The Trust | Filmkritik: Bruchware aus dem Rheinland

05. Juni 2016

The Trust

Kein Monat ohne neuen Film mit Nicolas Cage – könnte man jedenfalls meinen. Gemessen an seinem tatsächlichen Output ist das natürlich Nonsens, denn im Durchschnitt liefert der amerikanische Klaus Kinski (so nennt ihn jedenfalls Josh Olson) verlässlich drei bis vier Produktionen im Jahr ab. Dass der Eindruck täuscht, liegt vermutlich eher an der Beiläufigkeit, mit der die meisten seiner Arbeiten mittlerweile auf dem Markt erscheinen. Aktuelle Titel wie „Der Kandidat“, „Dying of the Light“, „Left behind“ oder zuletzt „Pay the Ghost“ (mit Veronica Ferres!) tauchen wie aus dem Nichts unter den Neuerscheinungen im Home Entertaiment auf, ohne dass (jedenfalls in Deutschland) irgendeine Form nennenswerten Marketings vorangegangen wäre. Nicht anders in diesem Fall.

Aber wie würde man eine unschlüssige Angelegenheit wie „The Trust“ auch verkaufen wollen? Als Agentur kann man sich da schon mal die Haare raufen (ein Gaga-Titelzusatz, wie ihn die hiesige Fassung verpasst bekommen hat, spricht jedenfalls für echte Verzweiflung: „Big Trouble in Sin City“). Unser Vorschlag: Illusionsloser Heist-Thriller, getarnt als Buddy-Komödie über korrupte Cops. Oder genau andersrum. Und das beinhaltet nicht einmal eine Wertung, denn Genre-Mashups sind immer noch eine hippe Sache. Die entscheidende Frage lautet dabei allerdings: Ist das Verschwimmen der Grenzen gewollt oder waren die Macher schlichtweg nicht in der Lage, ein kohärentes Ganzes abzuliefern?

Welche Variante für diesen Film zutrifft, wissen wir nicht, doch zumindest spricht einiges dafür, dass sich die Brüder Alex und Benjamin Brewer möglicherweise an so mancher Stelle nicht immer gegen die insgesamt fünf beteiligten Produktionsfirmen und sagenhaften 26 Produzenten (darunter der Sohn des israelischen Multimilliardärs und Medienmoguls Haim Saban) durchsetzen konnten. Und die Stars haben sich möglicherweise auch noch eingemischt.

Dass etwa Jerry Lewis für gerade mal eine runde Bruttominute auftaucht und trotzdem zu den Headlinern gehört, lässt einen völlig ratlos zurück. Cage hatte sich nach eigenem Bekunden einen Kindheitstraum erfüllen und einmal mit dem großen Comedien vor der Kamera stehen wollen (laut Interview mit EW), doch für den Flow des Films ist der Auftritt eher störend, denn er macht ein Versprechen, das er nicht halten kann – Lewis, dessen Rolle ohnehin nichts zur Geschichte und ihren Figuren beiträgt, taucht nach zwei kurzen Szenen im ersten Akt entgegen aller Erwartung später nicht mehr auf.

The Trust | Elijah Wood

Noch kurioser als dieses Veteranen-Cameo ist allerdings die Besetzung mit Elijah Wood als Cages Partner in Crime (wörtlich zu nehmen). Der gehörige Alters- und Größenunterschied sei einmal geschenkt, doch dass beide Darsteller direkte Ableger früherer Rollen mitbringen (Wood den überforderten Hundesitter aus „Wilfred“, Cage – wie könnte es in einem Film über korrupte Cops anders sein – Herzogs „Bad Lieutenant“) und dann dabei zuschauen, wie das Aufeinandertreffen eine seltsame Eigendynamik entwickelt, hat in gewissem Sinne etwas von einer Versuchsanordnung.

