The Woman | Filmkritik

24. Januar 2012

The Woman

Die Behauptung mag die falschen Assoziationen wecken, aber in gewissem Sinn ist Lucky McKees gefeierter Anti-Familienfilm so etwas wie der „Godfather 2“ des Horrorkinos, nur dass Mario Puzo hier Jack Ketchum heißt. Technisch betrachtet stellt „The Woman“ ein Sequel zu „Offspring (dt. Beutegier)“ dar, einer wenig beachteten und über weite Strecken eher lauwarmen Adaption von Ketchums gleichnamiger Vorlage, doch weder Buch noch Film muss man zur Kenntnis genommen haben, um McKees abgründigen Blick hinter bürgerliche Fassaden ausgiebig würdigen zu können. Im Gegenteil. Je unvoreingenommener man dem Stoff begegnet, desto effektiver entfaltet er seine Wirkung. Dass der Film seinen Vorgänger dabei um Längen übertrifft und zudem eine gänzlich neue und überraschend originelle Geschichte erzählt, bildet im Gesetz der Serie eine echte Ausnahme von der Regel.

Die Grundidee ist in gewissem Sinn Shaws „Pygmalion“ on Acid. Henry Higgins heißt hier Chris Cleek und ist Anwalt an der amerikanischen Ostküste, während das Blumenmädchen Eliza durch eine namenlose Wilden ersetzt wird, die durch die Wälder von Maine streift und offenbar jagderfahren genug ist, um Wölfe mit bloßer Hand zu erledigen. Cleek entdeckt sie per Zufall, überwältigt sie trickreich und legt sie in Ketten. Zivilisieren wolle er sie, erklärt er seiner Familie, doch dass sie in Wahrheit vor allem ein Spielzeug für ausgedehnte Machtfantasien und exzessiven Sadismus ist, daran besteht bald schon kein Zweifel mehr. Würde es in dieser Geschichte einen Pickering geben, der nach möglichen Gefühlen der Geschundenen fragt, so wäre die Antwort vermutlich dieselbe wie bei Shaw: Gefühle? Wohl kaum. Jedenfalls keine, um die man sich Gedanken machen muss.

Doch das ist nur die eine Seite dieser vielschichtigen Versuchsanordnung, die ab und an die Grenze zur Gesellschaftssatire streift. Im Zentrum steht die Familie als Keimzelle bürgerlicher Ordnung, auf den ersten Blick unauffällig und gut geölt. Nur die älteste Tochter Peggy scheint mit dem Erwachsenwerden gerade arg überfordert zu sein, doch was soll einen an Teenagern schon wundern, die sich vor der Welt zurückziehen? Dass mit der fünfköpfigen Blutsgemeinschaft jedoch so einiges nicht stimmt, offenbart sich zunächst nur schrittweise, eskaliert dann aber doch so gnadenlos, dass man aufpassen muss, nicht von der Wucht der Ereignisse überrannt zu werden.

The Woman

Wer mit Jack Ketchum vertraut ist, kennt derlei Entwicklungen gut. In seinen besten Arbeiten brechen die Dämme von Zivilisation und Moral irgendwann in aller Regel gründlich genug, um dem Leser wie den Figuren gleichermaßen nur noch sinnloses Festklammern an der irrealen Hoffnung auf einen Deus ex Machina übrig zu lassen. Dass dessen Auftauchen in den meisten Fällen ausbleibt und sich stattdessen ein wahnwitziges Inferno aus Irrsinn und Gewalt den Weg bahnt, begründet den Ruf dieses Autors, den Stephen King mit der angemessenen Portion Augenzwinkern bekanntlich einmal zum furchteinflößendsten Mann Amerikas erklärt hat (dass Donald Rumsfeld und David Hasselhoff ebenfalls Anwärter auf diesen Titel sind, steht dabei auf einem anderen Blatt).

