The Secret Man | Filmkritik: Whistleblowing

05. März 2018

The Secret Man

[Lesedauer: ca. 2:00 Minuten]

Es ist für Amerika eine gute Zeit, um an aufrechte Frauen und Männer zu erinnern, die sich dem Druck antidemokratischer Kräfte in der eigenen Regierung entgegengestellt und damit nicht selten ihre Existenz aufs Spiel gesetzt haben. Gerade erst erzählt Steven Spielberg in „The Post“ eine solche Geschichte und erinnert gegen Ende in einem Atemzug an „All the President’s Men“, jenen Klassiker des politischen US-Kinos von 1976 über den Watergate-Skandal und dessen Protagonisten. Einer davon heißt dort lediglich „Deep Throat“ (damals Hal Holbrook), nach dem gleichnamigen Pornofilm, der die Nation mindestens so erschütterte wie die Verwicklung ihres Präsidenten in die Abhör-Affäre. Seinen echten Namen erfuhr die Öffentlichkeit erst 2005 und vergaß ihn auch gleich wieder. Dabei ist er in der Sache bis heute einer der bekanntesten Whistleblower nach Edward Snowden.

„Mark Felt: The Man who brought down the White House“ heißt dieser von Ridley Scott produzierte Film im Original, doch der hiesige Verleih hat sich für das dumme deutsche Publikum lieber einen anderen englischsprachigen Titel ausgedacht. Wer mit „The Secret Man“ allerdings einen Spionagethriller erwartet, wird sich enttäuscht sehen. Mehr Charakterdrama als alles andere erzählt der Film eine dialoglastige Heldengeschichte, die sich zumeist in Büros, Telefonzellen und an geheimen Treffpunkten wie einem Diner oder einer Tiefgarage abspielt. Der Zuschauer lernt Mark Felt als loyalen FBI-Veteranen kennen, der nach 30 Jahren im Dienst (und einer versagten Beförderung zum Direktor) mit seinem Gewissen hadert, weil die Unabhängigkeit der Behörde schleichend abgeschafft wird.

Felt wird der Washington Post entscheidende Informationen zuschustern und damit letztlich Nixon zu Fall bringen. Inhaltlich ist das nichts Neues, aber es hat seinen Reiz zu beobachten, wie die Bundespolizei nach und nach zum Machtinstrument eines korrupten Systems zu werden droht. Die These des Films ist eindeutig: Ohne Felts Verrat wäre das FBI vermutlich längst zum Spielball der jeweils amtierenden Regierung geworden. Von den außergewöhnlichen Umständen der Vereidigung des aktuellen Direktors Christopher Wray (Trump blieb der Vereidigung aufgrund der laufenden Ermittlungen gegen ihn fern) ahnten die Macher freilich nichts. Der US-Starttermin fiel ironischerweise auf den Folgetag.

The Secret Man | Liam Neeson, Julian Morris

Dass Liam Neeson die Hauptrolle spielt, fällt eigentlich unter Typecasting, aber es ist eine gute Wahl. Felt könnte körperlich kaum weiter von den immer noch überaus erfolgreichen Action-Recken entfernt sein, die der inzwischen 65-Jährige ansonsten weiterhin verlässlich abliefert. Die Gesten sind zurückhaltend, die Wangenknochen hoch, die Haare weiß (eine sichtbare Tönung, an die man sich erstmal gewöhnen muss). Felt ist kein Mann der schnellen Tat. Er beobachtet, plant, legt Köder aus, folgt Fährten. Und er macht sich die Entscheidung nicht leicht. Als er den Verrat begeht, hat er alle anderen Optionen sorgfältig ausgeschlossen.

Es gibt einen nicht ganz uninteressanten Nebenstrang, der sich um seine verschwundene Tochter und deren mögliche Verbindung zu den Weatherman dreht, einer linksradikalen Untergrundorganisation, die für Bombenattentate auf Regierungseinrichtungen bekannt war. Neben ein bisschen privatem Konflikthintergrund, der eher halbgar abgehandelt wird (zahlreiche Szenen mit Diane Lane als Felts Ehefrau haben es nicht in den fertigen Film geschafft), ist es vor allem das durchaus fragwürdige und eigenmächtige Vorgehen des FBIlers in diesem Zusammenhang, das der ansonsten vielleicht zu makellosen Figur ein bisschen Reibungsfläche und Balance verschafft – wenn auch nur in sehr überschaubarem Rahmen.

Dass es „The Secret Man“ letztes Jahr tatsächlich zu einer deutschen Kinoauswertung gebracht hat, ist weitestgehend eher untergegangen. Für den kleineren Bildschirm reicht die solide TV-Ästhetik allerdings auch vollkommen aus. Völlig befremdlich gerät ein winziger Auftritt von Eddie Marsan als CIA-Agent, der wie ein Besucher aus einem anderen Film wirkt, den es leider nicht gibt. [LZ]

OT: Mark Felt: The Man Who Brought Down The White House (USA 2017). REGIE: Peter Landesman. BUCH: Peter Landesman. MUSIK: Daniel Pemberton. KAMERA: Adam Kimmel. DARSTELLER: Liam Neeson, Marton Csokas, Diane Lane, Josh Lucas, Tony Goldwyn, Michael C. Hall, Tom Sizemore, Julian Morris, Kate Walsh, Bruce Greenwood, Eddie Marsan, Noah Wyle. LAUFZEIT: 99 Min (DVD), 103 Min (Blu-ray). VÖ: 09.03.2018.

[Abbildungen: Wild Bunch Germany]

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