The Revenant | Filmkritik: Wiedergeburt aus dem Pferdeleib

15. Januar 2016

The Revenant

Selbst durch Ryuichi Sakamotos schwermütige Musik weht ein eiskalter Wind. In den langen Pausen zwischen den Noten behauptet er seine Präsenz, verstörend unaufdringlich, und deshalb umso unerbittlicher. Die Natur handelt nicht, zwingt nicht, zögert nicht. Unbeeindruckt vom Menschen, der an ihr zerbricht, folgt sie ihren Gesetzen. Wer sich ihnen ausliefert, muss bereit sein, auf der Strecke zu bleiben. Geschichten darüber können nur vom Überleben erzählen, vom beständigen Aufschub des Unvermeidlichen. Um das zu begreifen, muss man es am eigenen Leib erfahren. Nichts anderes will dieser Film erreichen und deshalb ist „The Revenant“ physisches Kino in Reinform.

Sie bleibt eine einfache Geschichte, diese uramerikanische Legende vom Trapper Hugh Glass, der nach einem Bärenangriff schwer verletzt in der Wildnis zurückbleibt, ganz auf sich gestellt Hunger, Eis und Schnee widerstehen muss, um am Ende gegen alle Wahrscheinlichkeit mit dem Leben davonzukommen. Bei Iñárritu wird eine Parabel der Schmerzen daraus, eine alttestamentarisch anmutende Leidensprüfung, die lange vor dem Film beginnt und keine Erlösung gewährt, bevor nicht alles zuende erzählt ist. Ein einziges Mal will Glass aufgeben, die Augen schließen und sein Leben beenden lassen, doch das Schicksal – oder Gott – lässt nicht mit sich handeln. Wie zur Strafe wird ihm umgehend das Wertvollste genommen, was er besitzt: sein Sohn.

Das unerschlossene Grenzland Nordamerikas der frühen 1820er Jahre ist eine archaische Welt mit archaischen Regeln. Wo Menschen auftauchen, fließt Blut. Darüber lässt der Film keinen Zweifel, wenn er die Gruppe Felljäger, denen der Trapper angehört, schon nach wenigen Minuten einem gnadenlosen Indianerangriff aussetzt. Pfeile zischen durch die Luft, Männer stürzen tödlich getroffen, das Lager wird überrrant. Außer Flucht bleibt nicht viel übrig. Kurz darauf erzählt Fitzgerald (der omnipräsente Tom Hardy) – rassistischer Gegenspieler von Glass und späterer Mörder seines Halbblut-Sohnes (wie es bei Karl May heißen würde) – wie er skalpiert wurde, verbittert, hasserfüllt und in allen Details. Gott begegnet ihm als Eichhörnchen, das er tötet und sich einverleibt. Wer will es ihm verübeln?

Denn auch Fitzgerald ist ein Überlebenskämpfer und als solcher das monströse Spiegelbild von Glass (aber sind das die großen Gegenspieler nicht immer?). Man mag ihn feige nennen, doch das wäre zu einfach. Der Film braucht ihn dringend, um funktionieren zu können, weil er anders keine emotionale Grundlage für den Zurückgelassenen und seine Wiederauferstehung aus Eis und Schnee anzubieten hätte. Über den historischen Glass gibt es nicht viel zu sagen und so erfinden die Autoren ihm einen Sohn hinzu, eine tote Frau und den grausamen Verrat durch seinen Kameraden, dessen Geschichte er parallel miterzählt.

The Revenant

„The Revenant“ ist ein Film der Extreme, vor der Kamera und dahinter nicht weniger. Wenn sich die Figuren halb zu Tode frieren, haben es ihre Darsteller ebenfalls getan (und das gilt eben nicht nur für Leonardo DiCaprio). Wenn rohes Fleisch gegessen, im dampfenden Inneren eines Pferdes übernachtet oder jemand nackt über den eisigen Boden gezerrt wird, ist garantiert kein Trick dabei. Gefilmt wurde ausschließlich mit natürlichem Licht, und wenn der Atem der Schauspieler die Kamera vorübergehend in Nebel taucht oder ein paar Spritzer Blut auf der Linse landen, bestärkt das den Realismus auf der Leinwand nur noch mehr. Hätte Werner Herzog jemals ein Budget wie Iñárritu in die Hand bekommen, wäre das Ergebnis vermutlich ähnlich ausgefallen.

Nur dort, wo es einfach nicht anders ging, beim Angriff des Bären, musste mit CGI gearbeitet werden. Und doch ist man für einen Moment gewillt zu glauben, dass auch hier kein doppelter Boden im Spiel war. Ohne Schnitt und mit dem äußerst möglichen Realismus wird Glass mehrfach so gnadenlos attackiert, dass es einen beim Zuschauen in den Sitz presst. Vergleichbares hat es auf der Leinwand zuvor nicht zu sehen gegeben. Niemand würde sich unter normalen Bedingungen hiervon jemals wieder erholen können, und so bedarf es mehrerer symbolischer Wiedergeburten, um Überleben und Genesung des schwer verletzten Protagonisten zumindest ansatzweise akzeptabel zu halten (Glass entsteigt nacheinander seinem eigenen Grab, einem provisorischen Tipi, das ihm ein indianischer Seelenverwandter baut, und schließlich dem bereits erwähnten Pferdeleib).

Spätestens damit bricht der Mythos in die Erzählung ein. Immer wieder geht der Blick zum Himmel, durch kahle Baumwipfel hindurch, einen erlösenden Gott suchend, der Glass wiederholt in Gestalt seiner verstorbenen Frau erscheint. Mehr als einmal wähnt man sich in solchen Augenblicken in einem Film von Terrence Malick, mit dem sich Iñárritu nicht zum ersten Mal den Bildermagier Emmanuel Lubezki teilt. Doch während der große Unsichtbare die visuelle Überwältigung vor allem einsetzt, um sie bedeutungsschwer aufzuladen, hat sie hier in erster Linie den Zweck, eine direkte physische Wirkung zu entfalten. Auf dem iPhone funktioniert das natürlich nicht.

So ist „The Revenant“ auf seine Weise auch ein Film über das Überleben des Kinos jenseits von 3D, ein cineastischer Kraftakt, der nach großer Leinwand, einem dunklen Saal und Dolby 7.1 verlangt, um zu seinem Publikum sprechen zu können. Wer sich lieber eine Raubkopie zieht oder legalerweise auf DVD und Blu-ray wartet, ist selber schuld. Und nicht zuletzt hat Iñárritu nach „Birdman“ erneut einen eigenwilligen Zugang zu jenem Universum gewählt, von dem er sich ansonsten offiziell uneingeschränkt distanziert – dem der Superhelden. [LZ]

OT: The Revenant (USA 2015). REGIE: Alejandro González Iñárritu. BUCH: Alejandro González Iñárritu, Mark L. Smith. MUSIK: Ryuichi Sakamoto, Alva Noto. KAMERA: Emmanuel Lubezki. DARSTELLER: Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck, Paul Anderson, Kristoffer Joner, Joshua Burge. LAUFZEIT: 156 Min.

The Revenant

[Abbildungen: 20th Century Fox]

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