Ketchum und McKee (ihr zweites Zusammentreffen nach „Red“) haben „The Woman“ zusammen entwickelt und dabei einen Faden weitergesponnen, der im Vorgänger „Offspring“ eigentlich nur am Rande angelegt war. Zu verdanken ist das Hauptdarstellerin Pollyanna McIntosh, die ihre vergleichsweise überschaubare Rolle mit einer auf geradezu unangenehme Weise faszinierenden Dosis animalischen Lebens erfüllt und dabei mehr oder weniger den Rahmen des Films gesprengt hatte. Für Regisseur Andrew van den Houten war das Grund genug, sich einfach über Ketchums Vorlage (und Drehbuch) hinwegzusetzen und die Figur für ein mögliches Sequel am Leben zu erhalten.

Doch anders als im Vorgänger spielt Kannibalismus nur eine sehr untergeordnete Rolle. Den Großteil des Films über gibt es die Frau in bizarrer Christus-Pose zu sehen, angekettet an einer eigens für sie gebauten Konstruktion aus Holzbohlen und Stützpfeilern, die jede Bewegung unmöglich macht. Für die amazonengleiche Schauspielerin eine doppelte Herausforderung, denn ihre darstellerischen Möglichkeiten sind auf diese Weise merklich reduziert. Umso eindringlicher und beängstigender gerät das Wenige, was sie tun kann, und das gesamte Spektrum dessen, was sich im Innern ihrer Figur abspielt, findet seinen Niederschlag fast ausschließlich in Mimik und Blicken. Beides hat es in sich, und zu keinem Zeitpunkt lassen Regie und Darstellerin einen Zweifel darüber aufkommen, was für eine immense Naturgewalt in der namenlosen Wilden steckt, und wie hilflos alle Beteiligten ihr ausgeliefert wären, würde sie sich ihrer Fesseln entledigen können.

The Woman

The Woman

Nicht viel kann sie also tun, doch ihre passive Wirkung auf jedes einzelne Mitglied der Familie ist enorm und setzt die unterschiedlichsten Variationen von Sex, Macht und Widerstandswillen in Gang. Ihre bloße Existenz legt verborgene Schichten frei und weckt Versuchungen, die schließlich zu einem privaten Armageddon führen, von der sich zu Beginn des Films nicht einmal Anzeichen erkennen lassen. In gewisser Hinsicht ist die namenlose Wilde da ein dunkles Gegenbild (inklusive Kreuzigungspose) jener seltsamen Heilandsgestalt aus Pasolinis „Teorema“, die eine bürgerliche Familie völlig aus dem Gleichgewicht bringt und für echte Anarchie sorgt. Bemerkenswerterweise (und ohne an dieser Stelle Details vorwegnehmen zu wollen) zieht es auch dort gegen Ende einen der Betroffenen, seiner Kleider entledigt, auf Nimmerwiedersehen in die Wildnis. Zivilisationsskepsis hat offenbar unvermeidbare Topoi.

„The Woman“ funktioniert selbstverständlich aber in erster Linie vor allem als Urban Horror, einer Genre-Variante, die ganz ohne Höllenkreaturen und Dämonen auskommt, weil die schlimmsten Monster bereits in Menschengestalt auftreten – und dabei ist es ziemlich gleichgültig, ob sie aktive Täter sind oder nur passive Helfershelfer. Für beide findet die Geschichte einschlägige Beispiele, die nichts mit vergleichbaren Schablonen des Exploitation-Kinos zu tun haben. Alle Charaktere sind mit Sorgfalt gezeichnet, und die exzellenten Darsteller tragen das Ihre zur Glaubwürdigkeit der Figuren bei. Dass die zum Teil drastischen Gewaltdarstellungen bislang übrigens nirgendwo auf das Veto einschlägiger Zensurbehörden gestoßen sind, spricht zusätzlich für die unübersehbare inhaltliche und formale Qualität des Films. Eine echte Ausnahmeerscheinung mit berechtigtem Potential zum Genre-Klassiker. [LZ]

OT: The Woman (USA 2011). REGIE: Lucky McKee. BUCH: Lucky McKee, Jack Ketchum. KAMERA: Alex Vendler. MUSIK: Sean Spillane. DARSTELLER: Pollyanna McIntosh, Sean Bridgers, Angela Bettis, Lauren Ashley Carter, Carlee Baker, Shyla Molhusen, Alexa Marcigliano. LAUFZEIT: 101 Minuten.

The Woman

[Abbildungen: Capelight Pictures]

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