The Voices | Filmkritik: Rosa Brillen, bittere Pillen

06. Oktober 2015

The Voices

Jerry sieht die Welt durch die rosa Brille – und das ist in vielerlei Hinsicht wörtlich gemeint. Seine Arbeitsuniform: rosa. Die CI-Farben seines Arbeitgebers: rosa (und nein, er ist nicht bei der Telekom beschäftigt). Auch im übertragenen Sinne sieht alles gar nicht so schlecht aus für den einfachen Lagerhelfer. Sein Chef mag ihn und die süße Fiona aus der Abrechnungsabteilung sagt doch glatt für ein Date zu. Dass er sich zuhause mit Hund und Kater unterhält, nun ja, er lebt eben allein. Weil die beiden ihm allerdings auch redselig antworten, wird man den Verdacht nicht los, dass hier irgendwas nicht stimmt – und das ist noch milde ausgedrückt. Denn Jerry hat lange Jahre in der Psychiatrie verbracht und verzichtet entgegen ärztlicher Anordnung schon seit einer Weile auf seine Medikamente. Kann das gutgehen? Sicher nicht.

Wie so oft verrät der Trailer deutlich zuviel, und so wissen wir bereits, dass Jerry irgendwann Fionas abgetrennten, aber nichtsdestoweniger geschwätzigen Kopf (auch körperlos unwiderstehlich: Gemma Arterton) im häuslichen Kühlschrank aufbewahren wird. Ziemlich schnell ist klar, dass Jerrys Wahrnehmung deutlich von der Realität abweicht. Nichts erreicht sein Bewußtsein ungefiltert, und weil er die Alternative nicht ertragen kann, trifft er die Entscheidung gegen seine Psychopharmaka ganz bewusst. Ebenso bewusst fällt die Entscheidung des Films aus, skurrile Komödie auf der einen und bedrückende Tragödie auf der anderen Seite zu sein. Für den Zuschauer, der beides zu sehen bekommt, ist das ein ziemlicher Spagat.

Wenn sich Jerrys rosarote Welt als Trugbild offenbart, kippt die Perspektive auf das Geschehen unwiderruflich. Was bis dato wie ein burtonesker Freizeitpark daherkam, erweist sich fortan als trauriger Versuch des Protagonisten, das Elend seines Daseins durch anhaltende Selbsttäuschung zu verleugnen – eine Taktik, mit der er alles nur noch schlimmer macht. Bosco, der Hund, und Mr. Whiskers, der Kater, streiten sich um seine Seele und reden doch beide mit derselben, wenn auch deutlich variierten Stimme (nämlich der von Hauptdarsteller Ryan Reynolds).

The Voices

Der Film will vermutlich genau das: Den Zuschauer aufs Glatteis führen, damit er dort irgendwann den Halt verliert, unschlüssig darüber, wie er mit Jerrys geschönter Wirklichkeit und den Abgründen dahinter umgehen soll. Dass die Geschichte darüber nicht ihren Unterhaltungswert verliert, gehört zu den großen Verdiensten aller Beteiligten – auch wenn sich nach einem überraschungsreichen ersten Drittel ein zunehmendes Maß an Vorhersehbarkeit einstellt.

Wer Vergleiche ziehen will, mag „The Voices“ als eine Art Schnittmenge aus „Ed Wood“, „A beautiful mind“ und der Irvine-Welsh-Verfilmung „Filth (dt. Drecksau)“ von Jon S. Baird lesen. Mit jedem dieser Titel würde die vierte Regiearbeit der Iranerin Marjane Satrapi („Persepolis“) ein interessantes Doppelfeature bilden. Für den vielbeschäftigten Fernsehautor Michael R. Perry („Dead Zone“) ist der Film so etwas wie die Rückkehr zu seinen ersten Drehbüchern für Joe Dantes „Eerie, Indiana“, wo hinter der scheinbar sicheren Wirklichkeit einer Kleinstadt immer eine zweite bedrohlich-fantastische Ebene lauerte (eine Serie, die bis heute übrigens mehr Stephen King in sich trägt als jede echte TV-Adaption des Großmeisters).

Interessanter Hintergrund am Rand: „The Voices“ wurde als deutsche Co-Produktion komplett in Berlin und den Babelsberger Studios gedreht (man lese daraufhin einmal die End Credits). Den Grund kann man sich an fünf Fingern abzählen und um Zahlen geht es dabei auch. Auf den Film selber hat diese Form von Produktionstourismus allerdings keine erkennbaren Auswirkungen gehabt. Dass Hauptfigur Jerry deutsche Wurzeln hat, trägt jedenfalls weder zu seiner Charakterisierung noch zur Geschichte auch nur das Geringste bei. [LZ]

The Voices

OT: The Voices (USA/DE 2015). REGIE: Marjane Satrapi. BUCH: Michael R. Perry. MUSIK: Olivier Bernet. KAMERA: Maxime Alexandre. DARSTELLER: Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Stanley Townsend, Gulliver McGrath, Valerie Koch. LAUFZEIT: 100 Min (DVD), 104 Min (Blu-ray). VÖ: 06.10.2015.

The Voices

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment]

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