The World’s End | Filmkritik

12. September 2013

The World's End

Die besten UK-Filme des laufenden Kinojahres haben entweder James McAvoy oder Eddie Marsan auf der Besetzungsliste oder gleich beide. Doch so unterschiedlich „Trance“, „Filth (dt. Drecksau)“ und eben „The World’s End“ auch sein mögen, gemeinsam ist ihnen die sichtbare Lust am Aufbrechen erzählerischer Konventionen. So wechselt Edgar Wrights augenscheinliche Midlife-Komödie ungefähr nach der Hälfte einfach das Genre, ohne dabei jedoch (ganz im Gegensatz etwa zu „From Dusk till Dawn“, dem bekanntesten Beispiel dieses Modells) den Fokus auf die Figuren zu verlieren. Das Ergebnis ist nicht nur urkomisch und völlig absurd, sondern auf ganz eigene Weise auch mit einem tragischen Unterton versehen, den man so kaum erwarten würde.

Die Geschichte von fünf Freunden, die Jahre später in die Kleinstadt ihrer Jugend zurückkehren und dort einer übernatürlichen Bedrohung begegnen, könnte direkt einem Roman von Stephen King entstammen. Einen King gibt es in dem erwachsen gewordenen Quintett dann auch tatsächlich, nur dass sein Vorname Gary lautet und er die Vergangenheit nie wirklich verlassen zu haben scheint. Denn während die anderen vier mittlerweile längst ein konventionelles bürgerliches Leben als Wertpapierhändler, Autoverkäufer, Bauunternehmer und Anwalt führen, lebt Gary unbeirrbar mit den Träumen von einst.

The World's End

Schwarzes Outfit, schwarze Sonnenbrille, ein Tourshirt der „Sisters of Mercy“ und die Gesten des königlichen Eroberers, der mit weit ausgebreiteten Armen die unermessliche Herrlichkeit seines Reiches zelebriert – das ist Gary King zwei Jahrzehnte nach dem Ende seliger Jugendtage immer noch, und Simon Pegg spielt ihn wie eine adrenalingetränkte Clochard-Variante des großen Gatsby. Ein fahrbarer Untersatz, der zwar äußerlich irgendwie immer noch der Wagen ist, in dem die Fünf als Teenager durch das verschlafene Newton Haven gecruised sind, sich unter der Haube aber als echter Flickenteppich erweist, gehört zu den unverzichtbaren Requisiten, die dafür sorgen, dass die Zeit für Gary auch weiterhin verlässlich stehen bleibt.

Einen wie ihn kennt jeder aus der eigenen Vergangenheit – Anführer mit selbst auferlegtem Führungsanspruch oder auch einfach charismatische Luftnummer, dem die anderen wie völlige Trottel hinterher gedackelt sind, ohne dass man genau hätte sagen können, wieso eigentlich. Ein genauerer Blick hinter die Fassade wäre aufschlussreich gewesen, denn mehr als heiße Luft hätte sich da kaum entdecken lassen. Wenn die Exemplare dieses Typus dann aber die Welt der halbwirklichen Jugendzeit verlassen, bleibt nicht viel von ihnen übrig. Wann genau Gary dieser Umstand klar geworden ist, lässt der Film offen, doch dass sein Heil einzig in der Vergangenheit liegt, das hat er begriffen.

Und so trommelt er seine alte Gangkollegen noch einmal zusammen, um mit ihnen gemeinsam in die virtuelle Zeitmaschine zu steigen und eine unvollendete Gralssuche von damals schließlich doch noch zum Happy End zu führen: Die Goldene Meile. Hinter dem lyrischen Titel verbirgt sich allerdings eher Banales. Gemeint ist eine exzessive Sauftour durch 12 Pubs der gemeinsamen Heimatstadt mit so illustren Namen wie „The First Post“, „The Cross Hands“ oder „The Famous Cock“ (allesamt mit den passenden Plot-Twists versehen). Zielpunkt für die promillehaltige Mission ist „The World’s End“ – und auch hier heißt es: Nomen est Omen.

The World's End

Doch Newton Haven ist nicht mehr das, was es einmal war, und wer nicht zuviel vorab erfahren will, liest von hier an besser nicht mehr weiter. Die Pubs sind zur Franchise-Kette geworden und empfangen die fünf Musketiere (die Anzahl stimmt natürlich nicht, aber Gary ist der Auffassung, historisch sei das sowieso nicht nachweisbar) mit uniformierter Eintönigkeit. Die Ausmaße allerdings sind in Wahrheit von ganz anderem Kaliber, denn die Stadt ist längst in den Händen von Außerirdischen, die fast alle Bewohner gegen zeitlose Kopien ihrer selbst ausgetauscht haben. Sollte das nicht eigentlich Garys Wunschtraum sein?

Wright und Pegg, die das Drehbuch nach „Shaun of the Dead“ und „Hot Fuzz“ auch diesmal gemeinsam verfasst haben, bieten wie in den beiden Vorgängerfilmen der sogenannten „Three Flavours Cornetto“-Trilogie (die ihren Namen jeweils einem kurzen Auftauchen der beliebten Eiscreme verdankt) erneut eine clevere Genre-Parodie, die zum Vergnügen des Zuschauers mehr und mehr den Boden unter den Füßen verliert – bis klar wird, dass man die Rettung des Planeten nur volltrunken bewerkstelligen kann.

Doch in das aberwitzige Treiben mischt sich diesmal auch eine Portion Wehmut, die vom Scheitern großer Lebensentwürfe, dem Ende der Unschuld und dem Zerbrechen von Freundschaften erzählt, wenn sie dem Druck der Realität nicht standhalten können. Die bittere Erkenntnis daraus: Um die Utopien der eigenen Jugend leben zu können, muss schon die gesamte Menschheit draufgehen. Dass Andrew Eldritch über die End Credits hinweg „This Corrosion“ zum Besten gibt, versteht sich von selbst. [LZ]

OT: The World’s End (UK 2013) REGIE: Edgar Wright. BUCH: Edgar Wright, Simon Pegg. MUSIK: Steven Price. KAMERA: Bill Pope. DARSTELLER: Simon Pegg, Nick Frost, Eddie Marsan, Martin Freeman, Paddy Considine, Rosamund Pike, Pierce Brosnan, Bill Nighy, David Bradley, Samantha White. LAUFZEIT: 109 Min.

The World's End

The Worlds End

[Abbildungen: Universal Pictures International]

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