The Walking Dead: Staffel 5 in Deutschland nur zensiert ausstrahlbar

13. Oktober 2014

The Walking Dead | Staffel 5

Wer am heutigen 13. Oktober um 21 Uhr freudig vor dem heimischen TV-Gerät gesessen, den kostenpflichtigen Fox-Channel eingeschaltet und seinen vierstelligen Sicherheitscode eingegeben hat, gehört unzweifelhaft zu der weiterhin wachsenden Fanbase der weltweit ungemein erfolgreichen Zombie-Dystopie „The Walking Dead“. Zu sehen bekommen hat er allerdings nur eine merklich gekürzte Version der ersten Folge von Staffel 5. FSK oder BPjM kann man dafür diesmal nicht in die Verantwortung nehmen, denn der Antagonist aller Verfechter von Freiheit in der Kunst heißt hier FSF.

Die Abkürzung steht für „Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen“, einem Zusammenschluss privater Sendeanstalten, die sich als gemeinnütziger Verein um die Einhaltung des Jugendschutzes im deutschen Fernsehen kümmern. An sich eine gute Sache, doch wer jemals eine TV-Ausstrahlung von Filmen wie „Last Boy Scout“ oder „The Thing“ zur Kenntnis genommen hat, weiß, welche Blüten der staatlich sanktionierte Eingriff in die Kunstfreiheit auch hier wieder trägt.

Nun mag man mit einigem Recht argumentieren, dass es durchaus Sinn macht, Regelungen dafür zu schaffen, zu welcher Tages- und Nachtzeit bestimmte Programme im für jeden frei zugänglichen Rundfunk zur Ausstrahlung kommen dürfen, um zu verhindern, dass Minderjährige ungewollt mit (fiktionalen) Bildinhalten konfrontiert werden, die sie nachhaltig verstören könnten. Im codierten Pay-TV hingegen ist das blanker Nonsens.

The Walking Dead | Staffel 5

Da das Label „Jugendschutz“ in Deutschland jedoch bekanntlich als Allzweckwaffe und Totschlagargument in etwa genauso gut funktioniert wie in den USA die „Terrorabwehr“ (in beiden Fällen hat sich der mündige Bürger zu fügen und muss zum Wohle aller vorübergehend auf einige seiner Rechte verzichten), macht die FSF auch vor dem codierten und auf vielfältige Weise sonstwie verschlüsselten Pay-TV keinen Halt. So geschehen am 8. Oktober im Fall von „The Walking Dead“, Staffel 5.

Deren erste Episode durfte nun lediglich unter Einhaltung deutlicher Schnittauflagen gezeigt werden. In der unzensierten Fassung konnte ein Prüfungsausschuss der FSF „schwere Jungendgefährdung“ feststellen und verlangte die Entfernung einer Szenefolge, in der „Gewalt derart breit und in grausamen Details ausgespielt werde, dass sie weit über das dramaturgisch Notwendige hinausgehe“ und zudem noch „zynisch und mitleidlos inszeniert“ sei. So jedenfalls die offizielle Begründung [Gesamttext hier nachlesbar].

Nun sollten bei jedem Kunsthistoriker grundsätzlich alle Alarmglocken läuten, wenn Zensoren über die dramaturgische Notwendigkeit von Narrations- oder Gestaltungselementen urteilen, und eine ebenso zynische wie mitleidlose Inszenierung von Gewalttaten wird man auch Kubricks „Clockwork Orange“ unterstellen können (und zwar mit uneingeschränkter Berechtigung). Doch das alles wäre kaum mehr als ein bisschen kleinbürgerliches Empörgehabe, ginge es nicht darum, des Jugendschutzes wegen genau dort Schnittauflagen zu verhängen, wo der Jugendschutz bereits durch technische Notwendigkeiten hinreichend gewährleistet ist – nämlich durch einen vierstelligen Sicherheitscode.

Genau das ist beim Pay-TV (hier Fox) aber der Fall, und so wird nicht nur in die Mündigkeit des volljährigen Zuschauers eingegriffen, sondern zugleich die Fähigkeit zur Erfüllung der Aufsichtspflicht seinen minderjährigen Schutzbefohlenen gegenüber infrage gestellt. Denn die Begründung für die Schnittauflagen geht zwangsweise davon aus, dass Eltern nicht in der Lage sind, den betreffenden Zugangscode sicher genug vor ihrem Nachwuchs zu verstecken – weshalb die FSF prophylaktisch dort eingreift, wo Erziehungsberechtigte aus ihrer Sicht potentiell unfähig sind.

The Walking Dead | Staffel 5

Wer genau hier zu was auch immer unfähig ist, sei einmal dahingestellt. Faktisch hat ein gemeinnütziger Verein als vorauseilendes Zwangsregulativ im Eltern/Kind-Verhältnis jedenfalls nichts verloren. Das müsste die FSF gemäß Eigendefinition eigentlich genauso sehen. Denn in ihrer Selbstdarstellung betont sie nachhaltig, wie wichtig „die Information der Eltern und der Appell an ihre Verantwortung [sei], dem Fernsehkonsum ihrer Kinder nicht gleichgültig gegenüberzustehen.“ Ein derartiges Ziel ist jedoch nur zu verwirklichen, wenn man den Eltern ihre Mündigkeit bewahrt. Wie sollten sie sonst Verantwortung übernehmen?

Dort liegt zudem das eigentliche Kernproblem, das mit Zensur nicht zu beheben ist, sondern vielmehr durch sie eher noch befördert wird. Denn dass es jeden halbwegs webaffinen Minderjährigen gerade einmal eine Handvoll Klicks kostet, beliebige Inhalte ungeachtet eingreifender Maßnahmen seitens FSF, FSK oder BPjM illegal im Netz zu begutachten, bedarf eigentlich keiner ausdrücklichen Erwähnung.

Was die hiesige Veröffentlichung der 5. Staffel auch jenseits dieser Debatte angeht, so ist leider mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass die betreffenden Schnittauflagen auch die anstehenden DVDs und Blu-rays heimsuchen werden. Ein juristischer Sachverständiger stellte für die entfernten Szenen nämlich den „Tatbestand der Gewaltverherrlichung“ gemäß § 4 Abs. 1 Satz 1 Nr. 5 JMStV fest – unwahrscheinlich, dass zukünftige Prüfungen auf dieser Grundlage zu einem anderen Ergebnis kommen.

Übrigens kann jeder Minderjährige auf der öffentlich frei zugänglichen Homepage der FSF genau nachlesen, was er da im TV nicht zu sehen bekommt, und so sein Kopfkino in Gang setzen. Ob das wirklich besser ist? Wir glauben: eher nicht. [LZ]

The Walking Dead | Staffel 5

[Abbildungen: AMC / Frank Ockenfels]

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