The Saints – Sie kannten kein Gesetz | Filmkritik

04. Mai 2015

The Saints

Braunstichige Bilder, eine im ländlichen Milieu angesiedelte Handlung und ein junges Outlaw-Pärchen in Schwierigkeiten – kundige Cineasten dürften bei David Lowerys zweitem Spielfilm unweigerlich an Klassiker wie Arthur Penns „Bonnie und Clyde“ oder Terrence Malicks „Badlands“ denken. Gangsterroadmovies, die im New-Hollywood-Kino der 1960er und 1970er Jahre entstanden – einer Epoche, die von kreativer Freiheit, kritischer Selbstbeschau und Entlarvung vermeintlicher Gewissheiten geprägt war. Lowery, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, beschwört mit „The Saints [bzw. Ain't Them Bodies Saints]“ ganz bewusst den Geist berühmter Couple-on-the-Run-Erzählungen, treibt seine Geschichte aber in eine andere, ebenfalls sehr spannende Richtung.

Wie Hauptdarstellerin Rooney Mara im Bonusmaterial von DVD und Blu-ray treffend analysiert, beginnt der Film im Grunde genommen dort, wo Penns und Malicks Genre-Meilensteine enden: Ruth (Mara) und Bob (Casey Affleck), die ein gemeinsames Kind erwarten, werden nach einem Überfall von der Polizei umzingelt und in einen Schusswechsel verwickelt, bei dem der Beamte Patrick Wheeler (Ben Foster) eine Verwundung davonträgt. Als die beiden Kriminellen aufgeben, nimmt Bob alle Verantwortung auf sich und bewahrt damit seine Freundin, die eigentliche Schützin, vor einer Gefängnisstrafe. Während er die nächsten Jahre in Haft verbringt, zieht Ruth unter den wachsamen Augen von Bobs Ziehvater Skerritt (Keith Carradine) ihre Tochter Sylvie groß und führt ein halbwegs normales Leben. Bis zu dem Tag, an dem Wheeler vor der Tür steht und sie informiert, dass ihrem Partner die Flucht aus der Haftanstalt geglückt ist.

The Saints

Viele Filmemacher hätten eine solche Prämisse wohl für ein nervenzerrendes, wendungsreiches und actionhaltiges Katz- und Mausspiel genutzt. Lowery jedoch verfolgt eine andere Agenda. Das unterstreicht schon der Umgang mit handlungsauslösenden Momenten wie dem Überfall und Bobs Ausbruch, die bildlich ausgespart werden. Der Fokus liegt eindeutig auf den Figuren, ihren Ängsten, Sorgen und Sehnsüchten und nicht auf konventionellen Erregungsmustern. Das wilde, rauschhafte Outlaw-Dasein ist nach dem Einstieg vorbei und macht Platz für eine durchaus vielschichtige Charakterstudie, die sich um bedingungslose Liebe und elterliche Verantwortung dreht.

Interessant ist dabei vor allem die ambivalente, nicht leicht zu durchschauende Führung der Protagonisten, die dem Geschehen eine innere Spannung verleiht. Was empfindet Ruth nach all den Jahren der Trennung für ihren Freund? Warum drängt sich Wheeler behutsam, aber nachdrücklich in das Leben von Mutter und Kind? Und wozu ist der bärbeißige Skerritt fähig, der sich als Ordnungshüter der texanischen Kleinstadt geriert? Fragen, die mit der Zeit an Gewicht gewinnen und bisweilen eine gewaltige emotionale Strahlkraft entfalten – was nicht zuletzt auch ein Verdienst des überzeugenden Schauspielerensembles ist, aus dem Rooney Mara („Verblendung“) mit einer nuancierten, zurückgenommenen, aber dennoch berührenden Performance heraussticht.

Obwohl der Plot selbst nicht allzu viel hergibt, gelingt es Lowery, jeglichen Anflug von Monotonie oder Langweile zu unterdrücken, da er immer wieder gekonnt zwischen unterschiedlichen Genres und Stimmungen hin- und herpendelt. Fühlt man sich aufgrund des Settings und einer auftauchenden Kopfgeldjägerbande mitunter wie in einem rauen Western, verbreiten die betörend schönen Landschaftsaufnahmen (Kamera: Bradford Young, „A Most Violent Year“) eine fast schon meditative Atmosphäre, die durch die melancholischen Originalkompositionen (ein Newcomer: Daniel Hart) noch verstärkt wird. „The Saints“ ist sicherlich kein Werk für ein breites Publikum, all denen, die an nachwirkenden, figurenzentrierten Filmerzählungen interessiert sind, jedoch wärmstens zu empfehlen. [Christopher Diekhaus]

Aint Them Bodies Saints

OT: Ain’t Them Bodies Saints (USA 12013) REGIE: David Lowery. BUCH: David Lowery. MUSIK: Daniel Hart. KAMERA: Bradford Young. DARSTELLER: Rooney Mara, Casey Affleck, Ben Foster, Keith Carradine, Kennadie Smith, Jacklynn Smith, Nate Parker, Robert Longstreet, Charles Baker, Augustine Frizzell. LAUFZEIT: 97 Min. VÖ: 19.03.2015.

The Saints

[Abbildungen: Koch Media GmbH]

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