Home Invasion: THE PURGE vs. YOU’RE NEXT

09. November 2013

You're Next

Wenig ist so beunruhigend wie die Vorstellung, dass ausgerechnet der sicherste aller Orte – das wohlbehütete Eigenheim – zum Szenario höchster Bedrohung wird. Der Topos hatte spätestens mit William Wylers Klassiker „The Desperate Hours (dt. An einem Tag wie jeder andere)“ nicht nur seinen festen Platz im US-Kino eingenommen, sondern im gleichen Zug auch eine Art Blaupause erhalten. Irgendwo zwischen Thriller und Urban Horror angesiedelt (einer Spielart des Genres ohne übernatürliche Elemente), bieten die meisten Filme der Kategorie „Home Invasion“ eine deutliche Schwarzweiß-Zeichnung mit klar verteiltem Gut/Böse-Schema. Zwei aktuelle Beispiele widersetzen sich dieser Regel auf leidlich originelle Weise.

Dabei ist die Grundidee in beiden Fällen interessanter als die Ausführung. Im Fall von „The Purge“ wird das Eindringen in fremden Wohnraum mit einhergehendem Abschlachten der Bewohner für eine einzige Nacht im Jahr legalisiert, um (kein Witz) die Kriminalitätsrate niedrig zu halten. Unter den potentiellen Opfern: ausgerechnet ein Verkäufer von Sicherheitssystemen, die vor den Übergriffen schützen sollen. Was Autor und Regisseur James DeMonaco mit dem reizvollen Konzept jedoch insgesamt anfängt, ist über weite Strecken ernüchternd konventionell.

Als die staatlich sanktionierte zwölfstündige Phase völliger Gesetzlosigkeit beginnt, lässt Familie Sandin die Rolläden herunter und verwandelt das eigene Vorstadtheim in einen Hochsicherheitstrakt. Doch dann beobachtet der Sohn über die Außenkameras, wie ein Unschuldiger gejagt wird. In einem Anflug von Mitleid lässt er den Fremden rein. Das gefällt dem Lynchmob draußen gar nicht und so gibt es nur eine Alternative: Entweder geben die Sandins das unbekannte Opfer frei oder die Familie muss selber dran glauben. Ein moralisches Dilemma.

Ein moralisches Dilemma? Wo soll das herkommen? Offenbar ist das Purge-Konzept seit Jahrzehnten etabliert und ohne Widerstände von der gesamten US-Bevölkerung angenommen worden. Dass sich bei den Kindern der Sandins (nach wie vielen Jahren?), sowie später gar den Eltern plötzlich das Gewissen regt, ist schlichtweg Nonsens. Vater Sandin (Ethan Hawke), der bislang passiv an der regulierten Anarchie mitverdient hat, wandelt sich im Angesicht der drohenden Hinrichtung eines Fremden quasi von hier auf jetzt vom Saulus zum Paulus: Ein NS-Schreibtischtäter, der beim Wochenendausflug nach Dachau geläutert wird.

The Purge

The Purge

Als reiner Thriller funktioniert das alles einigermaßen, doch mehr ist nicht drin. Fast jede Angriffssequenz ist auf die letzte Sekunde ausgerichtet und man kann davon ausgehen, dass immer genau dann ein rettender Schuss fällt, wenn eine Axt oder ähnliches zum finalen Stoß angehoben wird. Der Mob zeigt sich nur mit grinsenden Masken und sein Anführer geht bestenfalls als cartoonartige Joker-Parodie durch. Einzig Lena Headey trägt dazu bei, dass sich zumindest im letzten Akt ein gewisses Identifikationspotential mit den Figuren ergibt – ein Element, das dem Film ansonsten eher abgeht.

Das meiste Potential verschenkt „The Purge“ allerdings auf Täterseite. Wenn die Masken gelüftet werden, gibt es keine Gesichter zu sehen, die zuvor in irgendeiner Form vorgestellt worden wären. Das Grauen des Wandels vom freundlichen Nachbarn zum gierigen Schlächter findet lediglich als Grundriss statt, findet aber keinerlei emotionalen Boden. Einen Blick in die Abgründe spießbürgerlicher Gewaltbereitschaft zu wagen, spart der Film aus und gibt sich stattdessen mit einer oberflächlicher Simulation zufrieden.

Die Aggression des Durchschnittsbürgers durch eine Art gewalttätige Freihandelszone zu kanalisieren, ist im dystopischen Scifi-Umfeld ein vielfach variiertes Thema, das gerade erst mit der „Hunger Games“-Reihe eine neue Breitenwirksamkeit gewonnen hat. Kein Wunder also, dass „The Purge“ in den USA durchaus exzellente Einspielergebisse generieren konnte.

