The Walking Dead (Staffel 4) | Review

31. Dezember 2014

The Walking Dead | Staffel 4

Soweit hat die erfolgreichste aller Zombie-Serien (bis zum baldigen Spin-Off aus dem eigenen Haus übrigens auch die einzige) noch alle von ihren Machern forcierten Schicksalsschläge unbeschadet überstanden. Sophia, Shane, Dale, Merle, ja selbst Lori Grimes konnten auf Nimmerwiedersehen verschwinden, ohne dass sie längerfristig irreparablen Schaden hinterlassen hätten. Aber der Governor? Ausgerechnet das (vorübergehende) Verschwinden des einäugigen Schlächters, gegen den selbst die angriffslustigsten Untoten gerade einmal so bedrohlich wirken wie ein Mückenstich, macht es den Beteiligten alles andere als leicht, einen einigermaßen packenden Einstieg in die 4. Staffel zu finden.

Zu eindringlich der Nachklang des überragenden Vorgängers mit seiner abweichenden Dramaturgie, die sich zeitweise ganz von den Hauptfiguren entfernte, um den Antagonisten mit allen seinen schillernden Seiten aufzubauen. Zwar mag Gruppenführer Rick zum Ende der 3. Staffel so gerade noch den Sieg über den vom Irrsinn heimgesuchten Gegenspieler davongetragen haben, doch von seiner bisherigen Strahlkraft hat er einiges abgeben müssen. Und so überschattet der Governor gerade durch sein Fehlen merklich die ersten Folgen, die vor diesem Hintergrund umso routinierter wirken.

Alltag hat Einzug gehalten im Gefängniscamp, während sich die Streuner am Außengatter versammeln und vor sich hin grunzen. Rick versucht sich als Farmer und Nebenfigur mit erschreckend hohem Langeweilerpotential. Daran wird sich auch im überwiegenden Verlauf der Staffel nicht viel ändern und so können die Macher zwischendurch lange Zeit fast vollständig auf ihn verzichten, ohne dass es unangenehm auffallen würde. Gelingt es aber anderen Figuren, für ihn einspringen? Nur bedingt.

Ganze fünf Episoden braucht die Serie, um wieder in die Gänge zu kommen. Frühzeitig bricht eine tödliche Grippewelle im Camp aus, die dafür sorgt, dass die Untoten nach und nach auch innerhalb der Gefängnismauern zur Gefahr werden. Flugs isoliert man die Kranken in einem der Zellenblöcke, während eine Gruppe um Daryl draußen nach Antibiotika sucht. Es ist Hershel, der diese Folgen dominiert, denn da der einzige Vollmediziner selber erkrankt, bleiben nur seine Kenntnisse als Tierarzt, um die Betroffenen so gut es geht zu versorgen.

The Walking Dead, Staffel 4 | Norman Reedus

Das ist alles nur sehr bedingt spannend, denn die Autoren berufen sich auf mittlerweile sattsam bekannte Tricks. Um dem Zuschauer die Lage in der (hauptsächlich von Bauernopfern belegten) Quarantänestation überhaupt schmackhaft zu machen, muss Sympathiefigur Glenn als Infektionsträger herhalten, während Hershel bemerkenswerterweise völlig immun zu sein scheint. Die Lage spitzt sich zu und der Außentrupp gerät (selbstverständlich) in Schwierigkeiten und damit Zeitverzug.

Es bedarf einer Menge Überwältigungstaktik in Folge 5 (bei deren Titelwahl das deutsche Übersetzungsbüro offenbar in der heimischen Kierkegaard-Sammlung gestöbert hat), um dem arg vorhersehbaren Verlauf Paroli bieten zu können. Zugleich manövriert sich die Serie damit in eine narrative Sackgasse, aus der sie nur die heiß ersehnte Rückkehr des großen Antagonisten retten kann. Und die hat es dann auch tatsächlich in sich.

Erneut ganz losgelöst von den Ereignissen im Gefängnis bewegt sich die Erzählung ein Stück weit in der Zeit zurück und folgt dem einstigen Governor nach dem Zusammenbruch von Woodsbury. Lebensmüde, gebrochen und von allen verlassen zieht er eine Weile umher. Nicht einmal die Untoten scheinen Interesse an ihm zu haben, denn trotz völliger Apathie entkommt er ihnen offenbar problemlos – vielleicht weil er ihnen so ähnlich und selber schon mehr tot als lebendig ist.

