The Walking Dead (Staffel 1) | Review

31. Oktober 2011

The Walking Dead: 1. Staffel

Man mag eine Menge sozialpsychologischer Erklärungen dafür finden, warum unter allen klassischen Horrorgestalten ausgerechnet die dümmsten eine derart langanhaltende Beliebtheit wiedererlangt haben, doch aus narrativer Sicht machen sie einfach die wenigste Arbeit. Denn während die Vampire mittlerweile als gesellschaftliche Außenseiter mit Tendenzen zur Bildung von Parallelgesellschaften auftreten („True Blood“) oder als Platzhalter für Konfliktcluster von Heranwachsenden zwischen konservativer Bürgerlichkeit und sexuellem Erwachen dienen („Twilight“), sind die Untoten weiterhin das, was sie schon immer waren: aggressive Hohlkörper, denen jegliches Sättigungsgefühl abhanden gekommen ist.

In Videospielen bilden sie die idealen Gegner, im Film die perfekten Monster. Ihre Regeln sind klar umrissen, und so bewegen sich alle Zombie-Szenarien in der simplen Spanne aus Verschanzen, Angriff, Verteidigung und Flucht. Nur ganz selten einmal wird mit der Natur der Untoten experimentiert, und wenn (wie etwa in George A. Romeros „Land of the Dead“, der den Toten eine gewisse Lernfähigkeit andichtet, oder dem pornografischen „L.A. Zombie“, in dem die Toten durch homosexuelle Praktiken wiedererweckt werden sollen), dann schaffen die Variationen die Übernahme in den allgemeinen Kanon ohnehin nicht.

Das immer gleichbleibende und sehr überschaubare Konzept sorgt aber zugleich auch dafür, dass der Witz ohne ein originelles Umfeld und interessante Charaktere ganz schnell raus ist. Genau aus diesem Grund war der Zombie-Film nach der ersten großen Welle in den 70ern für gute zwei Jahrzehnte mindestens so tot wie seine Namensgeber. Erst in den frühen 2000er Jahren änderte sich die Lage radikal. „Resident Evil“, „28 Tage später“ und Zack Snyders Remake von „Dawn of the Dead“ modernisierten das Subgenre, indem sie die Untoten aus dem Zentrum des Films verbannten und zum MacGuffin degradierten, um den herum sich das eigentliche Geschehen abspielte. Dass man damit gleichzeitig zu den Wurzeln von „Night of the Living Dead“ zurückkehrte, gab der Wiederbelebung zusätzlichen Antrieb.

The Walking Dead

Als Robert Kirkman 2003 zusammen mit Zeichner Tony Moore die „Walking Dead“-Comicreihe entwickelte, tat er es nicht nur seinen Kollegen aus der Filmindustrie gleich, sondern übernahm gleich mal ganze Plotelemente der neuen Generation von Zombie-Schockern. Dass etwa zum mittlerweile dritten Mal ein Protagonist im Krankenhaus aus dem Koma erwacht und sich in einer post-apokalyptischen Welt wiederfindet, in der die Untoten regieren, kann man entweder als dreiste Kopie eines wiederholt bewährten Narrationsmusters oder als erfolgreiche Etablierung eines Topos werten.

Was im Comic jedoch kaum mehr als ein Erzähltrick ist, gerät in Frank Darabonts filmischer Umsetzung in gewissem Sinn zum existenziellen Statement. Wenn Police-Officer Rick Grimes nach einem fast tödlichen Schusswechsel erstmals wieder vollständig zu Bewusstsein kommt und Stück für Stück begreift, dass die letzten, scheinbar zeitlich ganz nahen Erinnerungen an einen Krankenbesuch seines Freundes und Kollegen Shane in Wirklichkeit schon Tage (oder Wochen?) her sein müssen und auch sonst schon eine ganze Weile lang niemand mehr in seinem Zimmer war, kommt die Erkenntnis für den Zuschauer kaum weniger unvorbereitet – auch wenn dieser selbstverständlich um die Natur der Geschichte weiß, die hier ebenso schrittweise wie unaufhaltsam in Gang gesetzt wird.

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Im Gegensatz zu Cilian Murphys Figur in „28 Tage später“ allerdings ist Rick Grimes zu diesem Zeitpunkt bereits kein unbeschriebenes Blatt mehr. Sorgfältig und doch mit nur wenigen Pinselstrichen zeichnet Darabont seinen Protagonisten in den Minuten, bevor ihn die Schusswunde auf fatale Weise niederstreckt, als komplexe Figur mit privaten Problemen und einer aufrechten Haltung, die ihn bereits im Vorhinein zum Überlebenden qualifiziert. Wenn er das Krankenhaus verlässt und durch eine verlassene, nur noch von gelegentlich umherirrenden Untoten bevölkerte Stadt nach Hause eilt, in der irrationalen Hoffnung, dort seine Familie zu finden, ist die Identifikation mit dieser Figur schon so weit fortgeschritten, dass es kein Zurück mehr gibt. Und daran soll sich auch die gesamte erste Staffel über nichts ändern. Grimes wird auf andere Überlebende treffen, die Stadt verlassen, sich einer Gruppe anschließen, die in scheinbar sicherem Gebiet ihr Lager aufgeschlagen hat, jede Menge Heldentaten vollbringen, schwierige Entscheidungen treffen und natürlich reihenweise Zombies unschädlich machen.