Worum es geht, ist schnell erzählt: Zwei Cops, denen die Stadt, in der sie arbeiten (Las Vegas) offenbar gehörig zu Kopf gestiegen ist, und die an ihrem Job nichts Gutes mehr finden können, stoßen bei einem scheinbaren Routinefall auf dubiose Hintergründe, von denen sonst offenbar niemand Notiz nimmt. Könnte hinter einem vergleichsweise kleinen Drogendealer eine größere Sache mit jeder Menge Dollars stecken, die der eigenen Pension ein deutlich freundlicheres Gesicht verschaffen würden?

Die Story bleibt soweit also eher unauffällig. Die Art und Weise, wie sie allerdings erzählt wird, kann schon für einiges Kopfschütteln sorgen. Was sind das etwa für seltsame Figuren? Als ob es nicht schon reichen würde, dass Wood und Cage (mit üblem Schnauzbart) ein seltsames Gespann abgeben, ist gleich die gesamte Polizei von Vegas offenbar ganz schön neben der Spur. Da wird schon mal Russisches Roulette gespielt, um sich aus einem Job zu winden, beschlagnahmte Hehlerware kann man gut als Geschenk für die eigene Verwandtschaft gebrauchen und bei der Auswertung von Überwachungskameras sind Diskussionen über Steakburger wesentlich interessanter. Ist das schon Comedy?

The Trust | Nicolas Cage

Überhaupt diese Skurrilitäten am Rande, Gesprächsfetzen über Nichtigkeiten, die von der eigentlichen Handlung ablenken, als wollten sie sich zu Tarantino-Dialogen aufschwingen, dann aber wieder abgewehrt werden und zu nichts führen – sind das Stilmittel? Wenn Cage für einen geplanten Bruch telefonisch (!) einen Diamantbohrer bestellt, dann kommt dafür natürlich nur Köln (!) in Frage, da offenbar weltweit bekannt als Sitz verlässlicher und verschwiegener Hersteller, die ihre Ware problemlos am Zoll vorbei in die USA verschiffen können. Ausgestattet mit einem deutschen Worterbuch (!), aus dem er sich ein paar Vokabeln zusammensucht (weil im Rheinland selbstverständlich niemand Englisch spricht), gibt er also einfach die Bestellung auf – von seinem Dienstanschluss aus, versteht sich. Und so weiter.

Wie es seine Art ist, verpasst Cage seiner Figur eine Menge Tics, die so sicher nicht im Drehbuch gestanden haben (die Nummer mit der Sonnencreme!), und erhöht damit den Absurditätsfaktor des Films gewaltig. Umso mehr muss sich der Zuschauer vor den Kopf gestoßen fühlen, als die Stimmung kippt und der Ton deutlich ernster wird. Man kann von all dem halten, was man will, aber mit seinen gesammelten Seltsamkeiten bleibt „The Trust“ immer ein Stück weit unberechenbar – ganz egal ob intendiert oder nicht. Darüber kann man leicht vergessen, dass der Film trotz seiner vergleichsweise kurzen rund 90 Minuten eigentlich zu lang ist und als einstündige TV-Episode vermutlich besser funktionieren würde.

Kein Wunder also, dass man es im Kern mit einer Fernsehproduktion des US-Satellitensenders DirecTV zu tun hat, die dort ihre Premiere hatte, bevor sie parallel auf VOD und mit einigen wenigen Kopien auch im Kino ausgewertet wurde. Je nach Wertung ist das bedauerlicher- oder begrüßenswerterweise ein Zukunftsmodell. [LZ]

OT: The Trust (USA 2016). REGIE: Alex Brewer, Benjamin Brewer. BUCH: Benjamin Brewer, Adam Hirsch. MUSIK: Reza Safinia. KAMERA: Sean Porter. DARSTELLER: Nicolas Cage, Elijah Wood, Sky Ferreira, Ethan Suplee, Kenna James, Steven Williams, Marc D. Donovan, Jerry Lewis. LAUFZEIT: 88 Min (DVD), 91 Min (Blu-ray). VÖ: 29.04.2016.

The Trust

[Abbildungen: Ascot Elite Home Entertainment]

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