The Walking Dead (Staffel 3) | Review

17. November 2013

The Walking Dead | Staffel 3

Als man George A. Romero fragte, ob er Interesse hätte, bei einigen Folgen von „The Walking Dead“ auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen, lehnte er dankend ab. Kürzlich fügte er hinzu, die Serie sei im Wesentlichen eine Seifenoper mit gelegentlichem Auftauchen von Zombies und dabei frei von Satire und politischen Implikationen – Faktoren, die seine eigenen Filme über die lebenden Toten auf die eine oder andere Weise immer ausgemacht hätten. Letzteres lässt sich nur unterstreichen. Seine Einschätzung der immens erfolgreichen Comic-Adaption hingegen ist blanker Nonsens. Dass gerade die dritte Staffel einige Ideen von Romeros „Land of the Dead“ weiterdenkt, würde den Meister vermutlich überraschen.

Auf die Goldwaage sollte man seine Worte aber wiederum auch nicht legen. Und dass die Serie in ihren schwächeren Momenten (Tiefpunkt: Folge 6 der zweiten Staffel) tatsächlich schon einmal gefährliche Soaptendenzen aufweisen kann, lässt sich nicht von der Hand weisen. Doch das sind eher die Ausnahmen von der Regel, denn im Zentrum von „The Walking Dead“ steht in erster Linie die Spanne von Überleben und Moral. Keine andere TV-Produktion stellt ihre Akteure beständig vor derart grundlegenden Entscheidungen, bei denen nicht selten das Wohl des Einzelnen mit dem der Gemeinschaft kollidiert. Staffel 3 führt dazu eine Figur ein, die eben dieses Prinzip in höchst perfider Weise auf die Spitze treibt.

Zunächst bewegt sich die Geschichte allerdings in altbekannten Bahnen. Seit der letzten Episode sind einige Monate vergangen und die Gruppe um Ex-Sheriff Rick Grimes hält sich wacker. Das von ständiger Bedrohung bestimmte Leben auf der Straße scheint ein willkommenes Ende zu nehmen, als sich am Horizont die Umrisse eines mehr oder weniger verlassenen Gefängnisses abzeichnen. Ein Hoffnungsschimmer? Zunächst gilt es erst einmal, zahlreichen Untoten den Garaus zu machen, und ein paar übrig gebliebene Sträflinge bereiten zusätzliche Schwierigkeiten.

The Walking Dead | Staffel 3

Es gibt nicht viel Neues zu entdecken und zu erzählen in diesen beiden ersten Folgen. Eine Menge Zeit (vielleicht zuviel) geht für ausgedehnte Zombiemetzelei drauf, Rick trägt weiterhin seine Konflikte mit Lori aus und ein Mitglied der Gruppe ringt nach einer Beinamputation mit dem Leben – alles schon so oder ähnlich da gewesen, alles schon einmal gesehen. Doch bevor sich die Serie selber in eine dramaturgische Sackgasse manövriert, entschließt sie sich zu einem Schauplatzwechsel und lässt die Gruppe für eine ganze Folge völlig außen vor. Mit Erfolg.

Was folgt, könnte genauso gut dem stets verwirrenden „Lost“-Universum entstammen: Ein abstürzender Militärhubschrauber ist jedenfalls so ziemlich das letzte, was man in der bislang von verlassenen Städten und menschenleeren Landstrichen bestimmten Topographie von „The Walking Dead“ erwarten würde. Und nein, eine Rückblende liegt nicht vor. Doch anstatt diesen Handlungsstrang weiter zu verfolgen, geht es mit der zum Ende der zweiten Staffel von der Gruppe getrennten Andrea und ihrer mysteriösen Begleiterin Michonne direkt nach Woodbury – einer festungsgleich nach außen abgesperrten Kleinstadt, in der das Leben allem Anschein nach völlig normal weiterzulaufen scheint.

Fast wie ein Reboot muss einem diese entwaffnende Wende erscheinen und sie bringt mehr als nur frischen Wind in die Angelegenheit. Ein alter Bekannter erscheint völlig unerwartet wieder auf der Bildfläche (Daryls tot geglaubter Bruder Merle in der vielschichtigen Darstellung von Michael Rooker) und gibt der Geschichte jenen dringend benötigten Faktor bedrohlicher Unberechenbarkeit zurück, der mit dem Ausscheiden von Shane verloren gegangen war. Andrea rückt deutlich in den Vordergrund und Michonne wird zum vollgültigen Ensemblemitglied ausgebaut, doch die wirklich entscheidende Neuerung tritt mit der Figur des Governors auf den Plan.

