Doppelfeature: The Void vs. Humanoid | Schnee, Monster, Carpenter

22. Mai 2017

The Void

[Lesedauer: ca. 3:50 Minuten]

Zwei aktuelle Beispiele, die seit vergangenem Freitag auf dem hiesigen Markt zu haben sind, zeigen vergleichsweise überzeugend, wie hoch das Niveau unabhängig produzierter Genre-Beiträge trotz überschaubarer Budgets mittlerweile ausfallen kann – wenn man nur will. Dass sich ihre Titel reimen, liegt ausschließlich am (übrigens identischen) deutschen Verleih, doch es gibt auch echte Gemeinsamkeiten. Inhaltlich setzt „The Void“ auf Retro-Horror, während „Humanoid“ als eine Art postapokalyptischer Schnee-Western daherkommt. Im Kern sind beides B-Filme und doch echte Herzensprojekte ihrer Macher. Zudem stehen sie für eine spezifische Entwicklung im digitalen Independent-Markt.

Denn während der überwiegende Anteil des mittlerweile kaum mehr überschaubaren Angebotes an Direct-to-VOD-Produktionen aus dem Low-, Micro- und No-Budget-Segment maximal mit dem Charme von Homevideos aufwarten kann, entwickelt sich parallel eine neue Mittelklasse (nennen wir sie einmal so), die vor allem technisch und optisch einiges zu bieten hat. Nicht selten sehen Beispiele dieser Güte zwar aus wie Abschlussarbeiten von Filmhochschülern, die mit ihren Sets und Skills in erster Linie von den eigenen Qualitäten überzeugen wollen, doch solange sichtbare Begeisterung am Werk ist, gibt es dagegen wenig einzuwenden – es sei denn, man hat so fantastische Ausnahmeerscheinungen wie „Spring“ im Hinterkopf.

Halten wir hier aber den Ball flach. Keiner der beiden Beiträge unseres Doppelfeatures würde dem Vergleich standhalten. Denn wo die Monsterromanze von Justin Benson und Aaron Moorhead ganz auf ihre Charaktere setzt, liefern „The Void“ und „Humanoid“ gleichermaßen statt echter Menschen eher Scherenschnitte auf unterschiedlicher Klischeehöhe (letzterer Fall mehr noch als ersterer). Das geht in Ordnung, solange man nicht mehr erwartet – und doch sind es gerade die Schwächen in der Figurenzeichnung, die beide Filme davon abhalten, jenseits von Originalität und Look mehr als bloßes (wenn auch sehr appetitliches) Fastfood zu sein. Schauen wir genauer hin:

Humanoid

Humanoid – Der letzte Kampf der Menschheit

Zu Beginn des 24. Jahrhunderts ist es um den Planeten Erde nicht sonderlich gut bestellt. Roland Emmerich hat Recht behalten und eine neue Eiszeit ist angebrochen. Eine dichte Schneeschicht hat selbst die Wüste Arizonas in eine weiße Tundra verwandelt, die Tierwelt ist komplett ausgestorben. Unterirdische Städte halten die Menschheit am Leben, Androiden (sehen aus wie die Konstrukteure aus „Prometheus“) dienen als Arbeits- und Sexsklaven. Wie nicht anders zu erwarten, lassen sich das die künstlichen Zweibeiner allerdings nicht ewig gefallen, zetteln einen Aufstand an und fliehen an die Oberfläche. Eine Handvoll Elitesoldaten – jeder von ihnen mit einer ordentlichen Macke ausgestattet – soll den Revoluzzern den Garaus bereiten, doch der Auftrag erweist sich rasch als Himmelfahrtskommando.

Ein typischer Quest-Plot mit Roadmovie-Anleihen also, was soll da schief gehen? Die Atmosphäre stimmt und die Story hält sich bis zum Finale relativ frisch. Man mag sich gar nicht ausmalen, wie gut diese postapokalyptische „Dirty Dozen“-Variante mit etwas mehr Sorgfalt und passenden Schauspielern aus der A-Riege hätte werden können. Da das gesamte Budget jedoch vermutlich in den Look mit seinen hohen CGI-Anteilen geflossen ist, war für den Cast kein Geld mehr übrig – was nicht so schlimm wäre, würden die No-Names, mit denen man sich begnügen musste, weniger chargieren. Dass ausgerechnet Hauptdarsteller Paul Sidhu (der sich die Geschichte ausgedacht hat) besonders ausdruckslos bleibt, kostet den Film eine Menge Glaubwürdigkeit.

Autor und Regisseur Joey Curtis – immerhin verantwortlich für das fantastische Drehbuch zu „Blue Valentine“ – legt seinen Darstellern zudem eine Reihe kerniger Sprüche in den Mund, die einer gehörigen Dosis angeborener oder hart antrainierter Coolness bedürfen, um zu funktionieren. Wenig davon kann das weitestgehend charismafreie Ensemble für sich reklamieren, aber schon die Rollen selber geben kaum etwas her. Ausnahmen bestätigen die Regel und so ist es neben einer überraschend auftauchenden Einsiedlerin mit indianischen Wurzeln (die vereiste Oberfläche erweist sich bald als doch gar nicht so unbewohnt) insbesondere der gejagte Android, dem der Film im letzten Drittel einen dringend benötigten Anteil Empathie verdankt.

