Free-TV-Premiere: The Strain (Season 1) | Guillermo del Toro kann der Pilotfolge nur wenig Leben einhauchen

30. Juli 2015

The Strain | Staffel 1

Das Horrorgenre hat (jedenfalls in den USA) seinen festen Platz im Fernsehen eingenommen: „The Walking Dead“ bekommt gerade einen eigenen Zweitableger, „Bates Motel“ geht in die vierte Runde, „American Horror Story“ in die fünfte und auch sonst tut sich einiges auf dem TV-Bildschirm, was bis vor einer Weile noch der Kinoleinwand oder der reinen DVD-Auswertung vorbehalten war. Als man sich 2013 bei FX Network für „The Strain“ stark machte, war das Risiko also überschau- und der Boden fruchtbar. Sieben Jahre zuvor sah das noch ganz anders aus und Guillermo del Toro stand mit seiner Serienidee um eine epidemische Vampir-Invasion vor verschlossenen Türen.

Weil ihm die Story aber zu vielversprechend erschien, um resignierend mit der Schulter zu zucken, verwandelte er sie in eine äußerst erfolgreiche Romantrilogie (in Deutschland unter den Titeln „Die Saat“, „Das Blut“ und „Die Nacht“ erschienen), zu der er mit großer Wahrscheinlichkeit jedoch nicht mehr als ein ausgedehntes Exposé beitrug. Von der geradezu manischen Liebe zu skurril-morbider Ästhetik, die del Toros Filme so besonders machen, ist bei „The Strain“ jedenfalls nichts zu entdecken. Sprachlich bewegen sich die von Chuck Hogan (mit)verfassten Bücher maximal auf dem Niveau eines Dan Brown. Und über die Zeichnung der Charaktere will man lieber den Mantel des Schweigens legen.

Für die Verfilmung muss das nun zunächst einmal nichts heißen, denn die Geschichte hat durchaus ihren Reiz und bietet den notwendigen epischen Atem für eine Serie nach zeitgemäßen Standards. Mit einem versierten TV-Produzenten wie Carlton Cuse („Lost“ und eben auch „Bates Motel“) an Bord waren zudem gute Voraussetzungen geschaffen. Besonders groß fielen die Erwartungen an die Pilotfolge aus, denn hier übernahm del Toro selbst die Regie und etablierte so den Grundton. Umso nachhaltiger die Ernüchterung angesichts des lauwarmen Endproduktes, das nur mit wenigen echten Highlights aufwarten kann, an denen die Handschrift des Meisters abzulesen ist (abgesehen vom Neon-Look mit Anleihen bei „Pacific Rim“).

The Strain | Staffel 1

Eine Passagiermaschine auf dem Weg von Berlin nach New York wird Opfer eines übernatürlichen Zwischenfalls, der direkt aus der Twilight Zone stammen könnte: Aus dem Frachtraum schießt eine schwarze Gestalt empor und jagt dem Flugpersonal (verständlicherweise) eine Heidenangst ein. Kurz darauf steht die Maschine auf der Landebahn des JFK-Airports, stumm, eiskalt und ohne ein Lebenszeichen. Könnte ein Virus alle dahingerafft haben? Einsatz Dr. Ephraim Goodweather, seines Zeichens Star-Epidemologe. An Bord entdeckt er keine Zeichen für eine Erkrankung, wohl aber seltsame organische Schleimspuren und vier Überlebende, die sofort zur Quarantäne verdammt werden.

Währenddessen macht sich der alternde Antiquitätenhändler Abraham Setrakian (sinnig: alte Männer handeln mit alten Dingen) bereit, einen Kampf zuende zu führen, den er bislang nicht gewinnen konnte. Kernig überwältigt und entwaffnet er nebenbei ein Duo Ladendiebe, bevor er sein Haustier mit ein paar Tropfen Blut füttert: ein schlagendes Herz, das er in einer Art Aquarium hält. Parallel bereitet sich ein offensichtlich Untoter mit dem schönen NS-Namen Eichorst (Richard Sammel aus „Inglourious Basterds“) auf die Ankunft des namenlosen Bösen vor, das im Frachtraum der Berliner Maschine angereist ist – und zwar im Sarg.

