The Tourist | Filmkritik: Fremde im Zug

17. Dezember 2010

The Tourist: Filmkritik

Als die Nominierungen für die kommenden Golden Globes bekannt gegeben wurden, schüttelte die amerikanische Kritikerfraktion vor allem angesichts eines Films geschlossen den Kopf: Ganze dreimal fand sich „The Tourist“ auf der Liste der Preisverdächtigen – und das, nachdem bis dato kaum eine einzige wohlmeinende Stimme zu der lange hin und her geschobenen Produktion laut geworden war. Und auch an den US-Kinokassen schloss das geschätzte 100 Millionen Dollar teure Hollywood-Debüt des deutschen Oscar-Gewinners Florian Henckel von Donnersmarck am Startwochenende mit nur bescheidenen 16 Millionen ab. Für den Misserfolg gibt es eine Menge Gründe, für die Nominierungen hingegen vor allem unverständiges Schulterzucken.

Nehmen Sie es gelassen, aber Sie als Zuschauer gehören einfach nicht zu den Hellsten. Weil kluge Filmemacher das aber wissen, helfen sie Ihnen, bei den komplexen Zusammenhängen eines raffiniert komponierten Szenarios nicht auf der Strecke zu bleiben. Hier ein Beispiel: Elise erhält von ihrem seit langem untergetauchten Liebhaber Alexander einen Brief, in dem er ihr eine wichtige Anweisung gibt. Um 8.22 Uhr soll sie am Pariser Gare de Lyon (das ist ein Bahnhof) den Zug nach Venedig nehmen und einen Mann auswählen, der ihm ähnlich sieht. Grund: Die ständig im Hinterhalt lauernde Polizei soll so in die Irre geführt werden und glauben, der Fremde sei er (also Alexander).

Ganz schön kompliziert bisher, aber da sind ja zum Glück die Filmemacher, die ihre Zuschauer nicht im Stich lassen und den Brief samt Inhalt nicht nur zeigen, sondern ihn auch gleichzeitig aus dem Off vorlesen lassen. Dann: Elise (übrigens Angelina Jolie) verbrennt die Depesche und verschwindet, doch die observierenden Gesetzeshüter preschen bereits aus allen Ecken hervor, um die Asche zu retten, aus der kurz darauf mithilfe wundersamer Wundertropfen aus der Zauberkiste der Logiklöcher wieder ein lesbares Schriftstück wird – wenn auch (warum ist egal) in einzelne Puzzleteile zerlegt. Schnell gescannt und per Standleitung landen diese auf dem Bildschirm des Chefinspektors, der sie dort per Drag-and-Drop zu einem sinnvollen Ganzen zusammen setzen muss (noch so ein ermittlungstechnisches Wunderwerk). Und was entdeckt er als erstes? 8.22 Uhr, Gare de Lyon.

Jetzt aber heißt es aufpassen, denn sonst entgeht einem das Wichtigste. Denn in einem gewagten Schnitt gibt es plötzlich wieder Elise zu sehen, offenbar auf einem Bahnhof. Könnte es der Gare de Lyon sein? Die Filmemacher kommen zu Hilfe, schwenken auf die Anzeigetafel, und da steht es: 8.22, Venise. Verstanden? Nein? Keine Sorge, im Off gibt es den entscheidenden Satz aus dem Brief noch einmal zu hören. Elise besteigt also den Zug (richtig vermutet, es ist der 8.22 nach Venedig), und ruft aus dem Off in Erinnerung, was sie jetzt zu tun hat – einen Mann zu suchen, der (erinnern Sie sich?) ihrem Liebhaber und Briefeschreiber möglichst ähnlich sieht. Die Überraschung ist groß: Sie entscheidet sich für Johnny Depp.

The Tourist | Johnny Depp

„The Tourist“ ist ein altmodischer, etwas langsamer, nicht sonderlich origineller, aber durchaus unterhaltsamer und postkartentauglich fotografierter Film, dessen Darsteller sich nicht anmerken lassen, dass das alles irgendwo unterhalb ihrer Möglichkeiten stattfindet. Aber warum auch? Man dreht in einer der schönsten Städte der Welt, wird exorbitant gut bezahlt und schläft in den besten Hotels vor Ort. Als Zuschauer indes mag man über vieles hinwegsehen, was das Hollywood-Debüt des deutschen Oscarpreisträgers von 2007 nicht ist oder besser hätte machen können. Doch muss man sich auch für dumm verkaufen lassen? Sicher nicht.