Für Leser der Comicserie selbstredend ein alter Bekannter, ist der Alleinherrscher über die friedlich vor sich hinlebende Gemeinde Überlebender als direkter Gegenentwurf zu Rick angelegt. Und so läuft die Staffel auch unübersehbar auf eine Konfrontation der beiden hinaus, für die aber genüsslich erst einige Folgen vergehen müssen. Charismatisch, charmant, psychotisch und von Michonne treffend als Sektenführer vom Typus eines Jim Jones charakterisiert, entwickelt sich der Governor rasch zum eigentlichen, dunklen und von entsetzlichen Schmerzen getriebenen Kern dieser Staffel, der er nach und nach eine schleichende Form von NS-Sadismus hinzufügt, wie sie der Serie bis dato fremd war.

The Walking Dead, Staffel 3

Der Brite David Morrissey legt ihn als eiskalten Strategen an, der seine naturgegeben weichen Gesichtszüge ebenso als Maske und Waffe einsetzt wie seine jederzeit einschaltbare Etikette. Äußerlich weit entfernt vom Phänotyp der Comicvorlage, ist der Governor der TV-Serie umso bedrohlicher, weil er dem durchschnittlichen Wehrmachtsoffizier ähnlicher erscheint als dem plakativen Schlächter, wie ihn Zeichner Charlie Adlard angelegt hat. Dass Morrissey mit späterer Augenklappe auch problemlos als Stauffenberg-Darsteller durchgehen könnte, tut sein Übriges.

Dass es insgesamt erneut gelingt, den hohen Level der bisherigen Folgen aufrecht zu erhalten (bzw. nach anfänglicher Schwäche wiederzugewinnen), ist allen Beteiligten kaum hoch genug anzurechnen. Es gibt großartige Momente von bestechender Intensität, schwerwiegende Verluste geliebter Figuren, Charaktere am Rande des Wahnsinns und immer wieder Entscheidungen, die von schier unerträglicher moralischer und psychischer Konsequenz überschattet sind. „The Walking Dead“ gehört auch im dritten Jahr immer noch zum Besten, was der US-Serienmarkt zu bieten hat.

P.S.: Unter den zahlreichen Extras (rund 75 Minuten) findet sich auch eine Art Memorial für Figuren, die in dieser Staffel ausscheiden – eine nette und manchmal gar bewegende Hommage auch an die jeweiligen Darsteller, die wie so oft in dieser Serie zum Teil Herausragendes leisten. [LZ]

OT: The Walking Dead (USA 2011) REGIE: Ernest Dickerson (1, 16), Billy Gierhart (2, 8), Guy Ferland (3, 4), Greg Nicotero (5, 11, 15), Dan Attias (6), Dan Sackheim (7), Lesli Linka Glatter (9), Seith Mann (10), Tricia Brock (12), David Boyd (13), Stefan Schwartz (14). BUCH: Glen Mazzara (1, 14, 16), Nichole Beattie (2, 10), Evan Reilly (3, 9, 14), Sang Kyu Kim (4), Angela Kang (5, 11), Scott M. Gimple (6, 12, 15), Frank Renzulli (7), Robert Kirkman (8), Ryan C. Coleman (13). KAMERA: Rohn Schmidt. MUSIK: Bear McCreary. DARSTELLER: Andrew Lincoln, David Morrissey, Laurie Holden, Michael Rooker, Danai Gurira, Steven Yeun, Norman Reedus, Lauren Cohan, Scott Wilson, Emily Kinney, Melissa McBride, Chandler Riggs, Sarah Wayne Callies, Dallas Roberts, Chad L. Coleman, Sonequa Martin-Green, IronE Singleton, Jose Pablo Cantillo. LAUFZEIT: 663 Min (DVD), 688 Min (Blu-ray) + ca. 75 Min. Bonusmaterial. VÖ: 11.11.2013

The Walking Dead, 3. Staffel

[Abbildungen: WVG Medien]

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