Doch das bleibt nur eine von vielen Seiten dieser überaus reichen Produktion, die so nah am Kino ist wie keine andere Serie zuvor. Und das liegt weniger an Kirkmans Vorlage (die vor allem in der ersten Folge ausgesprochen originalgetreu umgesetzt wird, bevor es später vermehrt zu entscheidenden Abweichungen kommt) als vielmehr an Showrunner Darabont, der zu keinem Zeitpunkt das Gefühl aufkommen lässt, hier anders vorgegangen zu sein als bei seinen Arbeiten für die große Leinwand. Im Gegensatz etwa zu den bahnbrechenden Erfolgsproduktionen von J. J. Abrams, die trotz hoher Budgets und exzellenter Optik hinsichtlich Struktur und Dramaturgie ganz auf die Bedürfnisse des Mediums zugeschnitten sind, ignoriert „The Walking Dead“ die Tatsache, dass man sich im Fernsehumfeld befindet, nahezu vollständig. Staffel Eins funktioniert wie ein Film mit extremer Überlänge, der mittendrin aufhört.

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Darabont hatte frühzeitig als einer der wenigen begriffen, dass sich die spezifischen Qualitäten von Stephen Kings Vorlagen nur dann auf die Leinwand hinüberretten lassen, wenn man die Figuren ins Zentrum rückt und sie damit so am Leben erhält, wie der Leser sie bereits kennt. Vor allem „The Green Mile“ musste deshalb mit über drei Stunden Spielzeit zur echten Sitzfleischprobe werden, denn eine Reduzierung des Stoffs hätte für Darabont bedeutet, die Essenz der Geschichte auf der Strecke zu lassen. Der Erfolg gab ihm Recht. Zugleich stieß genau diese ausufernde Form des Erzählens an die Grenzen des Mediums. Doch für den Schritt ins TV war die Zeit 1999 noch nicht reif.

Ein ganzes Jahrzehnt später sahen die Dinge hingegen ganz anders aus. Der Zuschauer hatte sich nicht zuletzt dank „Lost“ an komplexe Erzählstränge mit umfangreichen Ensembles gewöhnt, die optische und technische Qualität der Produktionen war längst auf Kinoniveau angekommen, die Inhalte durften gerne riskant sein, und die Sender zeigten sich mehr als gewillt, Budgets freizugeben, die es bis dato nur für große Hollywood-Produktionen gegeben hatte. Der Weg war frei für eine Serie wie „The Walking Dead“. Und dass der Zeitpunkt nicht besser hätte gewählt sein können, belegten rekordverdächtige Quoten, die auch zu Beginn der zweiten Staffel nicht einbrachen. Dass Darabont mittlerweile unter öffentlich nicht näher erläuterten Umständen durch Executive Producer Glen Mazzara („The Shield“) ersetzt wurde, änderte daran auch nichts.

„The Walking Dead“ gehört mit den sechs Folgen der ersten Staffel, die für Deutschland nach der Erstauswertung auf FOX jetzt in leicht gekürzter Fassung auf DVD- und Blu-ray erschienen ist, zum Bemerkenswertesten, was derzeit auf dem TV-Markt zu finden ist. Hohe Produktionswerte, dichte Spannungsbögen, detailliert ausgearbeitete Charaktere, klischeefreie Dialoge und eine durchweg exzellente Besetzung sollten heute zwar Pflicht sein, doch die Kür dieser Serie liegt vor allem in dem ungebrochen hohen narrativen und filmischen Niveau, dass zu keinem Zeitpunkt nachlässt. Atemlos und für sein Medium möglicherweise nicht weniger als ein Meilenstein. [LZ]

OT: The Walking Dead (USA 2010) REGIE: Frank Darabont (1), Michelle MacLaren (2), Gwyneth Horder-Payton (3), Johan Renck (4), Ernest R. Dickerson (5), Guy Ferland (6). BUCH: Frank Darabont (1, 2, 3, 6), Charles H. Eglee (3), Jack LoGiudice (3), Robert Kirkman (4), Glen Mazzara (5), Adam Fierro (6). KAMERA: David Boyd. MUSIK: Bear McCreary. DARSTELLER: Andrew Lincoln, Jon Bernthal, Sarah Wayne Callies, Steven Yeun, Norman Reedus, Laurie Holden, Jeffrey DeMunn, Emma Bell, Chandler Riggs, Andrew Rothenberg, Noah Emmerich, Jeryl Prescott, Michael Rooker. LAUFZEIT: 282 Minuten.

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[Abbildungen © WVG Medien GmbH]

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