Das obige Beispiel ist dabei nur eines von vielen, und der Film bildet sich einiges darauf ein, wie clever er zu sein glaubt. Doch was am meisten ärgert, sind weniger die Holprigkeiten, mit denen die Geschichte an einigen Stellen zu kämpfen hat, und es ist auch nicht das allzu offensichtliche Anbiedern bei den einschlägigen Klassikern von Hitchcock bis Donen (und wer einem da im Einzelfall sonst noch so einfallen mag), sondern vor allem die große Dreistigkeit einer Schlusspointe, die rückwirkend kaum funktioniert und zudem einen üblen Verrat am Zuschauer begeht. Alle Versprechungen, die mit großem Aufwand (und einem hemmungslos romantischen Soundtrack) zurechtinszeniert werden, fallen in sich zusammen und sorgen für die eigentliche Enttäuschung, die den gesamten Film im Nachhinein zu einem billigen Taschenspielertrick werden lässt.

Würden sich jetzt die Autoren gegen diesen Vorwurf verteidigen und darauf hinweisen, dass sie ja nur die Pointe des französischen Originals übernommen hätten, so wären auch sie auf einen Taschenspielertrick hereingefallen. Denn dass „The Tourist“ ein Remake ist, versucht man mit allen Mitteln unter den Tisch zu kehren. Im Kino muss man die End Credits schon bis zum bitteren Ende durchstehen, um zu lesen, dass der Film, den man gerade gesehen hat, auf einem anderen beruht. Das deutsche Presseheft verschweigt diese Tatsache auf stolzen 34 Seiten sogar gänzlich. Man fragt sich da mit einiger Berechtigung, warum das so ist. Will man unbedingt Originalität vorgaukeln, wo keine ist?

The Tourist | Angelina Jolie | Rufus Sewell

2005 von Jérôme Salle („Largo Winch“) geschrieben und inszeniert, konnte „Anthony Zimmer (dt. Fluchtpunkt Nizza)“, prominent besetzt mit Sophie Marceau und Yvan Attal, zwar einiges an Kritikerlob einfahren, für einen großen Kassenerfolg reichte es jedoch nicht. Eine Kinoauswertung in den USA (und Deutschland) blieb aus. Was also mag die Verantwortlichen bewogen haben, dieses Projekt überhaupt für ein Remake in Erwägung zu ziehen? Möglicherweise spielte ein Deal mit Studio Canal eine wichtige Rolle (weltweiter Vertrieb für beide Fassungen), möglicherweise sah man aber auch einfach das Potential für ein brauchbares Star-Vehikel, das wenig kreative Eigenleistung fordert und sich rein über eine seichte Story und große Namen vermarkten lässt.

Doch das Projekt stand von Anfang nicht gerade unter einem guten Stern. Kein Name hielt sich sonderlich lange, keine Konstellation funktionierte. Tom Cruise, der früh auf der Besetzungsliste stand, konnte mit dem Skript von Julian Fellowes (etwa „Gosford Park“) wenig anfangen und holte sich stattdessen Christopher McQuarrie, der ihm bereits für „Valkyrie“ gute Dienste geleistet hatte, entschied sich dann aber doch lieber für den ähnlich gelagerten Nonsens „Knight and Day“. Zu den andere Namen, die zeitweise mit dem Film in Verbindung standen, gehören Charlize Theron, Sam Worthington, Lasse Hallström, Alfonso Cuarón, sowie der wenig bekannte britische TV-Regisseur Bharat Nalluri. Von Donnersmarck, der schließlich das Duo Depp/Jolie vor der Kamera hatte (zwischen denen es ernüchternd wenig funkt), war zwischendurch bereits wieder abgesprungen, kehrte dann aber doch wieder zurück und wird sich jetzt vermutlich mit dem Gedanken abfinden müssen, dass er seinen Einstand in Hollywood besser mit einem anderen Film gegeben hätte.

