwickelt, um den regulären Homo Sapiens so aufzupeppen, dass der Kolonialisierung des Weltalls nichts mehr im Weg steht. So einfach könnte es sein. Aber natürlich geht die Sache gründlich schief.

Wer sich in den letzten Jahren ab und zu mal gefragt hat, was eigentlich aus der einst vielversprechenden Karriere von Sam Worthington geworden ist, bekommt hier eine eher ernüchternde Antwort. 2009 war er so etwas wie der Mann der Stunde, doch als Marke hat er sich nie etablieren können (mit „Manhunt: Unabomber“ konnte er kürzlich als TV-Darsteller immerhin mehr Eindruck hinterlassen als mit allen Kinorollen der letzten Jahre). „Titan“ wird daran nicht nur nichts ändern können, sondern hinterlässt zu allem Überfluss auch noch den Eindruck einer Notbesetzung. Elitesoldat, der eine Art Alien-Existenz auf einem neu zu besiedelnden Planeten übernehmen soll? Das ist in der Filmografie des Schauspielers nicht wirkliches Neuland. Aber vielleicht hat man beim Casting auch einfach an die beiden anderen Worthington-Titel gedacht, die irgendwas mit Titanen zu tun haben?

Nun gut, Scherz beiseite. Der immer etwas arg charismafrei wirkende Australier hat hier vor allem die Aufgabe, als Werbeträger zu fungieren, und so muss man das ganze Projekt auch verstehen, nämlich als kalkulierten Investmentcase ohne große Risiken. Ideal für eine Netflix-Auswertung also. „Titan“, eine amerikanisch-britisch-deutsch-spanische Co-Produktion (genau, das sagt schon alles), ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein optisch auf Hochglanz polierter B-Film aus altbewährten Versatzstücken und mit Gesichtern, die man von woanders her kennt und genau deshalb zuschaut.

Tom Wilkinson spielt Tom Wilkinson, der einen klassischen Mad Scientist gibt und dabei nicht sonderlich auffällt. Ex-Model Agyness Deyn (hat ebenfalls schon Titanen-Erfahrung), die in der britischen Miniserie „Hard Sun“ gerade erst einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatte, darf nicht viel mehr tun als eine zunehmend schuldgeplagte Miene auflegen. Die eigentlichen Stars sind Nathalie Emmanuel („Game of Thrones“) und Taylor Schilling („Orange is the new Black“), denn ihr Publikum ist das quotenstärkste. Letztere übernimmt den Film nach dem ersten Akt dann auch vollständig und erfüllt damit den neuerdings verstärkt als Verkaufsargument begriffenen Bedarf nach weiblichen Heldenfiguren. Aber auch das ist nur Schema F.

Die entscheidende Frage allerdings, die man sich nach einigermaßen kurzweiligen 97 Minuten stellen muss, ist diese (und der Film provoziert sie – vermutlich ungewollt – mit einem albern heroischen Blick auf Details, die niemand sehen will): Was bitte bringt der Menschheit die Besiedelung eines neuen Planeten, wenn sie dazu offenbar ihre Fortpflanzungsfähigkeit ablegen muss? [LZ]

OT: The Titan (UK/USA/ES/DE 2018). REGIE: Lennart Ruff. BUCH: Max Hurwitz, Arash Amel. MUSIK: Fil Eisler. KAMERA: Jan-Marcello Kahl. DARSTELLER: Sam Worthington, Taylor Schilling, Tom Wilkinson, Agyness Deyn, Nathalie Emmanuel, Noah Jupe, Corey Johnson. LAUFZEIT: 93 Min (DVD), 97 Min (Blu-ray). VÖ: 09.05.2018.

[Abbildungen: Eurovideo]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Kommentare sind geschlossen.