The Young Pope | Paolo Sorrentinos grandioses Vatikan-Märchen ist eine neunstündige Nona Ora

12. Mai 2017

The Young Pope

[Lesedauer: ca. 5:00 Minuten]

Dies ist sie also, die Serie, von der seit Jahren geredet wird. Die dem Kino den Rang abläuft oder doch zumindest gleichwertig ist. Die eigentlich auf die große Leinwand gehört. Die das filmische Geschichtenerzählen in seinen Möglichkeiten profund erweitert und damit revolutioniert. Und nein, die Rede ist eben nicht von „Game of Thrones“ oder „House of Cards“ oder „Hannibal“ oder welches Lieblingsbeispiel einem da auch immer einfallen mag. Man braucht nicht einmal fünf Minuten der ersten Episode gesehen zu haben, um das unmissverständlich zu erkennen. Paolo Sorrentino hat mit „The Young Pope“ einen neunstündigen Kinofilm abgeliefert, der die Regeln des Lichtspieltheaters verlustfrei auf den heimischen Bildschirm und seine Derivate überträgt. So einfach ist das und nicht anders.

Konsequenterweise hatte man sich für die Weltpremiere der ersten beiden Episoden die Internationalen Filmfestspiele von Venedig gesichert – ein absolutes Novum. Dass die Lagunenstadt zugleich als Kulisse für das Finale der Geschichte dient, mag die Angelegenheit zusätzlich beflügelt haben. Doch das nur am Rande. Skepsis war schon lange vor der Uraufführung ein ständiger Begleiter des Projekts: Sorrentino, der wichtigste und meistgefeierte italienische Filmemacher der Gegenwart, ein Auteur erster Ordnung, als Showrunner einer TV-Serie? Das konnte sich kaum jemand vorstellen. Aber er war mehr als das, denn genau wie David Lynch bei der neuen Staffel von „Twin Peaks“, schrieb Sorrentino nicht nur sämtliche Bücher mit, sondern besetzte den Regiestuhl auch gänzlich alleine.

Das macht den sichtbaren Unterschied aus und wird ein Zukunftsmodell für Regiestars aus der ersten Reihe sein. Lückenlos fügt sich „The Young Pope“ in die Filmografie des Italieners ein und spannt doch den weitesten Bogen aller seiner bisherigen Arbeiten. Dass er dabei budgettechnisch quasi aus einem Füllhorn schöpfen konnte, ohne in irgendeiner Form erkennbar auf seine künstlerische Freiheit verzichten zu müssen, ist fast nicht vorstellbar. Kaum auszudenken, was Orson Welles in seiner Position geleistet hätte.

The Young Pope | Jude Law

Und dann die Geschichte! Im Zentrum der erste amerikanische Papst, gerade einmal 47 Jahre alt, erzkonservativ und unerbittlich, einer, der die Homosexuellen aus dem Vatikan und die Gläubigen vom Petersplatz vertreibt, zum Frühstück Cherry Coke Zero trinkt, Kette raucht und so lange fordernd auf die Jungfrau Maria einredet, bis ein unfruchtbares Paar ein Kind bekommt – das möge mal bitte jemand einem deutschen TV-Sender zu pitchen versuchen. Wie auch immer Sorrentino es geschafft haben mag, Sky und HBO grünes Licht abzuringen, das Ergebnis spricht für sich und steht in der an außergewöhnlichen Produktionen derzeit alles andere als armen Fernsehlandschaft nahezu einzigartig da.

Ein völlig entfesselter Jude Law verkörpert diesen ungewohnt jungen Papst, der sich den Namen Pius XIII wählt und damit der Kurie wie der gesamten katholischen Welt ein unmissverständliches und wenig angenehmes Zeichen setzt, denn die Tradition, in die er sich da einreiht, ist keine, an die irgendjemand im Vatikan allzu gerne erinnert werden will: Das letzte (reale) Kirchenoberhaupt, das sein Amt unter diesem Namen führte, gilt bis heute landläufig nicht nur als Antikommunist und Antijudaist, sondern unterzeichnete 1933 auch das Reichskonkordat mit Hitler. Rolf Hochhuth hat ihm mit dem „Stellvertreter“ ein wenig rühmliches Denkmal gesetzt. Wer für die eigene Person willentlich die Assoziation mit diesem durchweg schillernden Papst (inklusive seiner ans Absurde grenzenden Todesumstände) in Gang setzt, will provozieren.

Und ja, genau das will Lenny Belardo, wie Pius bürgerlich heißt. Und er macht, wonach ihm gerade ist, ganz egal, was die Tradition vorsieht oder irgendwer von ihm erwartet. Es dauert keine 10 Minuten, bis Kardinalssaatssekretär und Maradona-Verehrer Voiello (wunderbar verschlagen und clownesk: Silvio Orlando), von jeher Strippenzieher hinter dem jeweiligen Papst, eben darüber unmissverständlich die Augen geöffnet bekommt. Denn statt Ratschläge vom zweitmächtigsten Mann im Vatikan entgegenzunehmen, schickt Lenny ihn lieber eine Tasse amerikanischen Kaffee holen. Persönlich, nicht über Zweite oder Dritte. Deutlicher lassen sich die neuen Machtverhältnisse am päpstlichen Thron kaum vermitteln. Wann die erste Ansprache vor den Gläubigen, stattfinde? Mal sehen. Eines jedenfalls ist klar: Voiellos Skript wird Pius nicht verwenden. Mit dem weißen Rauch weht also ein neuer Wind, und der ist überaus rauh.