Man fragt sich allerdings nicht so ganz ohne Grund, warum er sich ausgerechnet dieses belanglose Remake ausgesucht hat. Mit der Comic-Variante permanenter Total-Überwachung jedenfalls (entweder durch ziemlich unfähige Ermittler oder solche, die vor Besessenheit blind sind), wie sie in „The Tourist“ durchexerziert wird, wirft er rückwirkend nicht gerade ein sonderlich vorteilhaftes Licht auf seinen Erstling. Doch was hat man sich von dem Mann, den die führende deutsche Boulevardpresse nur als „Oscar-Helden“ kennt, eigentlich erwartet? In Hollywood haben deutsche Regisseure traditionell in erster Linie die Aufgabe, möglichst kostengünstig und verlässlich zu arbeiten. Ein erkennbarer eigener Stil ist nicht gefragt. Wer jetzt allerdings zu denen gehört, die beklagen, dass von Donnersmarck damit auf dem Regiestuhl austauschbar geworden sei, der sollte doch noch einmal einen genaueren Blick auf das Debütwerk werfen und da auf (vergebliche) Stilsuche gehen.

Ein Dämpfer kann übrigens gar nicht schaden. Mit Schaudern mag man sich daran erinnern, wie von Donnersmarck seinen Oscar wochenlang durch die deutsche Medienlandschaft spazieren führte und es irgendwann so aussah, als sei die goldene Statue entgegen aller Logik zwischenzeitlich mit seinem Arm verwachsen. Dabei war seinem Film vor allem zweierlei zugute gekommen: Zum einen hatte Ulrich Mühe die Rolle seines Lebens gespielt (und dafür durfte er den Oscar dann auch einmal kurz halten), zum anderen profitierte „Das Leben der Anderen“ vom gängigen German-History-Bonus. Dahinter verbirgt sich das Phänomen, dass deutsche Filme immer dann im amerikanischen Ausland Beachtung finden, wenn sie sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzen. Dafür werden sie in aller Regel belohnt, denn der Mythos der zweiten Chance gehört nun einmal zum American Dream wie Zuckerguss zum Donut.

The Tourist | Johnny Depp

Jetzt also dreht er, der Europäer, das US-Remake eines französischen Originals, siedelt die Handlung in der unwirklichsten aller europäischen Städte an und gibt dabei zum Besten, dass er eines der zentralen Themen seines Erstlings auch auf komödiantische Weise betrachten kann. Mehr künstlerische Entleibung geht nicht. Und doch prangt der Name des Regisseurs am Ende in voller Breite auf der Leinwand (er hat einfach den längsten), ganz so, als sei dies tatsächlich sein Film.

Und das ist er natürlich nicht, denn „The Tourist“ gehört ganz Johnny Depp. Er übernimmt ihn nach etwa zehn Minuten von Angelina Jolie, die mal als Sophia Loren, mal als Audrey Hepburn herhalten muss und doch die meiste Zeit kaum über nett anzusehende Staffage hinausreicht. Mehr braucht es aber auch nicht, denn ihre Figur ist nur eine Marionette. Depp hingegen verlässt sich ganz auf sein komödiantisches Gespür und kann sich das auch locker leisten. Rollen wie diese spielt er mittlerweile im Halbschlaf und holt nichts desto trotz noch das Beste aus ihnen raus. So stolpert er im Pyjama über Ziegeldächer, wird wehrlos von einem Motorboot durch die Kanäle der Stadt geschleudert und teilt sich sogar geduldig eine Gefängniszelle mit Ralf Möller (ein sinnloser Cameo, der sich nur über die Besetzungsliste identifizieren lässt). Manchmal kann man sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass Depp den leicht naiven Mathematiklehrer mit Faible für Spionageromane eher zeigt als verkörpert. Denn hier und da lugt bei seinem Spiel weitaus mehr Weltgewandtheit und Eleganz hervor als eigentlich erlaubt sein dürfte. Aber wer will ihm das verübeln? [LZ]

OT: The Tourist (USA/F 2010). REGIE: Florian Henckel von Donnersmarck. BUCH: Florian Henckel von Donnersmarck, Christopher McQuarrie, Julian Fellowes. KAMERA: John Seale. MUSIK: James Newton Howard, Gabriel Yared. DARSTELLER: Johnny Depp, Angelina Jolie, Paul Bettany, Steven Berkoff, Rufus Sewell, Timothy Dalton. LAUFZEIT: 103 Minuten.

[Abbildungen © 2010 Kinowelt Filmverleih]

follow screenread on twitter | like screenread on facebook

Hinterlasse eine Antwort