Mehr muss man nicht wissen, denn viel mehr passiert auch nicht. Das Tempo ist behäbig bis zur Ermüdung. Die Dialoge jonglieren mit Klischees und schinden vor allem Zeit, denn die Figuren haben selten wirklich Relevantes oder gar Originelles zu sagen. Von Logiklöchern will man gar nicht erst anfangen und die Vorhersehbarkeit der meisten Story-Elemente fällt erschreckender aus als der Horror, den sie Serie tatsächlich verbreiten will. Das größte Manko allerdings ist die Hauptfigur, die wie eine Blaupause daherkommt und auch durch ihren Darsteller Corey Stoll (lieferte in der ersten Staffel von „House of Cards“ eine beeindruckende Leistung ab) nur sehr bedingt an Glaubwürdigkeit oder gar Identifikationskraft gewinnt.

The Strain | Staffel 1

Wenn wir Ephraim das erste Mal begegnen, ist er auf dem Weg zu einer Ehetherapie, denn – so ist das nun einmal bei leidenschaftlichen Wissenschaftlern, die mit ihrer Arbeit verheiratet sind – für Privates mit Frau und Kind ist nicht viel Zeit. Deshalb lebt das Paar in Trennung und Ehefrau Kelly will eigentlich umgehend mit ihrem neuen Freund zusammenziehen. Die Therapiesitzung artet zu einem Monolog aus, in den die Autoren alles an Info über Ephraim gezwängt haben, was ihnen zwischen die Finger gekommen ist:

Ehemaliger Alkoholiker, der jetzt nur noch Milch trinkt (die ihm selbst am Einsatzort im Tetrapack gereicht werden muss, damit er entspannt arbeiten kann). Liebender Vater und Ehemann, dessen Job aber zu wichtig ist, als dass er sich ausführlich seiner Familie widmen könnte (ob da wohl schon nach wenigen Sekunden das Smartphone klingelt, das er schmerzhaft zu ignorieren versucht?). Sozialer Scheuklappenträger, der bislang nicht mitbekommen hat, dass seine Frau bereits einen Neuen hat, mit dem sie am liebsten sofort zusammenziehen will (und von dem weder Ephraims Sohn noch – wie sich rasch zeigt – Kelly selber sonderlich viel hält). Und so weiter.

Was dabei besonders überrascht, ist die plakative Schnellcharakterisierung, die hier auffällig deplatziert wirkt – liegt doch eine der Stärken moderner TV-Serien gerade darin, sich ihren Figuren ohne Eile annähern und sie dem Zuschauer auf diesem Weg umso wirksamer nahebringen zu können. Davon ist hier nichts spürbar. Und das gilt nicht nur für den arg humorlosen Ephraim. Auch sonst wird auf allzu bewährte Figurenmuster gesetzt. Wenn etwa ein Pathologe beim Leichensezieren Neil Diamond hört, ist das nicht lustig, sondern einfach der kälteste Kaffee der Welt.

Insgesamt wirkt die Pilotfolge von „The Strain“ wie eine mittelmäßige Stephen-King-Verfilmung, bei der die Figuren zwar auf der Strecke geblieben sind, aber wenigstens die Monster noch überzeugen. Hier ist del Toro dann auch sichtbar zuhause, denn die wenigen, leider viel zu kurzen Sequenzen, in denen die dunkle Kreatur aus Berlin (oder doch eher den Karpaten?) auftaucht, lassen einem tatsächlich den Atem stocken. Will man seine Hoffnung für zukünftige Folgen hieran festmachen, könnte sich beharrliches Dranbleiben auszahlen. [LZ]

Pro7 zeigt „The Strain“ seit dem 29. Juli jeweils mittwochs ab 22.10 Uhr (Umprogrammierung nicht ausgeschlossen). Staffel 1 und 2 werden von 20th Century Fox Home Entertainment zudem in OmU-Fassung über VOD-Plattformen wie Amazon Instant Video als Digital Download angeboten.

The Strain | Staffel 1

[Abbildungen: 20th Century Fox Home Entertainment]

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