Dass insgesamt arge Ernsthaftigkeit vorherrscht, ist nicht immer von Vorteil, aber wo die Handlung im Kern von den beliebtesten Charakterisierungstricks aus dem Drehbuch-Seminar angetrieben wird, also toten Ehefrauen und Kindern, da lässt sich nun einmal schlecht scherzen. Im Original heißt der Film übrigens „2307: Winter’s Dream“ und man kann trefflich darüber rätseln, was die Genies in der Marketingabteilung von Ascot Elite zu dem mehr als austauschbaren deutschen Titel bewogen haben mag.

OT: 2307: Winter’s Tale (USA 2016). REGIE: Joey Curtis. BUCH: Joey Curtis. MUSIK: Joachim Horsley. KAMERA: Ian Coad. DARSTELLER: Paul Sidhu, Branden Coles, Arielle Holmes, Anne-Solenne Hatte, Harwood Gordon, Stormi Henley, Timothy Lee DePriest, Cecile Namer. LAUFZEIT: 98 Min (DVD), 102 Min (Blu-ray). VÖ: 19.05.2017.

The Void

The Void

Hier ist der Titel intakt geblieben und auf dem Cover wird fleißig damit geworben, dass man auch sonst die Finger von der Originalfassung gelassen hat. Da es hier aber weit und breit nichts gibt, was der Schere hätte zum Opfer fallen müssen, sollte man das Prädikat „Uncut“ wohl eher als Vermarktungstrick werten. „The Void“ ist angenehm altmodischer Horror mit 80’s-Vibe und John Carpenter als größtem Einfluss. Wer nicht an „The Thing“ und „Assault on Precinct 12“ denkt, hat beide Filme bislang vermutlich ignoriert. Aber auch „Prince of Darkness“ und selbst „In the Mouth of Madness“ fallen einem ein, garniert mit je einer Prise „Hellraiser“, „From beyond“ und Lars von Triers „Hospital der Geister“. Weitere Einflüsse nach Wahl.

Der Schauplatz: eine halb verlassene Klinik kurz vor der Räumung, irgendwo außerhalb sonstiger zivilisatorischer Errungenschaften. Als ein Officer mitten in der Nacht einen Verletzten einliefern lässt, setzt das Grauen ein. Eine Schwester verfällt erst dem Wahnsinn und mutiert dann zu einem ziemlich unansehnlichen Fleischmonster. Parallel versammeln sich draußen Mitglieder einer Sekte im Kapuzenlook und greifen jeden an, der das Krankenhaus verlassen will. Als der einzige Arzt vor Ort erstochen wird, eskaliert die Lage endgültig. Ach ja, und was verbirgt sich eigentlich im Untergeschoss?

Originell? Durchaus. In unserem Doppelfeature steht „The Void“ an zweiter Stelle, weil die ganze Angelegenheit weniger anstrengend ist und letztlich mehr Spaß macht. Denn auch wenn sich der Film genauso ernst nimmt wie die Androidenjagd aus dem Jahr 2307 (und erneut verstorbener Nachwuchs als Motivator herhalten muss), ist die allgemeine Gemengelage doch absurd genug, um die nötige Distanz anzubieten, die einen B-Film erst zum Vergnügen macht. Dass auch hier – trotz eines wesentlich professionelleren Ensembles mit Kenneth Welsh (Windom Earle aus „Twin Peaks“) als klassischem Mad Scientist – kaum Identifikation mit den Figuren möglich ist, reduziert den vermutlich intendierten Schreckensfaktor deutlich.

Hinter dem Projekt stehen Steven Kostanski und Jeremy Gillespie, zwei Mitglieder des Kollektivs Astron-6, das sich bislang mit blutgetränktem Nonsens wie „Father’s Day“ oder „Manborg“ einen Namen gemacht hat. Via Crowdfunding trugen die beiden (übrigens mit Unterstützung der „Spring“-Macher Benson und Moorhead) rund 82.000 Dollar für ihr Creature-Design zusammen, von dem im fertigen Film dann allerdings doch vergleichsweise wenig zum Einsatz kommt. Aber egal, auch „The Void“ kann sich sehen lassen und bietet sogar ein gewisses Franchise-Potential. Ein Sequel und/oder Prequel ist jedenfalls bereits angedacht. Wir haben nichts dagegen. [LZ]

OT: The Void (CA 2016). REGIE: Jeremy Gillespie, Steven Kostanski. BUCH: Jeremy Gillespie, Steven Kostanski. MUSIK: Blitz//Berlin, Joseph Murray, Menalon Music, Lodewijk Vos. KAMERA: Samy Inayeh. DARSTELLER: Aaron Poole, Kenneth Welsh, Kathleen Munroe, Daniel Fathers, Ellen Wong, Art Hindle, Stephanie Belding, James Millington, Evan Stern, Grace Munro. LAUFZEIT: 91 Min. VÖ: 19.05.2017.

Humanoid | The Void

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment]

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