The Walking Dead (Staffel 2) | Review

05. November 2012

Als sich die Gerüchte bestätigten, dass Frank Darabont nicht länger die Federführung der größten Zombie-Apokalypse der Fernsehgeschichte in der Hand halten würde, sorgte das bei den Fans für eine Menge Verunsicherung. Auf der Comic Con in San Diego noch hatte der Filmemacher mit besonderem Faible für Stephen-King-Adaptionen ausgiebig die Werbetrommel für die zweite Staffel gerührt, wenige Wochen später war er seinen Job los. Über die Gründe lässt sich bis heute nur spekulieren, doch nach der ersten Welle der Empörung machten sich vor allem Bedenken breit, ob die Serie den bisherigen Qualitätsstandard auch ohne Darabont würde einhalten können. Die Zweifel waren schnell aus dem Weg geräumt, doch die Ausdehnung von 6 auf 13 Folgen ist nicht ganz verlustfrei vonstatten gegangen.

Die Geschichte setzt nahtlos dort an, wo die vorherige Staffel geendet hatte und lässt direkt in der ersten Folge kaum Luft zum Atmen. Unterwegs zum erhofften Stützpunkt Fort Benning wird die Gruppe um Sherrif Rick Grimes (Andrew Lincoln) auf halber Strecke hoffnungslos ausgebremst. Eine kilometerweite Massenkarambolage verhindert jegliches Vorankommen, und noch bevor die Lage einigermaßen sondiert ist, zieht bereits eine Horde Untoter heran, der es zu entkommen gilt. Eine Verkettung unglücklicher Umstände führt zum Verschwinden der kleinen Sophia, und an ein Weiterziehen ist nicht zu denken, solange die Suche nach dem Mädchen erfolglos bleibt. Doch jede Spur führt zunächst nur ins Leere, und die Zeit drängt.

Anderen Serien würde das als Spannungsbogen bereits ausreichen, doch „The Walking Dead“ macht sich gerade erst warm und erschwert die Umstände Zug um Zug noch einmal ganz erheblich. Für die Figuren gibt es eine Menge zusätzlichen Druck, und dem kann kaum einer von ihnen langfristig wirklich standhalten. Als ein Mitglied der Gruppe lebensgefährlich verletzt wird, bietet eine offenbar von den Untoten bislang nicht heimgesuchte Farm die einzig mögliche Zufluchtsstätte. Ihr Besitzer, ausgerechnet ein Arzt (Scott Wilson), erweist sich als Glücksfall des Schicksals. Doch die Farm und ihre Bewohner bergen ein erschreckendes Geheimnis mit katastrophalen Folgen.

Am Ende dieser Staffel wird die Gruppe nicht mehr dieselbe sein, weder in ihrer Zusammensetzung, noch hinsichtlich ihrer Moral. Immer wieder werden die Figuren vor Entscheidungen gestellt, denen sie nicht ausweichen können, für die aber auch keine einfache Lösung existiert. Es ist die besondere Situation und die veränderte Welt, die jede Frage zum existenziellen Dilemma werden lässt und die beiden entscheidenden Pole aufzeigt, zwischen denen sich alles Handeln jetzt abspielt: Humanität oder Überleben.

Muss man einen Unschuldigen exekutieren, um die Gruppe zu schützen? Darf man ein Kind dem sicheren Tod ausliefern, um ein anderes Kind zu retten? – Immer wieder geht es um eine Abwägung von Leben gegen Leben. Ohne Schuld bleibt hier niemand, selbst wenn er sich enthält. Dieser Konflikt betrifft alle alten und neuen Figuren, doch am exemplarischsten (und dramatischsten) spitzt er sich in dem unaufhaltsamen Auseinanderdriften der beiden Freunde Rick und Shane zu. Denn während Rick lange Zeit um jeden Preis auf die Werte einer Zivilisation setzt, die längst nicht mehr existiert, entwickelt sich Shane in beängstigender Weise zum Verfechter eines harten Pragmatismus, der vor nichts zurückschreckt.