Dass der Film dabei nicht viel mehr als ein B-Movie ohne weiteren Tiefgang ist, kann man zwar bedauern, doch wo Michael Bay seine Produzentenfinger mit im Spiel hat, ist naturgemäß nicht viel Feinsinn zu erwarten. Wer die Hoffnung nicht aufgeben will, dass die unvermeidliche und bereits in Arbeit befindliche Fortsetzung ein bisschen mehr Mut zum Risiko beweist, darf sich mit einiger Berechtigung als Optimist bezeichnen.

The Purge

Was Konventionen angeht, wählt „You’re next“ genau den entgegengesetzten Weg und gibt sich im ersten Akt als vorhersehbaren Genre-Beitrag ohne besondere Vorkommnisse. Ein Familientreffen in einem (selbstverständlich) abgelegenen Ferienhaus, dient als Ausgangssetting. Die Stimmung zwischen den einzelnen Geschwistern und Partnern ist nicht die beste, doch als einer der Beteiligten (ausgerechnet „The Innkeepers“-Regisseur Ti West) während des Abendessens von einem (auch hier wieder und seit „The Strangers“ offenbar unvermeidlich) maskierten Bogenschützen erschossen wird, haben alle Differenzen unmittelbar ausgedient.

Eine ganze Bande ist offenbar hinter der Familie her und dezimiert den Clan einen nach dem anderen. Zertrümmerte Handys und manipulierte Autos sprechen für eine Planung von langer Hand. Doch wie sich zeigt, sind die Killer nicht die Hellsten, und Tochter Erin (Sharni Vinson, „Bait“) erweist sich dank jahrelangen Trainings in einem australischen Überlebenscamp als versierte Jägerin, die den Eindringlingen gründlich den Tag versaut (eine ähnliche Konstellation war zuletzt in Steven C. Millers ungleich originellerer „Home Alone“-Variante „The Aggression Scale“ zu sehen).

Es gibt einen unerwarteten Twist im letzten Drittel, der den Film im Nachhinein zur absurde Komödie erklärt und die Rollen der einzelnen Beteiligten neu ordnet, doch die Perspektive auf alles bis dato Gezeigte ändert sich dadurch nur geringfügig. Im Wesentlichen funktioniert die ganze Angelegenheit zunehmend als Nummernrevue mit Figuren, die dem Abzählreim der Geschichte als Fallobst dienen und sonst keinen erwähnenswerten Eindruck hinterlassen. Spannung und Identifikation mit irgendwem bleiben weitestgehend aus.

You’re next

Insgesamt ist „You’re next“ eher ein FinalGirl-Movie, das sich selber nicht allzu ernst nimmt und dabei streckenweise durchaus parodistische Züge annimmt. Am Ende führt die neu entstandene Konstellation das definierende Prinzip von Home Invasion gründlich ad absurdum. Möglicherweise hatten Autor Simon Barrett und Regisseur Adam Wingart (der im selben Jahr auch die unbequeme Rape-Anthologie „What fun we were having“ ablieferte) ein Stück weit „The Cabin in the Woods“ im Hinterkopf. Der Meta-Grad hält sich allerdings in Grenzen.

Im direkten Vergleich hat die humorlose „Purge“-Invasion fraglos das vielversprechendere Grundkonzept zu bieten, wird diesem jedoch nicht einmal ansatzweise gerecht – von so manchen Logiklöchern und Schludrigkeiten ganz abgesehen (ein Zimmer, in dem man seine Kinder vor Zugriffen von außen bewahren will, sollte man doch zumindest abschließen). „You’re next“ serviert im Gegensatz dazu sorgloses Abstechen und Niederschießen, bei dem einem die Figuren so herzlich egal sind, dass völlig egal ist, ob ihr Handeln Sinn macht. Als Doppelfeature eine kurzweilige Angelegenheit. [LZ]

OT: The Purge (USA/FR 2013) REGIE: James DeMonaco. BUCH: James DeMonaco. MUSIK: Nathan Whitehead. KAMERA: Jacques Jouffret. DARSTELLER: Ethan Hawke, Lena Headey, Max Burkholder, Adelaide Kane, Edwin Hodge, Rhys Wakefield, Arija Bareikis. LAUFZEIT: 82 Min (DVD), 85 Min (Blu-ray). VÖ: 17.10.2013

OT: You’re Next (USA 2011) REGIE: Adam Wingard. BUCH: Simon Barrett. MUSIK: Mads Heldtberg, Jasper Justice Lee, Kyle McKinnon. KAMERA: Andrew D. Palermo. DARSTELLER: Sharni Vinson, Nicholas Tucci, Wendy Glenn, AJ Bowen, Joe Swanberg, Ti West, Amy Seimetz, Rob Moran, Barbara Crampton, Simon Barrett, Larry Fessenden. LAUFZEIT: 95 Min.

You're Next | Poster

The Purge | DVD-Cover

[Abbildungen: Universal Pictures International (The Purge) | Splendid Film (You're Next)]

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