Das ändert sich, als er auf eine Familie Überlebender trifft. Zwei Schwestern (darunter die von Alanna Masterson dargestellte Tara – wohl die vielversprechendste neue Figur), ihr todkranker Vater und ein kleines Mädchen haben sich mit jeder Menge Lebensmittel in einem Wohnhaus verschanzt und nehmen den Fremden nach anfänglicher Skepsis bei sich auf. Wie sich herausstellt: zunächst einmal eine gute Entscheidung, jedoch langfristig mit katastrophalen Folgen.

The Walking Dead, Staffel 4 | David Morrissey

Gerne wird darüber schwadroniert, wie sensationell der neue Typus von Serien mit seinen behutsam voranschreitenden Charakterentwicklungen für einen Schauspieler sein muss, und wie sehr das Kino da mit seinen (zeitlich) begrenzten Möglichkeiten doch hinterher sei. Was immer man von dieser Sicht der Dinge halten mag, sie bedarf angesichts der Figur der Governors und der Leistung David Morrisseys in dieser Staffel eines gründlichen Überdenkens.

Ganze drei Folgen stehen dem Schauspieler zur Verfügung, um mehr Nuancen und eine radikalere Entwicklung seines Charakters glaubhaft zu vermitteln, als es seinen Kollegen in der gesamten Serie bisher möglich war. Das Ergebnis ist so angsteinflößend, verstörend und tragisch zugleich, wie es nur ein komprimierter zeitlicher Rahmen zulässt. Die darstellerische tour de Force, die Morrissey (auch dank der exzellenten Drehbücher) abliefert, ist kaum hoch genug zu bewerten und gehört zu den (dunklen) Sternstunden nicht nur dieser, sondern aller bisheriger Staffeln insgesamt.

Umso schwerer fällt es der Serie im Anschluss erneut, wirksam Tritt zu fassen (in der originalen Programmplanung lässt das Midseason-Finale zumindest ein bisschen Raum). Die Gruppe ist zersplittert und irrt in Zweier- oder Dreier-Einheiten umher. Eine mysteriöse Zufluchtstätte namens „Terminus“ könnte sie wieder zusammenführen, doch das ist erst einmal nur eine vage Hoffnung (des Zuschauers).

So wie die Gemeinschaft der Figuren zerfällt auch die Erzählung selber. Fortan konzentrieren sich die einzelnen Episoden mal auf diese, mal auf jene Gruppe – und das mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Das einzige echte Highlight bietet eine Episode rund um Carol, Tyreese und zwei Kinder, die mit schweren psychischen Schäden zu kämpfen haben und die Konfrontation mit jenen kaum erträglichen Entscheidungen provozieren, wie sie in den stärksten Momenten der Serie (allerdings nicht in dieser Staffel) immer wieder auftauchen.

Gegen Ende (und in Vorbereitung des finalen Cliffhangers) rückt Rick dann doch wieder ins Zentrum – angesichts des schwächelnden Ensembles und im Hinblick auf zukünftige Entwicklungen eine unverzichtbare Notwendigkeit. Die echte Heldentat der letzten Folge ist jedoch die Erinnerung an eine liebgewonnene Figur, von der vermutlich nicht einmal die hartgesottensten unter den Verantwortlichen als letztes Bild einen fauchenden Zombie stehen lassen wollten. [LZ]

OT: The Walking Dead (USA 2013) REGIE: Greg Nicotero, Guy Ferland, Dan Sackheim, Tricia Brock, David Boyd, Michael Uppendahl, Jeremy Podeswa, Ernest Dickerson, Seith Mann, Julius Ramsay, Michael Satrazemis, Michelle MacLaren. BUCH: Scott M. Gimple, Angela Kang, Robert Kirkman, Matthew Negrete, Channing Powell, Nichole Beattie, Curtis Gwinn, Seth Hoffman. MUSIK: Bear McCreary. KAMERA: Rohn Schmidt, Michael Edison Satrazemis. DARSTELLER: Andrew Lincoln, David Morrissey, Chandler Riggs, Norman Reedus, Scott Wilson, Melissa McBride, Steven Yeun, Lauren Cohan, Emily Kinney, Danai Gurira, Chad L. Coleman, Alanna Masterson, Michael Cudlitz, Sonequa Martin-Green, Josh McDermitt, Christian Serratos, Jose Pablo Cantillo, Sunkrish Bala. LAUFZEIT: 662 Min (DVD), 698 Min (Blu-ray/extended). VÖ: 03.11.2014.

The Walking Dead | Staffel 4

[Abbildungen: WVG Medien GmbH | AMC/Gene Page (Governor)]

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