The Walking Dead

Der große Verdienst von Autoren und Darsteller Jon Bernthal ist es dabei, den Zuschauer nicht vorbehaltlos auf eine Seite zu ziehen. Der einstige Cop wird Dinge tun, die niemandem gefallen können, doch unter den veränderten Bedingungen trifft er nicht unbedingt nur eindeutig falsche Entscheidungen. Hinzu kommt ein immenser emotionaler Konflikt, denn mit Ricks unerwarteter Wiederauferstehung in Staffel 1 (Shane hatte ihn nach wochenlangem Koma tot geglaubt und bei Ausbruch der Zombie-Invasion zurückgelassen) zerbrach zwangsweise sein gerade erblühtes Verhältnis zu Frau und Sohn des vermeintlich verstorbenen Freundes – Stoff für eine handfeste Psychose. Als Shane sich relativ früh in Staffel 2 den Kopf kahl schert (aus gutem Grund), ist das  ein deutliches Zeichen, dass das langsame Abgleiten der Figur in den Wahnsinn nicht mehr aufzuhalten ist. Mit den Haaren legt Shane auch die innere Schutzschicht ab, die den Übergriff der Barbarei auf die Zivilisation unter anderen Umständen aufhalten würde.

Bernthal mag hier und da möglicherweise etwas zu dick auftragen, und ganz sicher wäre so manches offenbar bei De Niro abgeschaute Grimassieren verzichtbar gewesen, doch dass man der inneren Zerrissenheit der Figur bei allem Entsetzen um ihr Handeln auch eine Menge Mitgefühl entgegenbringen kann, ist nicht zuletzt seiner Leistung geschuldet. Selbst in seinen schlimmsten Momenten erweist sich Shane nicht als grundlegend schlechter Mensch. Vielmehr scheitert er an der Welt, die nicht mehr dieselbe ist, und an einer emotionalen Wunde, die unmöglich verheilen kann.

Rick hingegen wird zunehmend blasser und verkommt eine Zeitlang zur Nebenfigur, deren Festhalten an moralischen Grundsätzen unter den veränderten Umständen verdächtig neurotische Züge annimmt. Andere Charaktere rücken an seiner Stelle in den Vordergrund und entwickeln wesentlich mehr Tiefe als in der vorigen Staffel (allen voran Daryl Dixon und Glenn). Problematisch ist dabei, dass die Vielzahl der Konflikte einigermaßen dialoglastig ausfällt, was die Geschichte stellenweise merklich ausbremst. Darunter leidet eine Weile lang auch der Spannungsbogen, und der Spielfilmcharakter, den Darabont eingeführt hatte, bleibt fast gänzlich auf der Strecke. Tiefpunkt ist Episode 6, deren Cliffhanger auch in einer handelsüblichen Soap noch gut aufgehoben wäre.

Umso weniger würde man erwarten, mit welcher Wucht die Geschehnisse danach über den Zuschauer einbrechen. Episode 7 („Tot oder lebendig“) läuft auf ein geradezu erschütterndes Finale heraus, das selbst die vielen großen Highlights der ersten Staffel mit Leichtigkeit in den Schatten stellt, und Rick Grimes erfährt eine Wiederauferstehung, die Ihresgleichen sucht. Danach kommt die Serie nur noch selten zur Ruhe, und die Ereignisse überschlagen sich. Dale wird zum moralischen Gewissen der Gruppe und steht zunehmend auf verlorenem Posten. Aber auch das ist nur Vorbereitung auf eine Wende, die vor allem Kenner der Vorlage schocken wird.

Überhaupt ist der Balanceakt zwischen Treue zur Comicreihe auf der einen und punktuell radikaler Umorientierung auf der anderen Seite bestechend gut gelungen. In einem der vielen informativen Featurettes der DVD und Blu-ray diskutiert Autor Robert Kirkman die durchweg clevere Strategie, bei grundlegender Orientierung an der Vorlage bewusst auch Abweichungen zu erlauben, die in mancherlei Hinsicht die Perspektive ändern. Viele davon sind echte Verbesserungen und tragen im narrativen Kontext der Serie zur verstärkten emotionalen Bindung an die Figuren bei – mit dem beunruhigenden Wissen, dass nahezu keine einzige von ihnen wirklich sicher ist. [LZ]

OT: The Walking Dead (USA 2011) REGIE: Ernest R. Dickerson (1, 2, 10, 13), Gwyneth Horder-Payton (1), Phil Abraham (3), Bill Gierhart (4, 9), Guy Ferland (5, 12), David Boyd (6), Michelle MacLaren (7), Clark Johnson (8), Gregory Nicotero (11). KAMERA: David Boyd, Rohn Schmidt. MUSIK: Bear McCreary. DARSTELLER: Andrew Lincoln, Jon Bernthal, Sarah Wayne Callies, Steven Yeun, Norman Reedus, Laurie Holden, Jeffrey DeMunn, Scott Wilson, Emily Kinney, Melissa McBride, Chandler Riggs. LAUFZEIT: 554 Min. + ca. 100 Min. Bonusmaterial.

[Abbildungen © WVG Medien GmbH]

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