The Promise – Die Erinnerung bleibt | Filmkritik: Genozid ist Genozid ist Genozid

20. August 2017

The Promise

[Lesedauer: ca. 3:00 Minuten]

Hier kommt der feuchte Traum eines jedes Filmproduzenten: Ein milliardenschwerer Gönner greift in die Portokasse und stellt mal schnell 90 Millionen Dollar für sein eigenes Wunschprojekt bereit. Da überlegt man nicht lange, sondern gibt ein Drehbuch in Auftrag, sucht sich Cast und Crew zusammen, sichert sich zugkräftige Namen und lässt die Kameras laufen. So oder ähnlich geschehen im Fall von „The Promise“, einem der größten Kassenflops des ersten Halbjahres 2017. Kirk Kerkorian, einstiger Eigner von MGM, Hauptaktionär von Chrysler und mächtiger Strippenzieher in Las Vegas, hatte sich einen Film über den armenischen Völkermord gewünscht und dafür nahezu das gesamte Budget zur Verfügung gestellt. Das fertige Produkt bekam er zwar nicht mehr zu sehen, verstarb im Juni 2015 aber zumindest mit dem sicheren Wissen, dass sein Wunsch in Erfüllung gehen würde.

Das Thema ist mehr als heikel, denn bis heute wehrt sich die Türkei nachdrücklich gegen die Begriffe Völkermord und Genozid. Als der Bundestag kürzlich eine diesbezügliche Resolution beschloss, die unter anderen „die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches“ thematisierte und dabei ausdrücklich von der „fast vollständigen Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich“ sprach, drohte die türkische Regierung in Gestalt ihres Präsidenten umgehend mit „ernsten“ Folgen und forderte gar eine Blutuntersuchung türkischstämmiger Bundestagsabgeordneter (nach was eigentlich?). Vielleicht hat sich der deutsche Verleih auch deshalb mit Werbemaßnahmen zurück- und die Kopienzahl klein gehalten. Der Kinostart am 17. August blieb jedenfalls deutlich unter dem Radar. Dass sich das Verhältnis zur Türkei ausgerechnet am selben Wochenende noch einmal verschärfen würde, konnte vorab zwar niemand ahnen, macht die Lage für einen Film wie diesen aber nur noch schwerer.

The Promise

Dass „The Promise“ unabhängig davon ein ziemlich undifferenziertes Bild der Türken als Ottomanen zeichnet, lässt sich schwerlich leugnen. Bestechliche Staatsbedienstete und eine fanatisierte Masse aus Schlägern und Schlächtern ist so ziemlich alles, was man von ihnen zu sehen bekommt. Da hilft auch eine Alibifigur, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegen das eigene Volk stellt, nur bedingt weiter, denn als Ausnahme bestätigt sie leider nur die Regel, die der Film ansonsten ungefiltert durchexerziert. Derartige Schwarz/Weiß-Tendenzen einmal beiseite gelassen, bleibt aufwendig gemachtes Historienkino übrig, das gerne irgendwo zwischen „Doktor Schiwago“ und „Schindlers Liste“ stattfinden würde, dafür aber weder die Epik noch die künstlerische Klasse der beiden großen Vorbilder aufweisen kann – was nicht heißt, dass die Auftragsarbeit für den geschichtsbewußten Kerkorian (übrigens gebürtiger Halbarmenier) grundsätzlich gescheitert wäre.

Etwas tönern balanciert der Film auf dem Schicksal des (fiktiven) armenischen Apothekers Mikael, der sein Dorf verlässt, um in Konstantinopel Medizin zu studieren, und nach dem Einzug den Türken in den Ersten Weltkrieg am eigenen Leib erfahren muss, wie der Hass auf sein Volk zunehmend um sich greift (ohne dass die Hintergründe auch nur ansatzweise erklärt würden) und schließlich in Deportation und massenhafte Tötungen umkippt. Regisseur und Drehbuchautor Terry George („Hotel Runada“) dichtet ihm zusätzlich noch eine Liebesgeschichte in Form einer Ménage à trois hinzu, die nie so richtig Fahrt aufnimmt, weil die historischen Ereignisse den Film weitestgehend dominieren.

Ein bisschen arg konstruiert gerät die Figur eines amerikanischen AP-Journalisten, dessen Funktion es vor allem zu sein scheint, den Umgang des Regimes mit unabhängigen Berichterstattern vorzuführen. In offensichtlicher Parallele zur gegenwärtigen Praxis wird er später im Film mit dem Vorwurf der Spionage festgesetzt und damit mundtot gemacht. Ansonsten darf er vor allem angetrunken poltern, eifersüchtig sein (er ist der zweite Mann im Liebesdreieck) und aus dem Hut gezauberte Heldentaten begehen, die sich Darsteller Christian Bale oder sein Management möglicherweise ins Drehbuch haben tippen lassen. Co-Autorin Robin Swincord („Der seltsame Fall des Benjamin Button“), von der eine frühe Version der Geschichte stammt, schreibt die Figur jedenfalls gänzlich dem Regisseur zu und erkennt ihr ursprüngliches Konzept auch sonst nur bedingt wieder [1].

The Promise | Christian Bale

Look und Ausstattung sind makellos, doch das Schicksal der Protagonisten kann einen lange Zeit seltsam kalt lassen – vielleicht weil sie nicht so richtig ausgearbetet sind, vielleicht weil es weniger um sie als um den historischen Hintergrund geht, den sie bebildern helfen. Dass alle Hauptdarsteller im Original mit antrainierten Akzenten sprechen, sorgt zusätzlich für eine gewisse künstliche Distanz (der Guatemalteke Oscar Isaac und die Kanadierin Charlotte Le Bon spielen Armenier, die auch untereinander Englisch reden, der Walise Bale einen Amerikaner). Andererseits bietet „The Promise“ Sequenzen von erschütternder Dramatik, die sich durchaus einbrennen, für einen umfassend nachhaltigen Effekt alleine aber nicht ausreichen. Ein wirklich großer Film über den armenischen Genozid steht also eher noch aus (Fatih Akins „The Cut“ ist es jedenfalls auch nicht).

Wie seltsam es klingen mag, aber die größte Tragik stellt sich bei den End Credits ein, über die ein (hemmungslos vor sich hin schmachtender und) eigens für den Film geschriebener Song des kürzlich verstorbenen Chris Cornell zu hören ist, mit dem man – wie mit so vielem anderen – vermutlich auf die Oscars geschielt hat. Wir wüssten zudem wirklich gerne, was Jean Reno für seinen völlig überflüssigen Cameo-Auftritt in schneidiger Kapitänsuniform kassiert hat. [LZ]

OT: The Promise (USA/ES 2016). REGIE: Terry George. BUCH: Terry George, Robin Swicord. MUSIK: Gabriel Yared. KAMERA: Javier Aguirresarobe. DARSTELLER: Oscar Isaac, Charlotte Le Bon, Christian Bale, Marwan Kenzari, Angela Sarafyan, Shohreh Aghdashloo, James Cromwell, Kevork Malikyan, Tom Hollander, Jean Reno. LAUFZEIT: 133 Min.

The Promise | Filmplakat

[Abbildungen: Capelight]

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