The Sinner | Im Käfig: Fesselnder Mehrteiler mit Jessica Biel und Bill Pullman

27. November 2017

[Lesedauer: ca. 2:00 Minuten]

Frage in die Runde: Wann genau ist das letzte Mal eine US-Serie nach einer deutschen Vorlage entstanden? Die wahrscheinlichste Antwort, die einem da einfällt: Nie. Dieser Umstand hat sich gerade geändert, denn auch wenn man die End Credits bis zum Schluss durchhalten muss, um den entscheidenden Hinweis zu lesen, beruht „The Sinner“ doch ausdrücklich auf dem gleichnamigen, bereits 1999 erschienenen Roman von Petra Hammesfahr. Im September vergangenen Jahres hatte USA Network zunächst einen Pilotfilm in Auftrag gegeben, im Januar dann die gesamte Serie. Erstausstrahlung: August. In Deutschland sind seit Anfang November alle acht Teile auf Netflix zu sehen. Das ist ein Tempo, mit dem das Kino einfach nicht mehr mithalten kann.

Inhaltlich hingegen hat man es hier mit klassischem Thriller-Material zu tun, das noch vor wenigen Jahren eher auf der großen Leinwand gelandet wäre. Doch für derartige Stoffe gibt es mittlerweile nur noch bedingt Raum, und die Ausnahmen (etwa „Gone Girl“) bestätigen lediglich die Regel. Gut also, dass sich Fernsehen und Streaming neue Märkte gesichert haben. Gefühlt ist „The Sinner“ jedenfalls die wesentlich längere TV-Version einer nicht existenten Kinofassung („Amphiebienfilm“ nannte man so etwas früher gern), ohne dabei jedoch zerdehnt oder gestreckt zu wirken. Im Gegenteil. Die acht einstündigen Folgen halten die Spannung konstant aufrecht und steuern Schritt für Schritt auf die nicht wirklich vorausahnbare Auflösung eines Rätsels zu, das die Geschichte trägt und mehr ist als bloßer McGuffin:

Cora Tannetti (Jessica Biel) führt mit Mann und Kind ein derart langweiliges Bilderbuchleben, dass man in den ersten Minuten eigentlich schon wieder abschalten will. Das ändert sich schlagartig, als die unbescholtene Ehefrau und Mutter an einem sonnigen Tag am Strand urplötzlich mit dem Obstmesser auf einen völlig Fremden einsticht. Siebenmal, bis er tot zusammensackt. Die Welt bricht über der Familie zusammen, Cora wird in Handschellen abgeführt. Niemand kann sich den Übergriff erklären, am wenigsten die junge Frau selbst. Auftritt Harry Ambrose (Bill Pullman), ein psychisch labiler Ermittler, der sich rasch am Fall festbeißt und bald schon Türen zu Coras Vergangenheit aufstößt, von denen sie selber nichts weiß.

The Sinner | Bill Pullman

The Sinner | Jessica Biel

Das ist ein bisschen Mystery, ein bisschen Ermittlerkrimi, ein bisschen Charakterdrama, uneitel, aber effektiv inszeniert (u.a. von Brad Anderson), flüssig und weitestgehend klischeefrei geschrieben, wenn auch nicht ganz unbelastet von Logiklöchern (aber Schwamm drüber). Nicht zuletzt sind es vor allem die Darsteller, die der gegen Ende skandalisierenden und bisweilen etwas überkonstruiert wirkenden Geschichte ihre Glaubwürdigkeit geben. Jessica Biel, die sich mit der Serie selber die Gelegenheit verschafft hat, schauspielerisch zu glänzen (sie fungiert als Executive Producer), reichert ihre über lange Zeit hinweg eher unergiebige Rolle mit jeder Menge emotionalem Auf und An an, kann der Dominanz von Pullmans gebeuteltem Ermittler aber nur bedingt standhalten. Natürlich ist das alles viel zu viel, was die Autoren Harry Ambrose auf die Schultern laden, doch gerade diese völlige Überforderung der Figur verschafft dem Spiel ihres Darstellers das nötige Maß an Zerrissenheit.

Man mag sich ein bisschen an Eberhard Feiks Tanner und dessen abgründige Vorliebe für dominant-voluminöse Frauen erinnert fühlen, wenn Ambrose, der pflanzendüngende Kleinbüger, sich dem Zuschauer gegenüber als hemmungsloser Masochist outet, der seiner außerehelichen Affäre und Dominatrix (muss man zukünftig im Auge behalten: Meredith Holzman) völlig ergeben ist. Doch genau dieser Bruch, der zu Beginn arg forciert daherkommt, lässt das Band zwischen ihm und Cora langfristig erst nachvollziehbar werden. Hier scheitern zwei Menschen an dem unkittbaren Riss zwischen dem Leben, das sie gerne führen wurden, und den Dämonen, die sie nicht in den Griff bekommen. Hier ist jeder ein Gefangener der Umstände – ein zentrales Motiv, an dem fast alle Hauptfiguren zu zerbrechen drohen.

Insgesamt ein weiteres Beispiel für die erzählerische Kraft der Miniserie, die nicht dem Zwang unterliegt, ins Unendliche fortgesetzt werden zu müssen. Optimale und fesselnde Kost für ein Binge-Wochenende. [LZ]

OT: The Sinner (USA 2017). REGIE: Antonio Campos, Tucker Gates, Brad Anderson, Cherien Dabis, Jody Lee Lipes. BUCH: Derek Simonds, Liz W. Garcia, Jesse McKeown, Tom Pabst. MUSIK: Ronit Kirchman. KAMERA: Radium Cheung, Jody Lee Lipes. DARSTELLER: Jessica Biel, Bill Pullman, Christopher Abbott, Nadia Alexander, Jacob Pitts, Meredith Holzman, Kathryn Erbe, Danielle Burgess, Eric Todd, Joanna Adler, Abby Miller, Dohn Norwood. LAUFZEIT: 480 Min. VÖ: 07.11.2017.

The Sinner | USA Network

[Abbildungen: USA Network]

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