The Nightmare (2015) | Filmkritik: Nächtliche Besucher

30. Oktober 2015

The Nightmare

Wer nachts schon einmal aufgewacht ist, ohne sich bewegen zu können, und dabei Verstörendes gehört und gesehen zu haben glaubt, der gehört aller Wahrscheinlichkeit nach zu den geschätzten 6% der Weltbevölkerung, die unter dem weitestgehend unerforschten Phänomen der Schlafparalyse leiden. Den Schweden Filip Tegstedt hat das Thema 2011 zu seinem vielgepriesenen Horrorfilm „Marianne“ angeregt, Rodney Ascher („Room 237“) jetzt zu einer Dokumentation mit illustrierenden Spielsequenzen. Acht Betroffene berichten von ihren Erfahrungen und lassen dabei beunruhigende Parallelen erkennen.

Fast immer tauchen die Symptome erstmals in der frühen Kindheit auf. Besonders eindringlich berichtet einer der Gesprächspartner von einer Episode aus einer Zeit, da er noch im Gitterbett geschlafen habe. Fremde Gestalten seien da durch die Tür in sein Zimmer eingedrungen, breit grinsend und seltsam leuchtend wie eine Sendestörung im analogen Fernsehen. Bei den meisten anderen haben die fremden Besucher kein Gesicht und bleiben dunkle, dreidimensionale Schattenwesen, manchmal mit einem huttragenden Anführer. Gemeinsam ist allen Fällen die grundsätzliche Hilflosigkeit der Betroffenen: eine vorübergehende Lähmung am ganzen Körper bei vollem Bewußtsein.

The Nightmare

Wem das schon unheimlich genug ist, liest besser gar nicht erst weiter, und die Finger vom Film selber lässt er sowieso. Dabei ist der weniger erschreckend als er gerne wäre. Die einzelnen Berichte inszeniert Ascher mit Schauspielern und verzerrten Bildern nach, macht dabei aber wiederholt die Künstlichkeit dieses Ansatzes deutlich. Das nützt weniger als dass es schadet, zumal es die Vorstellungskraft des Zuschauers, der andernfalls lediglich die Erzählungen der interviewten Personen zur Verfügung hätte, deutlich entlastet. Nichts ist weniger gruselig als ein Schauspieler in schwarzem Ganzkörperkostüm, der vom Regisser als solcher kenntlich gemacht wird. Episches Theater lässt einem eher selten die Haare zu Berge stehen (außer vielleicht vor Ärger).

Viel beunruhigender sind da die langen Monologe der Befragten, egal wie abenteuerlich sie streckenweise erscheinen mögen (Verletzungen und Vergewaltigungen durch die nächtlichen Besucher, außerkörperliche Erfahrungen und sogar Rangeleien mit den Schattenwesen). Das liegt in erster Linie daran, dass man den acht Personen, die Ascher vor die Kamera geholt hat, den Schrecken in den Augen ablesen kann. Dass hier auch nur einer dabei sein könnte, der sich seine Erfahrungen des Grauens bloß ausdenkt, darf man wohl ausschließen. Das Schlimmste dabei: Mit einer einzigen Ausnahme wiederholen sich die nächtlichen Horrortrips für alle bis in die Gegenwart hinein, und das zum Teil Tag um Tag. Psychiatrische Hilfe lehnen sie allesamt ab, auch schlechter Erfahrungen wegen.

Ascher bringt sich an einigen Stellen selber ins Gespräch ein, was nicht wirklich hilft und auch keine Systematik erkennen lässt. Zudem sind rund 90 Minuten eine gewagte Spielzeit, die gefüllt werden wollen, und so wirken manche Spielsequenzen leicht zerdehnt oder wiederholen sich schlicht in immer neuer Variation. Insgesamt aber ist „The Nightmare“ ein interessanter Versuch, das Thema nicht nur nachvollziehbar, sondern in gewissem Rahmen auch nacherlebbar zu machen. Ideal für ein Doppelfeature mit Tegstedts Film oder Wes Cravens „A Nightmare on Elm Street“. [LZ]

OT: The Nightmare (USA 2015). REGIE: Rodney Ascher. MUSIK: Jonathan Snipes. KAMERA: Bridger Nielson. LAUFZEIT: 87 Min (DVD), 91 Min (Blu-ray). VÖ: 30.10.2015.

The Nightmare

[Abbildungen: Polyband]

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