The Young Pope | Jude Law

Doch das schockt den Zuschauer nach der schier unglaublichen Eröffnung nur noch bedingt –von Sorrentino inszeniert als opernhaft-barocker Traum, der sich erst zum höchsten christlichen Kitsch aufschwingt und dann in äußersten antikirchlichen Liberalismus abstürzt, auf den man als Unbeteiligter wahlweise nur mit heruntergefallenem Kinn oder lautem Auflachen reagieren kann. Überhaupt ist das Humorpotential vor allem der ersten Folgen nicht von schlechten Eltern. Ganz im Gegensatz zu Lenny selbst übrigens, der von seinen leiblichen Eltern, echten Hippies, mit acht Jahren ohne Angabe von Gründen im Waisenhaus abgeliefert wurde. Ein Trauma, das seine Geschichte an allen Ecken und Enden beherrscht und längst obsessiven Charakter angenommen hat, bevor wir überhaupt davon wissen.

Papst Pius XIII also ein ungeliebtes Kind, das mit Mitte 40 noch nicht erwachsen geworden ist und in völliger Selbstüberschätzung allen Autoritäten die Stirn bietet, eben weil sie Autoritäten sind? Schon. Aber auch nein und nicht nur. Lenny ist ein Widerspruch in sich, so wie der dreifaltige Gott oder die Jungfrau Maria – seine Worte. Frühzeitig habe er das Talent besessen, niemanden wissen zu lassen, was in seinem Kopf vorgehe. Das macht ihn, mittlerweile einer der mächtigsten Männer der Welt, völlig unberechenbar. Und wer nicht spätestens jetzt irgendwie an Donald Trump denkt, sollte die letzten drei Paragraphen noch einmal lesen (einige der – wohlgemerkt zufälligen – Parallelen sind einfach zu verblüffend).

Flugs beruft er anstelle einer erfahrenen Größe der Kurie – keine Erfahrung mit dem Amt hin oder her – lieber Schwester Mary (Diane Keaton), in deren Obhut er aufgewachsen ist, zu seiner persönlichen Assistenz. Unglaublich zwar, aber bei weitem nicht so unglaublich wie die Antrittsrede, die er schließlich dann doch hält: finsterer und rückwärtsgewandter hat es nicht einmal der Multimilliardär im Weißen Haus hinbekommen. Zumal der neue Papst darauf besteht, dass sein Gesicht der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Jetzt und für die Zukunft. Noch so ein Schock. Die einzige, die das nach kurzem Überlegen irgendwie gut findet, ist die Marketingbeauftragte des Vatikans (Cécile De France), schon bald die zweite Frau, mit der Lenny erstaunlich gut zurechtkommt.

The Young Pope | Jude Law

Und so könnten wir immer weitermachen, denn „The Young Pope“ ist reich, reich, überreich. Sorrentino hat kein Interesse daran, sich auf einen roten Faden zu beschränken. Ständig sind die Dinge in Bewegung, kaum eine der Figuren bleibt – in der Anlage ohnehin so vielschichtig wie der Soundtrack von Lele Marchitelli („La Grande Bellezza“) – ohne massive Entwicklung, manchmal leise schleichend, so dass der Zuschauer es erst viel später mitbekommt, manchmal in Form eines Meteoritenscheinlags wie in der immer mal wieder leicht variierten (oder auch ganz ausbleibenden) Titelsequenz mit ihrer überaus lustigen Anlehnung an Maurizio Cattelans „La Nona Ora“. Und nicht selten bleibt man ebenso ratlos wie fasziniert zurück.

Einmal wandert Lenny bei Nacht schlaflos durch die päpstlichen Gärten, als sich eine Handvoll Femen aus den labyrinthisch angelegten Sträuchern erhebt und durch ihre bloße, fast geisterhafte Gegenwart protestiert, Erynnien einer anderen Zeit, bis sich ihr Gegenüber zu ihnen umdreht und sie schweigend betrachtet. Die Szene wird nicht aufgelöst, erklärt oder später noch einmal aufgegriffen. Und doch oder gerade deswegen hinterlässt sie einen schwer abzustreifenden Eindruck. Genauso funktioniert diese Serie und sie schert sich nicht im Geringsten um Regeln von Dramaturgie oder Genre irgendwelcher Art: zu Beginn Kirchensatire, gegen Ende christliches Märchen – oder vielleicht auch genau anders herum. Wer „The Young Pope“ kategorisieren will, hat schon verloren. Aber warum sollte man das auch wollen? [LZ]

OT: The Young Pope (IT/FR/ES/UK/USA 2016). REGIE: Paolo Sorrentino. BUCH: Paolo Sorrentino, Umberto Contarello, Tony Grisoni, Stefano Rulli. MUSIK: Lele Marchitelli. KAMERA: Luca Bigazzi. DARSTELLER: Jude Law, Silvio Orlando, Javier Cámara, Diane Keaton, Ludivine Sagnier, James Cromwell, Scott Shepherd, Cécile De France, Marcello Romolo, Allison Case, Ramón García. LAUFZEIT: 554 Min. VÖ: 31.03.2017.

The Young Pope | DVD-Cover

[Abbildungen: Polyband]

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